EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Wir waren siebzehn, sie war fünfundzwanzig. Sie trug einen Mini-Rock, eine Bluse, die sich straff über ihre Brüste spannte und schritt mit aufregend wiegendem Schritt auf ihren Stöckelschuhen hinter dem Rektor ins Schulzimmer.
«Frau Kronbacher wird Herrn Theurillat für ein Semester vertreten und Ihnen Französisch-Unterricht erteilen.»
Frau Kronbacher lächelte uns zu, zog ein paar Bücher und ein Notizheft aus ihrer Handtasche aus Kroko-Imitationsleder, wartete bis Herr Girsbacher das Zimmer verlassen hatte und begrüsste uns auf Französisch. Mir schoss das Blut ins Gesicht. Ich konnte mich nicht von ihren sinnlichen Lippen lösen, die eine Wand von makellos weissen Zähnen freigaben. Fünfzehn anderen jungen Männern ging es offensichtlich ähnlich. Die Luft im Klassenzimmer vibrierte. Frau Kronbacher schritt zwischen den Tischreihen hindurch, legte jedem von uns ein Blatt auf den Tisch. Ich sog das süsse Parfüm ein, als sie neben mir kurz stehenblieb, starrte auf den französischen Text, der vor mir lag, um ihrem Blick auszuweichen.
«Messieurs, veuillez s’il vous plaît lire ce petit texte pour que nous en parlions ensuite.»
Ihre Stimme rollte wie eine Feuerwalze meinen Rücken hinauf. Mit nassen Händen griff ich nach dem Papier. Die Wörter tanzten vor meinen Augen. Als ich aufschaute traf mich Frau Kronbachers Lächeln wie ein Blitz. Ich lächelte zurück, atmete tief durch, wandte mich mit pochendem Puls dem Text zu, las und legte mir ein paar Sätze zurecht, die ich später stotternd in die Diskussion einbringen konnte. Die Stunde verging ohne dass ich mich übermässig blamiert hätte. Frau Kronbacher packte ihre Sachen zusammen.
«Alors, à la semaine prochaine!» und entschwand mit beschwingtem Schritt, verfolgt von sechzehn lüsternen Augenpaaren.

Kaum war die Türe ins Schloss gefallen, brach die geballte Flut von pubertären Sprüchen und Anzüglichkeiten los. Schnell hatten wir einen Namen für unser gemeinsames Objekt der Begierde gefunden: Wir nannten sie «Krokodil». In den folgenden Wochen lernte ich mehr Französisch als in all den Jahren davor. Eine persönliche Begegnung ausserhalb des Schulzimmers kam nie zustande. Dazu reichte mein Mut nicht. Auch bei meinen Klassenkollegen blieb es bei unbewiesenen Behauptungen von amourösen Abenteuern. Frau Kronbacher verabschiedete sich vor den Sommerferien mit einem vieldeutigen Lächeln. Wir sprachen noch oft in einer Mischung von Verliebtheit, Spott und ungestillter Sehnsucht vom Krokodil.

Zwanzig Jahre später setzte ich mich im Zug von Zürich nach Genf in einem Viererabteil einer eleganten Dame gegenüber. Wir trugen beide eine Maske, wie es die Pandemie-Massnahmen verlangten. Ich richtete mich mit meinem Laptop ein, um eine Geschichte zu schreiben, die ich seit einiger Zeit mit mir herumtrug. Die Dame nickte mir kurz zu und ich erahnte ein Lächeln hinter der Maske. Während ich meinen Text tippte, glitt mein Blick Immer wieder vom Bildschirm weg zu der Frau. Sie las einen französischen Roman. Irgendwie kam mir dieses Gesicht bekannt vor. Zuerst dachte ich an eine bekannte Person, suchte in Gedanken die ganze Galerie von Schauspielerinnen, Politikerinnen, Fernsehmoderatorinnen und Prominenten ab, bis mir plötzlich das Klassenzimmer von damals erschien. War sie es? War es möglich, dass mich der Zufall wieder mit dem Krokodil zusammenbrachte? Würde ich es wagen, sie anzusprechen? Hitzewellen wie damals überfluteten mich und lenkten mich von meiner Geschichte ab.

Kurz vor Bern legte sie ihr Buch weg, erhob sich, um aus dem Gepäckfach etwas herunterzuholen. Diese Figur! Sie musste es sein! Das Parfüm, das mir in die Nase stieg, war kühler. Sie setzte sich wieder und kramte in ihrer Handtasche. Kroko-Imitations-Leder! Ich schnappte nach Luft. Als ich meinen Laptop zuklappte, um sie anzusprechen, stand sie auf und schenkte mir ein letztes maskiertes Lächeln. Ich suchte verzweifelt nach französischen Sätzen, sah, wie sie den Gang hinunter ging und ausstieg. «Krokodil!» wollte ich rufen, aber es blieb mir im Hals stecken. Meine Geschichte blieb unvollendet.

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