EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Kevin lehnte sich entspannt in seinem Business Class Sitz zurück und nahm genussvoll einen Schluck Prosecco, den ihm die Flight Attendant eben gereicht hatte. Das Ende naht, dachte er und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er kam nicht umhin, die letzten Monate nochmals vor seinem geistigen Auge passieren zu lassen.
Der Job in der Beschaffungsabteilung hatte ihm schon länger Sorge bereitet. Obwohl er kaum mehr als zwei Drittel wirklich produktiv arbeitete, fühlte er sich doch deutlich unterbezahlt. Und die Karriere, die er sich erhofft hatte, erwies sich als zu holprig. Er hätte erst in eine Weiterbildung gehen, Prüfungen ablegen müssen. Er hatte die Nase gerümpft. Ein Ende musste nahen. Aber wann? Und wie? Wie gelang ihm der grosse Schritt? Fragen über Fragen und Kevin hatte keine Antworten darauf gewusst. Nicht, dass ihn dies allzu sehr erschüttert hätte. Es hatte immer viele Fragen im Leben gegeben, auf die er keine Antwort gewusst hatte. Das war schon in der Schule oft so gewesen. «Das Ende naht!», hatten die Lehrer früher leicht verzweifelt gesagt und angedeutet, dass seine Schulbildung trotz Ende der Schulzeit dann doch recht zu wünschen übrigliesse. Das war ihm eigentlich auch egal gewesen. Um Karriere zu machen, braucht es weniger eine gute Ausbildung als eine gute Einbildung, pflegte er zu sagen.
Und dann war die Eingebung doch noch gekommen. Das schon recht veraltete Computersystem hatte eine Fehlbuchung nicht korrigieren können und die Rückerstattung der Bank blieb liegen. Aus Langeweile hatte Kevin seine Bankverbindung eingetippt und prompt war ihm der Betrag überwiesen worden. Und im Buchungssystem tauchte der Fehler nicht auf. Kevin hatte nie wirklich begriffen, wie das sein konnte, aber er hatte es noch ein paar Mal wiederholt und es hatte immer geklappt. Da hatte sein Plan zu reifen begonnen. Acht Monate würden reichen, hatte er sich damals ausgerechnet. Dann würde er sich auf der entfernten Pazifikinsel zur Ruhe setzen können.
Doch dann war Gloria neu in die Abteilung gekommen. Er hatte sie erst nicht gross bemerkt, sie war still und eher zurückgezogen gewesen. Ein einfaches Gemüt hatte er geurteilt und sich wieder dem Umsetzen seines Plans gewidmet. Bis zu jenem Donnerstagabend – und auch in seinem Tagtraum fuhr es Kevin wieder heiss den Rücken hinunter – als Gloria plötzlich hinter ihm gestanden, ihre Hand auf seine Schulter gelegt und lächelnd gefragt hatte: «Ich darf doch mitkommen, oder?» Er hatte erst da bemerkt, dass sie die neue Computerexpertin gewesen war.
Für Kevin war es sofort klar geworden, dass er seine Pläne würde ändern müssen, zumindest teilweise. Natürlich würde er sich alleine zur Ruhe setzen wollen, das hatte er so beschlossen. Auch wenn er sich mit Gloria sehr gut verstand und sie sich in ihrer Beziehung immer nähergekommen waren. Und so hatte er begonnen, sorgfältig das nahende Ende zu orchestrieren. Er hatte sich einen gefälschten südosteuropäischen Pass besorgen können und hatte sich so eine zweite Identität aufgebaut. Niemand hatte davon gewusst. Auch hatte er vergessen, Gloria etwas davon zu erzählen.
So hatten sie zusammen den Plan geschmiedet, dass sie unabhängig voneinander nach London fliegen würden und von dort zusammen nach Montevideo. Dort würden sie dann über die grüne Grenze auf der Insel ihrer Wahl ankommen. Und wenn sie am Freitagabend abreisten, würden sie am Montagmorgen längst dort sein und ihre Spuren verwischt haben. Allerdings hatte Kevin noch eine andere Route geplant. Und auch das hatte er Gloria vergessen gehabt zu erzählen.
Dann war das grosse Ende gekommen. So hatten sie sich am Freitagmittag noch zum Lunch getroffen, die letzten Details besprochen, sich tief die Augen geschaut. Und dann, endlich, war es kurz vor vier gewesen. Das Ende nahte, hatte er erleichtert gedacht, den Computer abgestellt und im Schrank versorgt. Ohne sich umzublicken hatte der die Firma verlassen. Auf dem Weg zum Bahnhof hatte er seine Umwandlung vorgenommen. Kevin Hauser hatte kurz bei einem Abfalleimer der Stadt halt gemacht und war nach wenigen Sekunden als Sergio Amarillo weitergegangen. Neu mit einem beigen Strohhut und einer Brille mit einem dicken braunen Gestell. Aber ohne Mobiltelefon und Ausweise.
Unterwegs war ihm dann noch eine Gestalt entgegengekommen, etwas unsicher, die Arme ausgebreitet, in einen dunklen schäbigen Regenmantel gehüllt, in einer Hand eine Flasche schwenkend. «Das Ende naht», hatte die Person mit lauter und tiefer, aber deswegen nicht klarerer Stimme und leicht schwankend gerufen. Kevin hatte dem Mann kurz bestätigend zugenickt, war ihm aber dann doch ausgewichen. Trotzdem hatte er kurz vor sich hin philosophiert. Das Ende nahe – ja welches den genau? Das Ende des Universums, der Welt, die die Menschen derzeit mit vollem Einsatz zu Grunde richteten? Das Ende des Arbeitstages, des langweiligen Jobs? Oder doch nur ganz banal das Ende des Flascheninhalts, der zumindest für eine kurze Weile Trost versprach, ohne dieses Versprechen wirklich jemals zu halten?
Kevin erwachte aus seinem Tagtraum und blickte auf die Uhr. In wenigen Minuten würde sein Flug nach Riga starten, von wo er weiter nach Dubai und dann auf die Philippinen fliegen würde. Er bedauerte nur, dass sein Sitzplatz auf dem Flug nach London in zwei Stunden frei bleiben würde. Erleichtert hörte er die «Boarding completed»-Durchsage. Das Ende nahte. Die letzten Passagiere schienen eingestiegen zu sein, der Sitz nehmen ihm blieb aber weiter leer. Auch draussen schien alles seinen gewohnten Gang zu gehen, letzte Gepäckstücke wurden verladen. Ein Polizeiauto fuhr langsam vorbei, bremste ab, als vor ihm ein Traktor manövrierte.
Kevin hörte nur mit halbem Ohr hin, als die übliche Sicherheitsdurchsagen gemacht wurden. Dann schaute er nochmals aus dem Fenster. Das Polizeiauto war weg. Kevin schloss erleichtert die Augen. Er überlegte gerade ob er lieber Weisswein oder Rotwein zum Snack bestellen sollte, als ihn die freundliche Stimme der Flight Attendant erreichte. «Herr Kevin Hauser?» Kevin fuhr herum und erstarrte nur einen Bruchteil einer Sekunde später.

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