EINE GESCHICHTE VON ISABELLE LEUTENEGGER

 

Den Blumenstrauss, welcher sogar im Discounter um 50% reduziert war, in seinen Händen hin und her drehend beginnt Kurt:
«Alice, ich habe dir Blumen gebracht. Ich weiss, du wirst es vermutlich nicht gutheissen, aber heute ist ein grosser Tag – natürlich nur annähernd so wichtig wie unsere Hochzeit vor gut dreissig Jahren. Ich bestelle mir mein Super-Modell aus dem Hause Engel. Es sieht einfach herrlich aus. Aussen glänzend schwarz, innen äusserst bequem ausgestattet. Der Himmel ist wasserblau. Die Schnittlinie mutet sportlich an. Ja, ja, meine Liebe, ich weiss. Du findest das zu extravagant. Glaub mir, liebe Alice, seit du gestorben bist, habe ich wirklich jeden Franken und Rappen gespart, um mir diesen Wunsch zu erfüllen. Bitte sei nachsichtig mit mir. So, jetzt muss ich aber los, ich habe meinen Termin um elf Uhr.

Kurt arrangiert den zerzausten Blumenstrauss in einer Friedhofsvase. Vor Freude würde er am liebsten hüpfen, aber das geziemt sich hier nicht. Also verlässt er langsam und aufrechten Ganges den Friedhof. Kaum draussen, beschleunigt er ungewollt. Langsam, Kurt, langsam! Geniess die Vorfreude, ermahnt er sich.

Gegenüber der Firma Engel ist eine Bushaltestelle mit Bank. Wie viele Stunden habe ich hier wohl verbracht und zu dem Showroom rüber geschaut, fragt er sich. Da es erst viertel vor elf ist, setzt er sich und lässt die letzten 24 Monate Revue passieren.

In den zwei Jahren nach Alices Tod hast du dich zum Sparfuchs entwickelt, denkt er. Jeden Morgen gönntest du dir zwei Tässchen Tee – mit dem Teebeutel vom Vortag! Du hast wirklich sehr lange auf diesen Moment hin gespart. Von Sehnsucht geplagt, standest du in den letzten zwölf Monaten immer wieder staunend vor dem Showroom oder sassest auf dieser Bank. Wiederholt hattest du dir überlegt, wie es sich wohl anfühlen würde, eines dieser ausgefallenen Modelle auszuprobieren. Erstaunt über deinen eigenen Mut wagtest du dich letzten Juli in das Geschäft, um Prospekte zu erbitten. Diese ansprechend gestalteten Hochglanzpapiere versüssten dir die Zeit des Sparens. Allerdings erlaubtest du dir nur mittwochs und samstags jeweils für eine Stunde darin zu blättern. Unglaublich, wie diszipliniert du warst! Du kannst sehr stolz auf dich sein. Denk an die monatelange Schnäppchenjagd im Supermarkt! Denk auch an die nicht getrunkenen Tassen Kaffee im Restaurant! Stell dir vor, letzten Winter hast du sogar die Heizung um drei Grad reduziert. Die sorgfältig nachkontrollierte Heizkostenabrechnung wies eine Ersparnis von immerhin 67 Franken auf.
Alices Hinschied hast du ordentlich schnell verdaut. Sei ehrlich, du warst auch etwas froh, denn nach ihrem Ableben konntest du dich erklärungslos auf dein Sparziel fokussieren.

Kurt schmunzelt. Seine verstorbene Frau hatte ihn Penibelchen genannt. Er hatte sie gewähren lassen und ihr heimlich den Spitznamen Gebieterin gegeben. Sie hatte ihn jeweils am Morgen in den Supermarkt geschickt, um ja frische Ware zu bekommen. Nun hatte er sich angewöhnt, erst gegen Ladenschluss zu gehen. So konnte er von den verbilligten Lebensmitteln profitieren. Auch hätte die Gebieterin wohl kaum das Runterschrauben der Raumtemperatur goutiert.

