EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

Sie sitzt am Tisch in ihrer Küche. Gedankenverloren rührt sie in ihrem Kaffee und ist sofort wieder in Los Angeles, wo sie über den roten Teppich vor dem Dolby Theatre schreitet. Sie trägt ein pinkfarbenes, langes Kleid aus Seide, das Stella McCartney für sie entworfen hat, sehr schlicht geschnitten, ohne Glitzer und Flitter, wie die peinlichen Kleider der meisten ihrer Konkurrentinnen. Ihr Kleid lässt die sanft gebräunten Schultern und den Rücken bis zur Taille frei, so dass ihr schlanker Hals in einem eleganten Bogen den Blick des Betrachters über das Rückgrat hinunterzieht, wo er kurz vor dem Ansatz der Pobacken von einer neckischen Schlaufe gestoppt wird. Sie schwebt wie ein Schwan zwischen den Reihen der Zuschauerinnen und Zuschauern hindurch, winkt ihnen zu, lächelt in die Kameras, streckt ab und zu die Hand aus, um eine prominente Person zu begrüssen, ist aber schon zwei Schritte weiter, bevor es zu einer Berührung kommt. Ihre Lippen bewegen sich, als würden sie zärtliche Worte flüstern, die von ihren Bewunderern gierig aufgesogen werden. Dort wo sich die meisten Fotografen in Stellung gebracht haben, dreht sie sich mit zwei Tanzschritten um, stoppt mit einer lasziven Biegung ihres Körpers, lässt den weichen Stoff ihres Kleides nachschwingen, so dass das linke Bein kurz aus dem Schlitz hervortritt, der sich bis zur Hüfte hinauf öffnet, um jedem Fotografen das perfekte Bild zu schenken; Bilder, die in allen Medien um die Welt gehen werden. Das Blitzlichtgewitter lässt ihre Augen aufleuchten. Mit einem verführerischen Lächeln verabschiedet sie sich von der Meute und verschwindet durch die Türe ins Innere des Theaters, während der Applaus und die Bravorufe wie eine Heckwelle hinter ihr herwogen. Sie weiss, dass sie die heisseste Anwärterin auf einen Oscar für die beste Hauptdarstellerin ist.

Im pompös geschmückten Raum empfängt sie die Titelmelodie eines ihrer früheren Filme. Sie reicht ihrem Begleiter, der ein paar Schritte hinter ihr gefolgt ist, den Arm und lässt sich zu ihrem Platz in der ersten Reihe führen. Sie sind alle da, die grossen Stars der Filmindustrie. Sie wechselt ein paar Worte mit Meryl Streep, die links von ihr Platz nimmt, wirft ein Kusshändchen zu Leonardo di Caprio, zwinkert Brad Pitt zu, erhebt sich kurz, um Bradley Cooper einen Begrüssungskuss auf die Wange zu hauchen und umarmt Lady Gaga in ihrem knalligen Outfit.

Mit gespieltem Interesse verfolgt sie die Verleihung der Preise für die besten Nebendarstellerinnen, die beste Filmmusik, klatscht graziös für den Gewinner des besten Drehbuchs, lacht über die Pointen des Moderators, auch wenn sie sie nicht ganz versteht, und passt auf, dass sie strahlt, wenn die Kameras in ihre Richtung schwenken.

Endlich kommt der grosse Moment, wo die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wird. Die drei nominierten Schauspielerinnen werden mit kurzen Ausschnitten ihrer Filme vorgestellt. Applaus brandet durch den Saal, als der Moderator Angelina Jolie auf die Bühne ruft, die das Couvert mit dem Namen der Gewinnerin bringt. Mit ein paar eingeübter Floskeln öffnet die Schauspielkollegin das Couvert: «And the Oscar goes to…» Sie wartet einen Moment, um die Spannung auf den Höhepunkt zu treiben. «Anna Aebersold!» Eine Fanfare ertönt. Der Applaus rollt durch den Saal und drückt sie in den Stuhl. Rund um sie herum springen die Leute auf. Hände tätscheln ihre Schultern. Ihr Begleiter zieht sie zu sich und küsst sie auf die Wange. Wie in Trance erhebt sie sich, ordnet ihr Kleid, nimmt die Glückwünsche ihrer Crew entgegen und macht sich auf den Weg zur Bühne. Sie hat diesen Gang zum Podium schon hundert Mal in Gedanken durchgespielt. Sie weiss, dass sie bei den Stufen, die zur Bühne hinaufführen, aufpassen muss, dass sie mit ihren Stilettos nicht auf den Saum ihres Kleides tritt, den sie hinter ihren Füssen auf dem Boden nachschleppt. Wie eingeübt, fasst sie mit der linken Hand nach dem Kleid, hebt es ein wenig an, so dass das nackte Bein wieder im Schlitz erscheint. Ein Raunen geht durch die Menge. Der Moderator begrüsst sie mit einer frechen Bemerkung zu ihrer umwerfenden Schönheit. Sie schenkt ihm ein strahlendes Lächeln. Mit der Trophäe in der Hand und zwei Tränen auf den Wangen, bedankt sie sich bei der Academy, ihrem tollen Team, bei ihrer Familie und Freunden und beteuert, dass sie niemals damit gerechnet habe, gegen so grossartige Konkurrentinnen zu gewinnen. Sie seien alle «fabulous» und überhaupt sei das Ganze «amazing».

Anna führt die Tasse an ihre Lippen, nippt an dem kalten Kaffee, verzieht ihr Gesicht, steht auf und kippt den Rest in das Spülbecken. Sie zieht ihre Sommerjacke an und macht sich auf den Weg zum Grandhotel, wo sie durch den Personaleingang zur Garderobe geht, um ihr schwarzes Kleid und die weisse Schürze anzuziehen. Auf dem Weg zum Speisesaal schwebt sie über den roten Teppich im langen Verbindungsgang und hört den Applaus ihrer Fans. Sie wird auch heute wieder einen Oscar-reifen Auftritt in ihrer Rolle als Kellnerin abliefern. Und ist ganz zufrieden.

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