EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Gustav wachte auf. Er erkannte sofort: das war kein normales Aufwachen. Das frühe Dämmerlicht, das üblicherweise durch die Ritzen des Rollos schien, fehlte und musste der Dunkelheit Platz machen, die sich sonst nur in der Nacht bemerkbar machte. Und Gustav stellte weiter fest, dass er nicht mit einer gewissen erfrischenden Leichtigkeit im Bett lag, sondern mit einer Schwere wie Blei, die sogar das Atmen als Kraftakt erscheinen liess. Eine heisse Welle des Erschreckens überrollte ihn, die zu einem spontanen Schweissausbruch führte, wie Gustav intuitiv fühlte. Erschreckt schluckte er, doch das machte es nur noch schlimmer. Ein sofortiges Kratzen im Hals signalisiert ihm, dass da was im Argen lag. Eine Erkältung?
Gustav versuchte fieberhaft, eine Panikattacke zu verhindern. Das war nicht einfach, schliesslich litt er seit seiner Kindheit immer wieder daran, aus dem Nichts heraus und völlig unbegründet, einen Anfall zu haben. In den meisten Fällen ging der rasch vorüber, doch es gab auch Situationen, in denen er kaum einen Ausweg gesehen hatte. So wie damals beim Zahnarzt, den er wegen immer wiederkehrenden Schmerzen im Oberkiefer aufsuchen musste. So war er da auf der Liege gelegen, komplett verkrampft und hatte sich nicht mehr bewegen können. Der Zahnarzt hatte sein Bestes versucht, aufmunternd, helfend. Hatte gesagt: Es ist nicht so schlimm, jetzt beissen Sie einfach mal die Zähne zusammen und machen Sie den Mund ganz weit auf. Doch dieses Bild der Unmöglichkeit hatte es abermals nur noch schlimmer werden lassen.
Gustav versuchte also ruhig zu bleiben. Also erstens nicht mehr schlucken, dann zweitens über zwei Sekunden hinweg tief Luft holen. Doch hoppla, seine Nase war verstopft, das Luftholen kam zum abrupten Halt und eine neue Hitzewelle überrollte ihn. Langsam Richtung Verzweiflung abrutschend versuchte Gustav sich zumindest von seiner Bettdecke zu befreien. Doch wie auch immer, er kriegte die Decke nicht weg. Und realisierte unter einem inzwischen von einer Hitzewelle zu einem erneuten Schweissausbruch mutierten Anfall, dass er gefesselt war.
Von dieser Entwicklung irgendwie völlig überrascht, hielt Gustav inne. Dass hatte er bisher noch nie erlebt. Nicht, dass grundsätzlich sehr viele Menschen je gefesselt worden waren, aber auch Gustav hatte das noch nie erlebt. Vor lauter Verwunderung über diesen Zustand vergass er glatt, eine erneute Panikattacke zu haben.
Er lag bewegungslos und erstarrt im Bett. Seine Gedanken rasten und doch konnte er sie nicht festhalten. Er kam sich vor, als ob er selbst unter einer DDOS Computerattacke stand und wurde noch etwas bewegungsloser, als er merkte, dass ihm zwar dieser Gedanke kam, er aber eigentlich weder wusste, was eine DDOS-Attacke war, noch wie er oder sein Gehirn denn eigentlich jetzt reagieren sollten.
Tief im Innern merkte Gustav, dass ihm unwohl wurde. Da lag er also gefesselt im Bett, mit einer verstopften Nase, einem Kratzen im Hals und irgendeinem Angriff auf sein Gehirn, den er nicht einordnen konnte. Nach den ersten, durchaus zu erwartenden Panikattacken, hatte er sich aber beruhigt, was für ihn auch irgendwie unnatürlich war. Hier stimmte wirklich irgendetwas nicht mehr.
Ein Schimmer von Klarheit drang in Gustavs Gehirn. Er musste sich aus dieser Situation befreien. Gustav lebte alleine und bis ihn jemand vermisste oder Hilfe schicken konnte, würde es Tage dauern. Nicht auszumalen, was bis dahin mir ihm alles geschehen konnte. Er war also auf sich alleine gestellt. Allerdings verwischte sich das Bisschen Klarheit in Gustavs Gehirn bereits wieder mit einem Nebel aus Schwere und Dunkelheit. Von der sich erneut anbahnenden Verzweiflung merkte Gustav allerdings bereits nichts mehr.
Gustav wachte auf. Erstes Dämmerlicht drückte durch die Ritzen des Rollos in sein Schlafzimmer und er hörte undeutlich das Zwitschern von Vögeln. Er schälte sich mühsam aus seiner Bettdecke heraus, in die er sich im Schlaf wohl komplett verheddert hatte. Glück gehabt, dachte er zu sicher selber, lieber in der Decke eingewickelt, als sie verloren zu haben. Dann hätte er sich womöglich erkältet. Erkältet? Er dachte kurz nach. Einen solchen Gedanken schien er doch erst kürzlich gehabt zu haben. Er schüttelte den Kopf. Musste wohl in einem Traum gewesen sein.

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