EINE GESCHICHTE VON MANUSCH

 

Das Ende naht…
…oder eventuell gar der Weltuntergang, der schon so oft prophezeit wurde? Klara kicherte hektisch vor sich hin und zuckte nervös die schmalen Schultern. Diese Schlagzeile war ja wohl ein schlechter Witz! Wobei – irgendetwas in ihr wurde davon scheinbar getriggert. Sie wurde den Satz einfach nicht los, seit sie gestern die kurze mail gelesen hatte. Warum musste eigentlich alles im Leben zu Ende gehen und dann ausgerechnet noch jetzt, im grauen Totenmonat. In dem ohnehin das Ende an jeder Ecke lauerte, das Erntedankfest, das baldige Ende des Jahres und das Ende des Lebens. Gut, der Himmel war noch immer tageweise blau und die ersten bunten Blätter heuer spät dran, auch das Wetter war nicht mehr wirklich einzuordnen. Viele Ordnungen gingen in dieser Zeit verloren oder zumindest verschwanden einige davon überraschend schnell. Auch hier ein Ende von etwas Beständigem. Wohin war nur das Berechenbare entschlüpft und wann, so viele lose Enden, dachte Klara leicht wehmütig. Sie erledigte gedankenverloren den Abwasch und setzte sich mit einem Espresso an den Küchentisch.

Ihre erste Liebe war vor langer Zeit zu Ende gegangen, allerdings ohne, dass sie damals den jähen Abbruch nur geahnt hatte. Einfach nur ein Abschiedsbrief und ein müdes ciao bella, aus war der Traum. Dann das Ende der Ausbildung, klar war das vorhersehbar gewesen und dennoch. Der Abschied von den langjährigen Kommilitoninnen kam für alle zu schnell. Eilige Küsse, kräftiges Schulterklopfen und tausend gute Wünsche, dann zerstreuten sie sich in alle Himmelsrichtungen, aus war´s mit der Zusammengehörigkeit.

Jetzt fiel ihr noch ein, wie sie aus der ersten eigenen Wohnung ausziehen musste. Leider kann der Mietvertrag wegen Eigenbedarf nicht mehr verlängert werden, wir wünschen Ihnen viel Glück beim Umzug. Möbel schleppen, Millionen unnötiger Dinge ein- und wieder auspacken und in eine Wohnung am anderen Ende der Stadt mehr oder weniger unfreiwillig umsiedeln. Aus war´s mit der Gemütlichkeit. Zumindest fürs Erste.

Dann sausten ihr all die kleinen Enden der letzten Jahrzehnte durch die Gedanken. Arbeitskolleg_innen, die sich neu orientierten, Freundinnen, die in ihren eigenen kleinen Familien versanken, Geschwister, die auswanderten oder der Tod einer alten Tante, die immer nach Kölnisch Wasser gerochen hatte. Dann das Ende bei einer Firma, die so etwas wie eine zweite Heimat geworden war. Leichter zu reden war da von den vielen Urlauben an wunderschönen Orten, die leider immer zu früh zu Ende gingen bis hin zum alten Sofa, das endlich doch beim Sperrmüll landen musste. Überall Enden, überall war Umstellung verlangt und loslassen. Danach loslassen oder sein lassen. Nicht genug der Übung, dazu kam immer noch sich parallel dazu auf Neues einzulassen, ohne zu wissen, was da noch alles kommen würde.

Im Grunde war doch alles im Leben mit einem Ende behaftet, warum war ihr das noch nie so klar aufgefallen. Vielleicht weil sie gerne an die Zukunft und all die möglichen Möglichkeiten dachte. Oder sie hatte es einfach ausgeblendet. Vermutlich waren all die Enden tief in ihr gespeichert und hatten nur drauf gewartet, durch einen Weckruf heraus zu schlüpfen. Sich zu zeigen und dieser leise Weckruf war eben die Schlagzeile gestern gewesen. Sie klappte entschlossen den laptop auf und googelte „das Ende von etwas“ und siehe da, schon Ernest Hemingway hatte dazu eine Kurzgeschichte verfasst, die – wovon auch sonst – von einer Beziehung und deren Ende sowie dem Niedergang eines Sägewerks erzählt. Na ja, auch nicht gerade aufregend. Klara beschloss auf der Stelle diese Geschichte nicht zu lesen, denn zu diesem Thema hätte sie mindestens zwei eigene schreiben können.

Überhaupt beschloss sie, dass es mit dem Ende ein Ende haben sollte und schließlich (und endlich) hatte sie das bisherige Leben gelehrt, dass es immer weiter gehen würde. Ein tröstlicher Gedanke, wenn auch etwas einfach gestrickt. Aber manchmal ist das Einfach der bessere Weg, weil vom vielen Gedanken-machen kriegt man leicht Kopfschmerzen. Eines Tages wollte sie sagen können: Schön war´s. Ende.

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