EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

«Das Glück? Ich habe es wohl übersehen…». Der Satz flatterte über die Köpfe der Gäste in der Tapas-Bar in Valencia wie das Werbeband, das am Nachmittag von einem Flugzeug über den stahlblauen Himmel gezogen wurde. Glasklar stach er aus der Flut von spanischen Wortfetzen, englischen Ausrufen und undefinierbaren skandinavischen Brocken heraus, die von Lachwogen überspült wurden mit Schaumkronen vom Klirren der Gläser.
Felix drehte sich auf seinem Barstuhl in die Richtung, aus der der Satz der singenden Frauenstimme gekommen war. Ganz hinten stand sie mit mahagonybraunem Haar und einer Jacke aus roter Seide in einer Gruppe an einem Tisch. Ein Kellner stellte gerade Tapas in kleinen Schälchen auf den Stehtisch. Während ein Mann die Gläser zur Seite schob, schaute sie quer durch den Raum, als würde sie ihrer Aussage folgen und überprüfen, ob sie bei Felix angekommen sei.
Der Satz traf Felix in der Magengrube. Eine dunkle Traurigkeit überschwemmte ihn, als sich ihre Blicke fanden. Bilder seiner Reise rasten durch seinen Kopf wie ein Film, der im Schnelldurchlauf abgespielt wurde. Die Fassade der Oper in Lyon, die lange Autofahrt durch das Rhonetal, das Klirren der Segelschnüre an den Masten der Jachten im Hafen von Marseille, die Menschenmenge auf den Ramblas in Barcelona, die metallene Fassade des Guggenheim-Museums in Bilbao, die Bucht von San Sebastian, der Königspalast von Madrid, die Säulen der Mezquita in Còrdoba. Kreuz und quer war er in den letzten Wochen durch Frankreich und Spanien gefahren, immer getrieben von seiner Liste der Sehenswürdigkeiten, die er unbedingt sehen wollte. Einmal im Leben diese Herrlichkeiten besuchen, war sein Plan, den er sich zusammengestellt hatte, und der nun mit vielen Haken im Hotel lag.
Am Nachmittag, als er vor der brütenden Hitze in die Kühle seines Zimmers geflüchtet war, hatte er auf die Checkliste gestarrt und sich überlegt, was noch offen war. Die Alhambra in Granada, der Affenfelsen von Gibraltar, die Plaza de Toros in Ronda musste er noch schaffen. Dann würde er die Heimreise antreten. Eine unerklärliche Leere hatte ihn erfasst, bevor er angezogen auf dem Kingsize-Bett in einen fiebrigen Schlaf gefallen war. Das Klopfen an der Türe und die Stimme der Zimmerfrau hatte ihn aufgeschreckt. Es war schon dunkel. Er raffte sich auf, duschte und tauchte, immer noch leicht benommen, in das abendliche Treiben auf der Strasse ein. Er schlenderte durch die Gassen auf der Suche nach einem Lokal, wo er etwas essen könnte. Bei der Boatella Tapas kehrte er ein, drängte sich durch die dichte Menschenmenge an die Bar und bestellte ein Cerveça und eine Auswahl von Tapas.

«Das Glück? Ich habe es wohl übersehen…» hallte immer noch in seinem Kopf und wühlte seine Gedanken auf. «Was mache ich hier? Was suche ich? Was habe ich übersehen?» hämmerte es in seinem Gehirn, während sein Blick immer wieder von der Frau am andern Ende der Bar angezogen wurde. Auch sie drehte sich von ihrer Gesellschaft ab und schien ihm zuzulächeln. Wie von einer unsichtbaren Hand wurde er von seinem Stuhl gezogen, griff nach seinem Glas und bahnte sich den Weg durch die gestikulierende und lachende Menge, bis er vor der dunkelhaarigen Frau stand und sagte: «Das Glück? Ich habe es wohl auch übersehen…». Die Frau strahlte ihn an.
«Hallo, ich bin Hanna».
«Felix», stammelte er und das Blut schoss ihm in den Kopf.
«Na, dann wollen wir mal sehen, wo es sich versteckt, das Glück.» Sie lachte ihr glucksendes Lachen, fasste ihn am Arm und zog ihn an ihren Tisch.
«Darf ich Euch Felix vorstellen. Ein anderer Suchender. Wir diskutieren gerade über das Glück und wie es uns wohl findet.»
Der graumelierte Herr stellte sich als Armand vor.
«Und das sind Helga und Gabriela. Wir feiern gerade den Abschluss unserer Reise durch Spanien und fragen uns, warum das Reisen ein schales Gefühl zurücklässt, nach all dem Schönen, das wir gesehen haben.»
Armand bestellte eine weitere Runde Cerveça und noch eine Platte Tapas.

Am nächsten Morgen verabschiedete sich die Gruppe zum Flughafen. Felix und Hanna setzten ihre Suche nach dem Glück fort und fanden, was sie zuvor übersehen hatten.

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