EINE GESCHICHTE VON ISABELLE LEUTENEGGER

 

Ich habe die Situation sofort erkannt, aber ich hätte nie gedacht, dass sie zu meinem Ende führen würde. Andrea und ich sind seit mehr als zwanzig Jahren zusammen. Es gibt praktisch keinen Tag, wo sie mich nicht liebevoll berührt und Gutes aus mir herausholt. