EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Ich weiss, ich müsste aufstehen und regieren. Dafür bin ich doch Königin. Seit siebzig Jahren habe ich nichts Anderes gemacht. Als ich damals in Kenia erfuhr, dass mein Vater gestorben sei und ich sofort heimkehren müsse, um seine Nachfolge anzutreten, habe ich nicht geahnt, was auf mich zukommen würde. Ich sagte dann in meiner Antrittsrede den Satz, der mein Leben bestimmen sollte: «Ich verspreche, dass ich mein ganzes Leben, sei es lang oder kurz, für unser Land und den Fortbestand der königlichen Familie einsetzen werde.» So oder ähnlich sagte ich es. Es ist schon lange her. Mein Leben war lang und in letzter Zeit mühsam. Seit Philipp gestorben ist, ist es einsam geworden in Windsor, Balmoral Castle und vor allem im Buckingham Palast. Ich vermisse seinen sarkastischen Witz. Wir können in unseren privaten Räumen nicht mehr gemeinsam lästern über den Premierminister und das Chaos, das er mit dem Brexit angerichtet hat. Vor zwei Tagen habe ich Mr. Johnson verabschiedet. Ich musste ein schadenfrohes Grinsen unterdrücken, auch wenn es tragisch ist, dass solche Figuren die Geschicke unseres Landes bestimmen. Kurz darauf musste ich seine Nachfolgerin einsetzen, die auch keine Leuchte von Intelligenz zu sein scheint. Aber was bleibt mir anderes übrig? Hätte ich sie ablehnen sollen und das Land in eine Regierungskrise schicken? Ich tat einmal mehr, was man von mir erwartete. 15 Premierminister habe ich nun schon kommen und gehen sehen, von Churchill bis Johnson und auch Mrs. Truss wird eines Tages überstanden sein.

Aber heute habe ich keine Energie mehr. Ich möchte nicht aufstehen, den ganzen Tag im Bett bleiben, nichts tun, faulenzen. Darf man das als Königin? Muss ich eine Grippe vortäuschen, das Fieberthermometer heimlich hochtreiben, wie ich es als Kind gemacht habe, wenn ich keine Lust hatte, mich mit dem Hauslehrer und den Nannies abzuplagen? Eigentlich könnte doch Charles übernehmen. Der wartet schon lange darauf, König zu werden. Nun soll er mal beweisen, dass er das kann. Aber ob das gut geht? Da habe ich meine Zweifel. Repräsentieren, an meinem Thronjubiläum auf dem Balkon stehen, den Menschen zuwinken, das geht ja schon ganz gut. Aber regieren ist mehr als das. Wenn ich nur an all die Dokumente denke, die ich jeden Tag in dem roten Koffer vorgelegt bekomme, lese und zu verstehen versuche, was ich da unterschreibe, wird mir bange. Wird Charles in meinem Sinn regieren? Oder ist es eher Camilla, die im Hintergrund die Fäden zieht? Ich glaube, es ist noch zu früh, um zurückzutreten. Schön wäre es, wenn ich direkt an William übergeben könnte, aber das geht wohl nicht. Da fällt mir ein, dass damals, 1953, viele ähnlich dachten: Diese junge, unerfahrene Frau. Kann die das? Wäre es nicht besser, die Thronfolge-Regeln zu ändern, damit ein Onkel oder sonst ein erfahrener Mann aus der Verwandtschaft König werden könnte? Denen habe ich es aber gezeigt!

Heute bleibe ich einfach im Bett. Die Königin hat keine Lust aufs Regieren. Eine meiner Hausdamen wird die Hunde spazieren führen, die Geschäfte werden morgen erledigt. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich werde bei offenem Fenster dem Gesang der Vögel in den Bäumen des Parks zuhören, mir vorstellen, wie die Welt sich weiterdreht, während die Königin döst, werde keine Zeitung lesen, den Fernseher nicht einschalten, keine Besucher empfangen, lasse mir mein Frühstück aufs Zimmer bringen, mir einen faulen Tag gönnen. Das wird man als Königin doch wohl dürfen!

Die Kissen fühlen sich so seiden an. Ich lasse mich sinken wie in einem Swimmingpool voll Gänsefedern. Endlich habe ich meine Ruhe. Eine unfassbare Leichtigkeit lässt mich schweben. Mit geschlossenen Augen sehe ich ein warmes Licht, das mich einhüllt, fortträgt, mir meine Energie abzieht, wie das weisse Nachthemd, das ich so liebe. Goodbye schöne Welt, goodbye grosses Königreich.

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