EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Michi fluchte wieder einmal wie ein Rohrspatz, aber Diana machte keinen Wank. Schon wieder. Nicht, dass sich Michi oft aus der Ruhe bringen liesse, aber Diana, speziell Diana trieb ihn oft zu einem erhöhten Blutdruck. Und eigentlich wäre heute so ein schöner Tag. Wolkenlos, Sonnenschein und die Höhe auf der Alpweide versprach milde Temperaturen.

Doch erst mussten die Kühe wieder in den Stall. Die meisten waren schon drin, aber Diana weigerte sich standhaft. Zwar ein prächtiges Simmentaler Vieh, aber ein Dickschädel sondergleichen. Und dann hatte sie des öftern Mitläuferinnen. Sie war halt etwas eine Alphakuh.

«Mistvieh, nun beweg dich, deine Beine sind ja nicht nur angemalt», maulte Michi.

«Tja», ertönte hinter ihm plötzlich eine Stimme. «Eine Kuh macht muh und viele Kühe machen Mühe», gefolgt von einem heiteren Lachen.

Michi fuhr herum, etwas rot werdend, da er sich wie ein kleiner Junge ertappt fühlte. Vor ihm stand eine junge Frau in bunter Wanderkleidung, einen kleinen Rucksack tragend.

«Hallo, guten Morgen», stotterte Michi verlegen. «ich bin Michi und diese störrische Kuh ist Diana. Sie hat wieder mal ihren ‘ich-will-heute-nicht-Moment’.»

«Ich heisse Annette, spiele Klarinette und bin auch sonst eine Nette», anwortete sie mit einem erneuten Lachen. Michi wurde sofort rot. «Mein typischer Anmachespruch, aber ich habe mich daran gewöhnt». Michi wurde noch eine Spur verlegener.

Annette schaute ihn fragend an. «Das schöne Alpenleben und Freiheit sind wohl an manchen Tagen etwas Mythen?»

Michi seufzte. «Es ist definitiv kein Glacéschlecken», meinte er. «Naturverbunden ist es ja und die Milch der Kühe wird sicher auch zu Glacé verarbeitet, aber ansonsten kann es recht anstrengend werden. Sobald die Kühe im Stall sind, kann ich mir allerdings mal eine Pause gönnen.»

Annette zog die Augenbrauen hoch und fragte schelmisch: «Wenn ich die Kuh in den Stall bringe, kriege ich einen Kaffee und eine Pausengesellschaft?».

Michi wurde schon wieder verlegen, nickte aber zustimmend, Annette näherte sich Diana vorsichtig. Diese schüttelte zwar kurz den Kopf, tat aber sonst keinen Wank. Annette schien ihr etwas ins Ohr zu flüstern. Diana hob den Kopf und schien zu lauschen. Nach weniger als einer halben Minute begann sie sich plötzlich Richtung der Stalltüre zu bewegen. Annette blieb an der Seite der Kuh und schien weiter mit ihr zu sprechen. Schliesslich traten sie durch die Stalltüre.

Michi verstand die Welt nicht mehr und schüttelte mehrmals den Kopf. «Das glaubt mir keiner», murmelte er ungläubig. Er folgte den beiden in den Stall und band Diana an. Ohne viele Worte – er fand einfach wirklich keine passenden – setzte er Kaffee auf und ein bisschen was dazu.

Als sie schliesslich draussen in der Alplounge sassen, auf die Michi so stolz war – er hatte sie selber gezimmert – hielt er es nicht mehr aus und fragte: «Was ist hier abgelaufen?»

Annette lachte wieder, legte ihm den Arm um die Schulter und antwortete: «Ich sagte ja, ich spiele Klarinette und ich kenne die verschiedenen Reaktionen auf Musik. So summte ich ihr Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur, den dritten Satz. Das ist ein Allegro in Rondoform und hat einen fröhlichen und tänzerischen Charakter.»

Sie sah ihm an, dass er nur noch Bahnhof verstand. «Egal», fuhr sie fort und rückte etwas näher. «Es ist der Ton, der die Musik macht.»

Leave a Reply