EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Erna liegt an ihrem Lieblingsplatz auf der Alpweide etwas abseits der Alphütte und kaut das saftige Gras zum zweiten Mal. Normalerweise liebt sie diese Nachmittagsstunden, wenn der Älpler sie in Ruhe lässt. Er ist dann meistens mit Arbeiten in und um die Hütte beschäftigt oder er verkriecht sich im Heu für ein Nickerchen. Erst wenn die Sonne tief am Berggrat steht, wird er sie mit seinem seltsamen Singsang rufen. Sie trabt dann zur Hütte zurück, wo ihre Kolleginnen und ein paar jüngere Kollegen sich schon versammelt haben. Sie ist froh, dass er sie bald von der Milch in ihrem prallgefüllten Euter erleichtert. Früher tat er das mit den blossen Händen, aber seit ein paar Jahren steckt er Saugnäpfe an die Zitzen, die mit mechanischen Bewegungen die Milch absaugen. Wehmütig denkt sie an die zarten Streichelbewegungen seiner rauhen Hände, die ihr ein erotisches Gefühl durch die Adern gejagt haben. Seit langem ist alles mechanisiert, sogar hier auf der Alp. Sogar die kurzen erotischen Intermezzi mit dem Stier, auf die sie sich immer freute, werden nun durch einen Mann mit einem kalten Instrument ausgeführt. Das Kuhleben ist nicht mehr, was es einmal war.

Seit Tagen brennt die Sonne auf ihr Fell. Die Schattenplätze bei den Felsen sind meist von anderen besetzt. Der Bach, wo sie sonst kühles Wasser trinken kann, ist fast ausgetrocknet. Der Älpler füllt jeweils am Morgen die alte Badewanne, aber am Nachmittag bleibt nur noch ein Tümpel von abgestandenem Wasser übrig, in dem schon die ganze Herde ihre Schnauzen gebadet hat. Erna kaut an ihrem halbverdauten Gemisch aus Gras, Alpenkräutern und trockenen Stengeln von Alpenrosen und versinkt in einen dämmrigen Halbschlaf. Eine unerklärliche Sehnsucht nach einem kühlen Geschmack plagt sie, seit vor ein paar Tagen eine Gruppe von Wanderern vorbeikam, sich auf einen Felsen setzte und ihre Rucksäcke auspackte. Ein Mann holte eine Plastikbox hervor und verteilte kleine, farbige Stengel. Kinder und Erwachsene griffen gierig nach den Holzstäbchen, deren dickeres Ende in silbriges Papier eingepackt war, wickelten die Folie ab und begannen an der rosaroten und braunen Masse zu schlecken. Ein süsser Duft stieg Erna in die Nase. Sie trabte näher zu der Gruppe hin, um herauszufinden, was das ist. Aber ihre Neugier schreckte die Menschen auf. Mit panischen Schreien sprangen sie von dem Felsen, rafften ihre Sachen zusammen und rannten davon. In der Hast verloren zwei Kinder die farbigen Stengel. Sei schrieen: «Uh, meine Glacé ist weg. Die Kuh frisst sie!»
«Aha, Glacé nennt sich das!» Ernas Interesse stieg weiter an. Sie schnupperte an der schleimigen Sauce, die am Gras klebte, leckte über die verschmierten Blätter, liess die weiche Masse auf der Zunge zergehen und versuchte herauszufinden, wonach das Zeug schmeckte. Es war ein kühler, süsser Geschmack, den sie nicht kannte. Kein Gras schmeckte so. Die Kräuter der Alpweide waren würziger. Die Kühle erinnerte sie an die metallenen Milchkannen, die sie manchmal während des Melkens mit der Zunge berührte. Sie kam dem geheimnisvollen Geschmack und dem prickelnden Reiz auf der Zunge nicht auf die Spur, aber das sinnliche Erlebnis liess sie seither nicht in Ruhe.

Jetzt in der brütenden Nachmittagshitze hat sie diesen Geschmack wieder auf der Zunge. Sie sehnt sich nach der Abkühlung, nach dem zarten Schmelz, der fremden Süsse. Sie hält es nicht mehr aus. Sie muss den Geschmack wiederfinden. Von der Hitze halb benommen rappelt sie sich auf, trottet bergab, an der Alphütte vorbei, folgt dem Weg, auf dem die Wanderer geflohen sind, stösst mit dem Vorderhuf einen Zaunpfahl um, steigt über den Draht, der sie normalerweise mit elektrischen Schlägen zurückschreckt. Eine unwiderstehliche Kraft zieht sie weiter, bis sie bei der Bergstation der Luftseilbahn angekommen ist. Da steigt ihr der süsse Duft in die Nase. Sie bleibt stehen, steckt ihre Nüstern in die Luft, um herauszufinden woher der Geruch kommt. Vor dem Kiosk hat sich eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen angesammelt, die die Hände nach den farbigen Stengeln ausstrecken, die ihnen eine Verkäuferin reicht. Erna trabt freudig auf den Verkaufsstand zu und erschrickt, als die Menschen kreischend auseinanderlaufen. Was ist denn los? Sie will doch nur die süsse Kühle einer Glacé auf der Zunge spüren und sich etwas Erleichterung von der Hitze verschaffe! Ein paar der aufgescheuchten Kinder haben ihre Glacéstengel verloren. Erna leckt die schmelzende Masse vom Boden auf. Je mehr sie davon auf ihrer Zunge vergehen lässt, desto stärker wird ihre Lust auf mehr. Sie streckt den Kopf in den Kiosk, stellt die Vorderhufe auf die Verkaufstheke, um besser zu sehen, wo der Glacégeruch herkommt. Die Verkäuferin flüchtet mit einem Schrei durch die Hintertüre ins Freie. Sie hat den Deckel der Kühltruhe offengelassen, so dass Erna das ganze Glacé-Sortiment vor sich hat. Gierig reisst sie die silbrig-rote-blaue Verpackung auf, zerbeisst das knusprige Gebäck, schlürft die Glacé, spuckt die Holzstäbchen aus, bohrt mit der Zunge in den Kübelchen, um die letzten Reste herauszuholen und geniesst die angenehme Frische in der Kühltruhe. Sie versucht immer noch herauszufinden, wonach Glacé schmeckt. Ist es Arnika oder Frauenmantel, Enzian oder Spitzwegerich? Schafgarbe? Thymian? Salbei oder Pfefferminze? Oder vielleicht doch Zitronenmelisse? Nein, keines der ihr vertrauten Kräuter will zu dem Geschmack passen. Während sie mit der Zunge die letzten Glacéreste von ihren Nüstern leckt, fällt ein Seil um ihren Hals, zieht sich zusammen und sie wird mit einem heftigen Ruck aus dem Kioskhäuschen gerissen. Die leere Kühltruhe kippt um, Regale mit Kaugummi, Getränkeflaschen, Souvenir-Kuhglocken, Ansichtskarten, Zigaretten und Sonnenbrillen fallen scheppernd zu Boden. Erna wehrt sich gegen das würgende Seil, als sie plötzlich den vertrauten Singsang ihres Älplers hört. Sie gibt ihren Widerstand auf und lässt sich abführen. Als sie an den gaffenden Menschen vorbeitrabt, hört sie jemand sagen: «Dass Kühe Glacé nicht mögen, ist offensichtlich ein Mythos.»

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