EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Die Wetterfee Sabrina steht auf dem Dach des Fernsehstudios Leutschenbach und macht sich für die Sendung bereit. Seit mehr als zehn Jahren hat sie die tägliche Meteo-Sendung moderiert und lange hat sie ihre Tätigkeit als Traumjob beschrieben. Seit ein paar Monaten haben sich Zweifel eingeschlichen. Sie hat zunehmend das Gefühl, dass ihre künstlerischen Fähigkeiten und ihre Kreativität zu kurz kommen. Die Vorgaben der Redaktion engen sie ein. Sie hat versucht, die Wettervorhersagen durch blumige Ausdrücke und fantasievolle Beschreibungen der Wetterphänomene aufzulockern, was aber bei ihren Vorgesetzten nicht immer gut ankommt. Wörter wie «Gschlirpp», «Schlabergwölk», «Blumenkohlwolken» oder «eine Nebelwand wie eine verkochte Gemüsesuppe» tragen ihr immer wieder Verwarnungen ihrer Vorgesetzten ein, auch wenn sie in den Social-Media eine begeisterte Fangemeinde hat. Sie hat die Schnauze voll.

Als der Kameramann ihr das Zeichen gibt, dass sie auf Sendung ist, setzt sie zu ihrem Auftritt an. Sie schaut frech in die Kamera, klatscht mit den Händen einen stampfenden Rhythmus: «Täm te däm, tä däm, tä däm, tä däm» und legt los:

«Liebe Leute,
das ist für heute,
die Prognose,
meistens geht sie in die Hose,
denn das Wetter frech und schrill,
macht doch immer was es will.
Mal wird es nass, dann wieder trocken,
barfuss oder warme Socken?
Ein Tief kommt von den Azoren,
Westwind pfeift uns um die Ohren,
Alto-Stratus-Cumulus,
Sonnenschein und Regenguss,
Kältesee mit Pulverschnee,
sag ich voraus als Wetterfee.

Die Nächte werden sternenklar,
glaubt es nicht, es ist nicht wahr!
Denn von Süden weht der fiese
Föhn anstatt der kalten Bise.
Schlaberwolken, Blumenkohl,
wer Kopfweh hat, dem ist nicht wohl.
Durch Uri wird ein Sturm wohl fegen,
im Mittelland zeitweise Regen,
im Süden ist es warm und mild,
im Norden eher kalt und wild.
Am Sonntag dann erwarten wir
drei Sonnenstrahlen kurz vor vier.
Ansonsten bleibt es meist bedeckt,
Was auch keine Geiss wegschleckt:
Ich weiss, dass das euch gar nicht passt,
das ist das Wetter, das ihr hasst.

Wie soll ich allen recht es machen?
Bei Druckverteilung, einer flachen,
wenn die lieben Isobaren
so nah noch nie zusammen waren,
wird die Schneefallgrenze steigen.
Im Süden reifen schon die Feigen,
während hier im Norden schon
droht eine Kälte-Inversion.
Und am Gotthard wächst der Stau.
Mir wird im Magen schon ganz flau,
wenn ich hier oben auf dem Dach,
die Wetter-Vorhersage mach’
und ich seh’ das Wetterleuchten
vor der nächsten Front der feuchten.

Also liebe Leute:
Das war es dann für heute.
Ich kriege langsam kalte Füss’.
Ich sage nun Ade und tschüss.