EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Klaus summte fröhlich vor sich hin, während er sich vor dem Spiegel frisch machte. Sorgfältig tupfte er etwas Schatten-Makeup unter die Augen, lockerte den Krawattenknopf noch etwas und prüfte, dass er sich hinter der Kinnbacke nicht ganz sauber rasiert hatte. Dann war er bereit fürs Büro.

Anita war bereits beim Empfang. Klaus lächelte ihr ein gekonnt gequältes «Guten Morgen» zu, liess die Schultern noch etwas mehr hängen und ging raschen Schrittes in sein Einzelbüro. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Der Chef musste gleich vorbeigehen, er war pünktlich wie eine Schweizer Uhr mit einem japanischen Laufwerk. Klaus packte zwei Ordner mit Akten, klemmte sich den Laptop unter den Arm und spähte aus der Türe. Gerade rechtzeitig.

«Guten Morgen Klaus», begrüsste ihn sein Chef mit einem wohlwollenden Nicken. «Du bist ja schon wieder voll dran.» Klaus nickte zurück, murmelte einen Gruss und ging den Korridor hinunter. An der Kaffeemaschine standen Reto und Lara. «Morgen Klaus, komm’ nimm dir einen Kaffee», rief Lara. «Keine Zeit», keuchte Klaus kurzatmig, «muss zum Workshop», und verschwand. Reto schüttelte den Kopf. «Klaus ist in letzter Zeit wirklich überarbeitet. Der muss aufpassen mit dieser Menge Arbeit, sonst läuft er in ein Burnout.» Lara nickte.

Klaus schloss die Türe des Sitzungszimmers hinter sich und zog die Vorhänge zu. Dann setzte er sich mal, startete seinen Laptop und konnte endlich das Computerspiel von gestern fertig spielen. Zeit hatte er bis zur Kaffeepause, dann musste er aus dem Zimmer, die Akten versorgen, neue auspacken und wieder sichtlich gestresst durch die Gänge eilen.

Er war zwischenzeitlich selber überrascht zu sehen, wie diese neue Arbeitsform erfolgreich war. Er hatte vor ein paar Wochen rein zufällig das interne Organisationspapier beim Kopierer gefunden und natürlich gelesen. Es stand ein kleiner Personalabbau bevor und er war sich rasch im Klaren, dass seine Funktion eine genauere Überprüfung kaum überstehen würde. Er hatte daraufhin etwas recherchiert und kam zum Schluss, dass er sich sehr rasch für die Firma unentbehrlich machen musste. Und das musste er primär sichtbar machen. Daraufhin war er oft auf den Gängen zu sehen, Akten unter dem Arm oder den Laptop in der Hand, von Sitzungszimmer zu Sitzungszimmer eilend.

Innert Tagen konnte er dies entwickeln und weiter perfektionieren. So sah man ihn nie an der Kaffeemaschine stehen und wenn er jemandem begegnete, lief er leicht schneller, grüsste und sprach leicht kurzatmig oder keuchte hörbar. Die Mittagspause verbrachte er oft alleine, um bei der Rückkehr gekonnt anzudeuten, dass er eigentlich gearbeitet hätte.

Es ging nicht lange, bis die Wirkung einsetzte. Aufmunternde Blicke, ein wohlwollender Klaps auf die Schulter, ein bewunderndes Nicken begannen seinen Alltag zu füllen. Noch blieb Klaus zurückhaltend, er durfte es nicht übertreiben. Aber es war für ihn klar, dass ihn die Reorganisation unbehelligt lassen musste. Er spielte seine Rolle immer besser, murmelte situativ, leise, aber doch gut hörbar, dass er kaum noch Energie habe, die Arbeit aber immer an erster Stelle stünde. Er setze sich eben voll und ganz für die Firma ein.

Er achtete auch darauf, sich in seiner Freizeit von den üblichen Treffpunkten der Kolleginnen und Kollegen fernzuhalten. Das fiel ihm leicht, hatte er doch einen eigenen, überaus gut gefüllten Freizeitkalender.

Natürlich gab es auch fürsorgliche Stimmen, mahnende Blicke ob seiner Arbeitslast. Klaus hatte sich dazu ein paar passive Sprachregelungen zurechtgelegt. «Nur etwas ausgepowert», «muss nur den Akku laden», «Energiestand etwas tief», pflegte er dann mit einem leicht gequälten Lächeln zu antworten. Dabei feilte er noch etwas daran, wo genau die Grenze lag. So durfte er nicht den Anschein erwecken, er brauche Unterstützung im Job, eine vorübergehende Aushilfe oder einen Wechsel. Nein, die subtile Balance lag darin, dass sein Job ein Maximum an Arbeitslast darstellte, die eine Einzelperson gerade noch zu leisten vermochte. Nicht ganz unbescheiden rühmte er sich selber, dies inzwischen nahezu perfekt zu meistern.

«Ich habe heute Klaus noch nicht gesehen», meinte Lara fragend, als sie nach den Ferien an der Kaffeemaschine stand und einen Espresso wählte. Reto schüttelte den Kopf. «Eine derzeit noch undurchsichtige Geschichte», begann er. «Klaus kam mit einem Stapel Akten um die Ecke und bemerkte dabei die Kaffeelache hier am Boden nicht. Er ging leicht gebückt und schlurfte etwas. Er schien einfach keine Energie mehr zu haben. Dabei ist er auf der Pfütze ausgerutscht. Diagnose Oberschenkelhalsbruch und Spital. Sein Chef ist seit Tagen daran herauszufinden, an was Klaus eigentlich gearbeitet hatte.»

Leave a Reply