EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Es war Stadtfest angesagt, endlich wieder mal unbeschwerte Chilbi nach zwei Jahren Abstinenz. Tobias, mein Patenkind, drängelt schon seit einiger Zeit, er wolle mit mir an die Chilbi gehen. Er wusste natürlich, da kann er dann ausgiebig auf die Bahnen, es gab ausnahmsweise viele Schleckereien und vielleicht zum Abschluss noch ein Souvenir, dass nach kurzer Zeit allerdings ganz verstaubt irgendwo landete. Aber was soll’s, wir waren alle mal jung und haben es genossen.

Dann war der grosse Tag da und ich quetschte mich mit Tobias durch die Menschenmassen, wich tropfender Glacé aus, wartete geduldig bei den Bahnen, versuchte zwischendurch etwas Zweckmässiges zum essen zu ergattern und grüsste ab und zu bekannte Gesichter.

Wir waren schon etwas müde, als mich Tobias dann doch noch in die Budenstrasse locken konnte. Wir schlenderten von Stand zu Stand und ich beobachtete Tobias, worauf er diesmal spekulierte. Er war inzwischen gut vier Jahre alt und mir war auch nicht so klar, was gerade hohe Priorität genoss. Dann blieb er abrupt stehen. Er stand vor einem Spielzeugstand und starrte gebannt in eine Kiste mit Plüschtieren. Er ging einen Schritt näher und fischte sich dann ein grosses, giftgrünes Krokodil heraus.

Ich konnte sehen, in seinem Kopf arbeitete es angestrengt. Ich überlegte rasch. Ein Krokodil? Plüsch? Ist er nicht schon etwas zu alt für Plüschtiere? Was steht auf dem Preisschild? Warum ein Krokodil? Ich wartete.

Tobias drehte das Krokodil fast ehrfurchtsvoll herum, streichelte über das Tier, schaute ihm in die Augen, hielt es ausgestreckt vor sich hin und kuschelte es dann kurz. Schliesslich dreht er sich zu mir um und hielt es mir vor die Nase: „Das hier möchte ich ganz ganz wirklich und fest.“

Ich nickte bedächtig mit dem Kopf und schaute ihn dann fragend an: „Und warum kommst du gerade auf ein Krokodil?“ Während er sich die Antwort zurechtlegte, schaute ich das Krokodil kurz an. Es war fein verarbeitet, auf jeden Fall besser als die üblichen Chilbibudenviecher, die schon beim anschauen auseinanderfielen. Die Schnauze liess sich öffnen und eine Reihe weisser Zähne wurden sichtbar.

„Weisst du“, sagte Tobias da und schaute mich mit grossen Augen an. „Das Krokodil ist jetzt mein Lieblingstier und mein Freund, denn es ist fast wie ich und es kann mich beschützen.“ Ich wusste, dass da noch mehr kommt und wurde nicht enttäuscht. „Es hat kurze Beine, so wie ich. Es hat eine grosse Klappe, so wie ich. Aber es hat grosse gefährlich Zähne, wenn es die Schnauze ganz weit aufmacht. Da kann es fest zubeissen. Und mit seinem Schwanz kann es ganz fest hauen.“

Ich merkte, Tobias hatte ich offenbar schon eine Weile mit dem Tier auseinandergesetzt. Ich schaute mir das Krokodil nochmals an. Vorher war es mir nicht aufgefallen, aber es schein mir, als ob mich das Plüschtier geradewegs anschaute. Und ich bemerkte, dass unter dem einen Auge, fast unscheinbar, eine grosse Krokodilsträne eingenäht war. Warum wohl, grübelte ich.

„Und weisst du“, unterbrach Tobias meinen Gedankengang, „das Gute ist, dass man dieses Krokodil weder auf einen Pulli nähen kann, noch eine Handtasche daraus machen kann!“

Er hatte es dann über viele Jahre behalten.

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