EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Sie sitzt am Tisch in ihrer Küche. Gedankenverloren rührt sie in ihrem Kaffee und lässt den gestrigen Tag noch einmal vorübergehen. Sie kann es noch immer nicht fassen. Ausgerechnet Rita. Das ist unvorstellbar. Dabei wäre es ja von Anfang an klar gewesen, dass eigentlich nur sie selbst für die offene Stelle als Teamleiterin qualifiziert war. Und jetzt hatte stattdessen Rita die Stelle erhalten.

Dabei war sie immerhin schon seit zwei Jahren als Projektkoordinatorin bei der Firma beschäftigt. Aus ihrer Sicht also höchste Zeit, in eine mehr verantwortungsvolle Position befördert zu werden. Sie hatte auch immer mal wieder diskret angemerkt, dass sie sich durchaus zu Höherem berufen fühlte. Wer wollte denn schon zeitlebens Sitzungen koordinieren, Protokolle schreiben, verschicken und eine strukturierte Ablage unterhalten?

Und soll niemand sagen, dass sie sich nicht für die Firma einsetzte. Bei den beiden letzten Firmenfesten hatte sie sich jeweils freiwillig gemeldet, in der Organisation mitzuwirken. So war es ja wohl nur mehr als verständlich, dass es bei verschiedenen Projekten etwas in der Administration haperte. Sie kann ja auch nicht alles machen. Und mal vergessen zu einer Sitzung einzuladen oder alle Projektdokumente zu verlegen ist jetzt auch nicht so dramatisch, wie es dann dargestellt wurde. Etwas mehr Flexibilität würde sie sich da schon wünschen.

Genauso wie bei den Arbeitszeiten. Sie kann ja nichts dafür, dass sie etwas weiter draussen im Grünen wohnt und halt ihre Zeit braucht, um zur Arbeit zu pendeln. Sie hatte eigentlich schon einen der raren Firmenparkplätze erwartet und nicht nur eine Bahnbilletpauschale. Also bitte. Da kann es halt auch mal etwas später werden. Besonders unter Berücksichtigung einer angebrachten Work-Life-Balance. Und ihre Ruhezeit braucht sie auch dann, wenn sie mal etwas später aus dem Ausgang nach Hause kommt. Also meistens ist sie ja schon vor dem Mittagessen im Büro, dafür dann ausgeruht. Nicht wie die anderen, die morgens zwar früh kamen, dann aber den ganzen Tag vor sich hindösten.

Von wegen vor sich hindösen. Da nimmt sie ihre soziale Verantwortung doch sehr viel ernster wahr. Man muss sich doch um seine Kolleginnen und Kollegen kümmern. Ein kurzes Gespräch hier, ein einfühlsames Zuhören da. Das muss im Arbeitsalltag Platz finden, schliesslich geht es um das Wohlergehen der gesamten Firma. Und insbesondere auch der Vorgesetzten. Nein, da konnte ihr jetzt wirklich niemand etwas vorwerfen. Sie hat immer ein freundliches Wort für ihre Chefin, erkundigt sich nach der Familie und nimmt Anteil. Bringt mal einen Kuchen mit. Doch, auch die Chefin soll merken, dass da viel Potenzial in ihr steckt.

Als daher die Stelle als Teamleiterin intern ausgeschrieben wurde, war klar, dass dies eine reine Formsache sein würde. Personalführung, Zuverlässigkeit und Einsatz; diese Anforderungen sind ja geschenkt. Sachkenntnisse sind sowieso diskutabel. Als Teamleiterin geht es viel um Sozialkompetenz. Und ja, in den letzten zwei Jahren hat sie auf jeden Fall genügend Erfahrung für eine solche Funktion gewinnen können.

Klar, das Bewerbungsgespräch war vielleicht etwas kurz gewesen. Was ihre Erwartungen seien, war eine Frage. Das hatte sie sich gut überlegt. Eigentlich bescheiden, war sie der Meinung gewesen. Einen Parkplatz vor dem Firmensitz müsse schon drin liegen. Schon nur wegen der Flexibilität. Und etwa dreissig Prozent mehr Salär. Vor Bonus. Das schien ihr mehr als nur vernünftig. Was sie erreichen wolle, war eine andere Frage. Das würde sich dann schon zeigen, man müsse sie nur erst mal wirken lassen. Warum also Zeit verschwenden? Und wer kommt schon auf die Idee, ein Bewerbungsgespräche kurz vor Feierabend anzusetzen, wo sie doch für den Ausgang abgemacht hat?

Nein, rückblickend kann sie es wirklich nicht begreifen. Eine krasse Missachtung ihrer Fähigkeiten und Ambitionen. Sie muss sich überlegen, ob sie hier längerfristig erfolgreich sein kann. Es ist schon so schwierig. Die Entwicklung im Dienstleistungssektor macht ihr Sorgen. Bei den letzten beiden Firmen ist es dasselbe gewesen. Sobald sich eine ihrer Vorstellung entsprechende Entwicklung abzeichnet, wird sie übergangen. Es ist einfach nicht zu glauben.

One Comment

  • manusch sagt:

    Super! Unglaublich, aber könnte durchaus wahr sein ….. heutzutage.. eine andere Generation mit verändertet Einstellung zum Thema “Arbeit und Leistung”. Für alte Hasen eher ein harter Brocken 😉

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