Akkurat, wie Kurt ist, hat er die passende Kleidung für den heutigen Anlass bereits gestern bereitgelegt. Blaues Sakko, graue Hose und ein dezentes Hemd. An seinem letzten Arbeitstag vor vier Jahren hatte er diese Garderobe getragen. Alice hatte das so gewollt; also war es richtig. Einschneidende Momente verlangen nach spezieller Garderobe, meinte Alice stets.

Die ersten Wochen nach der Pensionierung war Kurt froh, seinem grauen Alltag als Buchhalter bei einer Grossmetzgerei entflohen zu sein. Nach ein paar Monaten jedoch begann er sich zu langweilen. Kreuzworträtsel, Sudoku und Puzzle verloren ihren Reiz, wie auch die letzten Jahre mit Alice. Damals hatte sie gemeint, frische Luft täte ihm gut, also begann er folgsam durch die Quartiere der Stadt zu spazieren.

Sein leiser Widerwille wich, als Kurt an einem herrlichen Sommertag zum ersten Mal vor dem Showroom der Firma Engel stand. Eine lang vermisste Wärme breitete sich in seiner Seele aus. Sein Herz begann wild zu klopfen.
Dann kam Alices Krankheit. Alles ging schnell. Kurt war traurig, weil er fünf Monate lang die Firma Engel nicht mehr besuchen konnte.

Erwartungsvoll betritt Kurt pünktlich um elf Uhr den ihm so vertrauten Showroom. Der Geschäftsführer Herr Engel persönlich erwartet ihn. Gemeinsam begutachteten sie nochmals das favorisierte Modell. Bevor die Innenausstattung fixiert wird, erklärt Herr Engel die Schnittlinie, die elegante Form der Griffe und die Farbwahlmöglichkeiten.
Aussen Schwarz, der Himmel wasserblau, das Interieur ziert ein feiner samtiger Stoffbezug – Kurt ist zufrieden mit seiner Wahl. Bequem zum Ruhen soll das Wunschmodell ebenfalls sein. Nicht zum ersten Mal erkennt Herr Engel in Kurt einen Seelenverwandten.
«Möchten Sie vielleicht Ihr Traummodell ausprobieren?»
«Danke, sehr gerne.»
Sanft gleitet Kurts linke Hand über den schwarz glänzenden Lack. Langsam und bedächtig steigt er ein. Er macht es sich bequem und schaut sich um. Seine Augen leuchten.
«Dieses Modell ist wie für mich gemacht, sehr komfortabel und man hat genügend Platz. Kein anderes kommt infrage.»

Nach einer weiteren Viertelstunde ist der Kaufvertrag unterschrieben. Herr Engel beglückwünscht Kurt zu seiner exquisiten Wahl. Die Auslieferung soll noch diesen Monat erfolgen. Bereits Wochen zuvor hat Kurt die Garage ausgeräumt. Alle alten Sachen seines längst verkauften beigen Opel Astra hat er eilig entsorgt. Sogar einen neuen Anstrich hat die Garage bekommen. Sein Traummodell soll gut aufgehoben sein.

Mit leicht zitternden Händen nimmt Kurt die Vertragsunterlagen entgegen und verstaut sie in seinem abgewetzten grauen Samsonite-Aktenkoffer. Langsam, sich an der Stuhllehne haltend, erhebt sich Kurt. Mit einem beinahe freundschaftlichen Händedruck verabschieden sich die beiden Herren voneinander. Beschwingt, seinen Aktenkoffer fest in der Hand, schreitet Kurt zur Tür.
Herr Engel begleitet ihn und meint: «Was habe ich Ihnen gesagt? Wir versprechen Ihnen eben nicht das Blaue vom Himmel. Bei uns kann sich jeder seinen eigenen Himmel aussuchen.»
Kurt blickt sich nochmals um und nickt dem Besitzer des Bestattungsunternehmens glücklich zu.

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