EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Vorgabe: Osterhase, Clown, Wohnmobil

„Was führt Sie zu mir?“ fragt der Therapeut.
Der Osterhase versinkt noch etwas tiefer in den Polstersessel, so dass nur noch seine Ohren herausragen.
„Mich gibt es nicht!“ stöhnt er. „Kein Mensch glaubt mehr an mich, ausser die kleinen Kinder. Aber auch sie werden immer früher von ihren Eltern oder ihren Geschwistern überzeugt, dass ich nur eine Symbolfigur sei. „Aufklärung“ nennen sie das!“
„Aha, Sie zweifeln also an ihrer Existenz? Wie kommen Sie dazu? Erzählen Sie mal!“ ermuntert ihn der Therapeut mit einfühlsamer Stimme.
Der Osterhase stemmt sich aus dem Sessel hoch, holt tief Luft und beginnt zu erzählen.
„Es gibt mich jetzt schon seit mehr als zweihundert Jahren. Jedes Jahr an Ostern verstecke ich die bemalten Eier und freue mich, wenn die Kinder sie suchen und finden. Für einen kurzen Moment fühle ich mich dann richtig lebendig, echt und ernstgenommen. Aber dann verschwinde ich wieder aus dem Bewusstsein der Menschen. Ich bekomme keine Aufmerksamkeit mehr. Alle tun so, als ob es mich nicht gäbe.“
Der Therapeut nickt: „Ich verstehe! Haben Sie schon etwas unternommen, um dies zu verändern?“
„Ja!“ fährt der Osterhase auf. „Das ist es ja, was mich zu Ihnen führt. Ich hatte das Spiel langsam satt und suchte einen Ort, wo man mich auch nach Ostern noch wahrnehmen würde. Ich bewarb mich beim Zirkus Knie und wurde sofort engagiert. Jeden Abend trat ich in der Manege auf, stellte mich vor als das was ich bin, als Osterhase. Die Leute applaudierten, lachten wenn ich nur schon den Mund aufmachte. Ein Clown trieb seine Spässe mit mir. Ich machte mit, denn während der Vorstellung fühlte ich mich gut, wurde wahrgenommen, auch wenn ich nicht verstand, warum das Publikum lachte. Der Zirkusdirektor war begeistert und wollte mich gleich für die nächste Tournee buchen. Aber wenn das Licht in der Manege ausging und das Zelt sich leerte, fiel ich wieder in meine Einsamkeit zurück. Niemand sprach mit mir. Sogar die hübsche Valerie, die so grossartige Künste am Trapez zeigte und in die ich mich ein wenig verliebt hatte, wollte nichts von mir wissen. Sobald ich mich zu ihr setzte, forderte sie mich auf, doch endlich mein Kostüm abzulegen.
Eines Nachts traf ich Charly den Clown. Er sass auf den Treppenstufen, die zur Türe meines Wohnmobils hinaufführten, den Kopf in die Hände gestützt. Er weinte.
„Was ist denn los?“ fragte ich ihn.
Er schniefte, wischte die Tränen aus seinem Gesicht und verschmierte dabei die ganze Schminke.
„Ich habe es satt!“ stiess er hervor. „Ich kann machen, was ich will. Kein Mensch nimmt mich ernst. Was immer ich sage, wird als Witz aufgefasst. Aber auch ich bin doch nur ein Mensch. Manchmal bin ich traurig oder möchte etwas besprechen, das mich wirklich beschäftigt, aber die Leute verstehen alles als Spass. Sogar meine Wutausbrüche bringen sie zum Lachen. Ich kann nicht mehr.“
Ich setzte mich zu ihm und berichtete ihm, wie es mir geht. Endlich hörte mir jemand zu und ich glaube, auch Charly tat es gut, dass ich ihn verstand. Wir setzten das Gespräch in meinem Wohnmobil bis in die frühen Morgenstunden fort, tranken Whisky, klagten uns unser Leid. Dann fassten wir einen Entschluss. Wir wollten auf unser Schicksal aufmerksam machen.
Als in der Abendaufführung unser Auftritt anstand, marschierten wir in die Manege. Charly entrollte ein Transparent, auf dem stand: „Auch ein Clown ist nur ein Mensch!“ Das Publikum applaudierte. Dann spannte ich mein Plakat auf: „Der Osterhase existiert!“ Wieder lachten die Leute und applaudierten. Wir versuchten, die Ernsthaftigkeit unserer Botschaft zu erklären, aber je mehr wir sagten, desto lauter wurde das Gejohle. Schliesslich merkten wir, dass unsere Aktion in die Hosen ging. Wir packten unsere Transparente ein und verschwanden aus dem Zelt. Am Ausgang fing uns der Zirkusdirektor ab: „Grossartig!“ jubelte er und schickte uns zurück in die Manege, um den Applaus des Publikums zu verdanken. Zwischen den nächsten Nummern trieben wir unsere üblichen Spässe. Irgendwie überstanden wir die Vorstellung.
Charly und ich trafen uns nachher in meinem Wohnmobil um unsere Niederlage im Whisky zu ertränken.
„Ich steige aus!“ beschloss Charly. „Ich versuche einen Neustart als Versicherungsagent. Da nimmt man mich wenigstens ernst.“ Ich versuchte ihn umzustimmen, aber ich hatte genug mit mir selber zu ringen. Und nun bin ich hier.“

Der Therapeut schwieg und reichte dem schluchzenden Hasen Taschentücher. Schliesslich sagte er: „Unsere Zeit ist leider um. Ich schlage ihnen vor, dass wir in der nächsten Sitzung daran arbeiten, wie Sie von ihrer Wahnvorstellung, dass es den Osterhasen wirklich gibt, wegkommen und Sie ein normales Leben als Hase führen können.“

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