EINE GESCHICHTE VON MANUSCH

 

Der Mann stieg in die Seilbahn und hielt sich kerzengerade, gerade so so als ob er einen Stock verschluckt hätte. Natürlich brachte ihm das in Verbindung mit seinem neu gekauften Älplerhut, der mit offensichtlichen Kunstfedern verziert war, im Rücken einiges an Getuschel und Gekicher ein. Er aber ignorierte alles ringsumher und widmete sich der grandiosen Aussicht, dabei klammerte er sich recht kräftig an den Haltegriff in der Gondel und beugte leicht die Knie um das unangenehme Wanken irgendwie abzufangen. Endlich hatte er es geschafft einem dieser wirklich hohen Berge nahe zu kommen, eine Bahn zu besteigen und sich leicht schaukelnd hoch hinauf transportieren zu lassen. Nein, er liebte die Berge nicht, nein er liebte die Höhe noch weniger und nein, ein Gipfelstürmer war er schon gar nicht. Dennoch war es höchste Zeit diesen Ausflug zu wagen und das tat er nun, in seinen Augen so stilgerecht wie möglich, denn Kleider machen Leute und öffnen Türen. Dazu gehörten deswegen auch die frisch erstandenen Wanderschuhe (die leider jetzt schon etwas drückten) und die Wollsocken mit den grünen Bommeln an den Waden. Er richtete sich innerlich auf und atmete tief durch als er die Schlucht und den tosenden Wasserfall weit unten entdeckte. Im Rucksack quietschten leise seine Jause und die Flaschen. Passend zur Situation hatte er sich zwei kleine Mythos, das Lieblingsbier aller Griechenlandliebhaber, mitgebracht. Wenn schon (Bier), denn schon. Jetzt war der Moment gekommen, den er so lange wie möglich verdrängt hatte, nun galt es seinen Mann zu stehen. Er hatte nie viel von diesen rohen Männerritualen gehalten, aber nun, verloren war verloren und Wettschulden sind Ehrenschulden. Seine Kollegen hatten sich tierisch gefreut und ihm eine gefühlte halbe Stunde lang auf die Schultern geklopft, weil er wieder einmal die falsche Trumpffarbe ausspielte. Es war einfach nicht sein Ding mit diesen albernen Kartenspielen und er war nur sitzen geblieben, um nicht noch mehr höhnische Ansprachen über sich ergehen zu lassen. Der Wetteinsatz wurde von der Jasserrunde jedes Jahr neu durch ein ausgeklügeltes System genau bestimmt und in diesem Jahr musste sich jeder Verlierer einer großen Herausforderung stellen, nämlich einer seiner Ängste. So hatten sie schnell befunden, dass er Egon auf den Berg hinaufmüsse und dort im Angesicht des Gipfels ein Gletscherbier zu trinken. Dazu noch eine Kuh mit Wiesenkräutern zu füttern und schon sei er für immer und ewig ihr Held.

Endlich konnte er die Gondel verlassen und er machte sich mit jedem Schritt unwilliger auf die Suche nach einer Kuh, das Bündel Gräser pflückte er unterwegs und plötzlich stand sie vor ihm auf dem schmalen steinigen Pfad. Sie brüllte ihm eine aufgeregtes Muh-Muh entgegen, dass ihm der Mut gleich in die Hose rutschte und er wie versteinert stehenblieb. Dann fingerte er nervös und äußerst vorsichtig sein Mobile aus der Tasche um das nötige Beweisfoto zu knipsen, peng. Schon lag das Telefon am Boden und die Kuh stellte einen ihrer Hufe drauf, es knirschte leise. Trotz allem gelang es Egon ihr mit zitternden Händen die Kräuter in Richtung Maul entgegen zu strecken und siehe da. Sie malmte ganz ruhig und genüsslich um dann weiter ins Tal zu traben, nicht ohne ihn mit einem kleinen Hüftschwung zur Seite zu schubsen. Er war natürlich nicht darauf gefasst und so bescherte sie ihm einen Ausrutscher, auf dem Hosenboden ging es holpernd entlang der Gletscherzunge. Ein paar furchtbare Minuten später lag er ermattet an der Randmoräne und starrte lange schweigend ins unendliche Himmelblau. Mit einem Male schüttelte es ihn von innen heraus, er brüllte juhu und ein befreiendes Lachen rollte aus seinen verstaubten Bürolungen, rollte gegen die Berghänge und hallte im Tal wider, er lachte bis er kaum noch atmen konnte. Dann setzte er sich sachte auf, öffnete in aller Ruhe ein Bierchen, das erstaunlicherweise ganz geblieben war (Plastikflachen sind doch ein Segen, dachte er dabei fröhlich) und zwängte um der Wette Genüge zu tun ein paar Krümel vom grauen Gletschereis in den Flaschenhals. Er hatte es geschafft, wie? Das war doch eigentlich ganz egal und es gab ja weder Zeugen noch Fotos, nur seine eigene Freude. Freude über das Wagnis und über den eigenen Mut, den Erfolg und die überlebte Gefahr. Egon wusste, dass er ab jetzt über manchen Spott erhaben sein würde, enge Lederhose hin oder her.

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