EINE GESCHICHTE VON ISABELLE LEUTENEGGER

 

Als Einzelkind bin ich es gewohnt, immer mal wieder Zeit mit mir allein zu geniessen. Deshalb habe ich mich für ein Viertelstündchen von den Gästen und meinem frisch Angetrauten entfernt. Zufrieden mit mir und der Welt habe ich mich auf die blaue Holzbank unter dem Lindenbaum hinter dem Gewächshaus gesetzt. In Gedanken lass ich den bisherigen Tag Revue passieren. Bis jetzt ist alles wunderbar gelaufen. Die Wetterfrösche lagen total falsch mit ihrer Vorhersage, denn von zeitweisem Regen keine Spur. Es ist ein angenehm warmer, trockener Frühsommertag. Ich geniesse das laue Abendlüftchen, welches über meine nackten Arme streicht. Die Trauung und der anschliessende Apéro fanden auf der Wiese vor dem grossen Gewächshaus statt. Ein Blick auf die Omega Constellation Uhr, das Hochzeitsgeschenk von Robert, reisst mich aus meinen Gedanken und mahnt mich zum Aufbruch. Ungewohnt ladylike stehe ich auf und spaziere zurück. Wie ich den grossen Foodtruck, welcher neben dem Gewächshaus steht, passiere, höre ich munteres Stimmengewirr gepaart mit Gelächter aus der fahrbaren Küche der Cateringfirma. Schön denke ich, alles passt zum heutigen Tag, gut gelaunte Gäste und Caterer. Ich schnuppere — meine Nase nimmt den Geruch von gebratenem Fleisch wahr. Nach dem Champagnerapéro sollte ich nun wirklich etwas essen. Ich beschleunige und betrete das hell erleuchtete Glashaus. Für das Hochzeitsessen mit der anschliessenden Party haben meine Eltern unser Gewächshaus in ein kleines nobles Restaurant verwandelt. Sechs runde Tische überzogen mit edlen Damast Tischtüchern sind für ein mehrgängiges Essen eingedeckt. Gestecke mit Sommerblumen zieren jeden Tisch. Passende Stühle mit roten Hussen stehen bereit für die 34 Gäste. Mein frisch gebackener Ehemann Robert winkt mir zu und strahlt mich an. Ich setze mich neben ihn und hauche einen Kuss auf seine Wange. Unsere Gäste kommen herein. Ich höre Worte wie: «Mein Gott ist das schön hier drin!» Ja, das ist es wirklich, denke ich, und raune meinen Eltern leise zu: «Vielen Dank, Mama und Papa.» Mein Vater lächelt und nickt, meine Mutter tätschelt mir liebevoll die rechte Hand. Meine Eltern hatten darauf bestanden, die Hochzeitsfeier in unserem Geschäft stattfinden zu lassen. Seit mehr als 30 Jahren führen sie die Gärtnerei Kiffer. Sie ist zuständig für die Blumenabteilung, mein Vater fürs Gemüse. Die ausgeprägte Liebe meiner Mutter zu Blumen bescherte mir die Vornamen Begonia Rosen. Wer in aller Welt heisst Begonia? Zudem mag ich diese Balkonblumen überhaupt nicht. Als ich sehr klein war, riefen mich meine Grosseltern Begi! Ich hasste es! Kurz bevor ich in den Kindergarten ging, erklärte ich allen, dass ich ab sofort ausschliesslich Rosen heissen würde. Eigentlich ist Rosen ein bulgarischer Bubenname, also eher selten für Mädchen — mich störte das nie. Meine Eltern begegneten mir mit Verständnis und so kam es, dass in meinem ersten Pass nur noch der Name Rosen Kiffer stand. Allerdings wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, dass eigenartige Namen mich mein ganzes Leben begleiten würden.

In den ersten Schuljahren war weder mein Vor- noch mein Familienname für meine Schulkameraden interessant. Erst ab der vierten Klasse begannen die Neckereien bezüglich meines Familiennamens Kiffer. In der Sekundarschule hörte ich öfters blöde Sprüche wie: «Rosenkiffer! Kiffst du hinter den Rosen?» Während der Lehrzeit zur Gärtnerin und der zweiten Lehre zur Floristin hatte ich diesbezüglich Ruhe. Klar, wann immer ich ein Formular ausfüllen oder meinen Namen irgendwo nennen musste, huschte ab und an ein verlegenes Lächeln über das Gesicht meines Gegenübers. Doch daran hatte ich mich längst gewöhnt.

Irgendwann trat Robert in mein Leben. Sein eigentlich normaler Familienname war bis zu dem Zeitpunkt beim Italiener nie von Bedeutung. Robert und ich waren ein Jahr zusammen, da überraschte er mich im Restaurant mit einem Heiratsantrag. Ich liebe Robert über alles und sagte sofort ja. Ich hob das Glas mit dem wunderbaren Barolo und säuselte etwas übereifrig: Robert, wie wäre es, wenn du meinen Familiennamen annehmen würdest?»
«Ich bitte dich Rosen, das ist unmöglich! Ich bin Polizist, da kann ich wohl kaum Robert Kiffer heissen. Es könnte Menschen geben, die denken würden, der Name sei Programm!», meinte Robert lachend und winkte ab.

Na ja, und so ist es gekommen, wie es kommen musste. Ich nahm den Familiennamen von Robert an. Mein Vater war selig. Er meinte, nun würden mein Vor- und mein Familienname unsere Geschäftsinhalte vollumfänglich abbilden.

Das Festessen war mittlerweile vorbei. Roberts rechte Hand taucht einladend vor meinem Gesicht auf. Ich höre seine sonore Stimme: «Darf ich meine frisch angetraute Ehefrau, Rosen Kohl, zum Tanz bitten?»
Lächelnd reiche ich ihm meine Hand, stehe auf und denke: Und Tschüss — die Hoffnung auf einen ‘normalen’ Namen kann ich wohl vergessen!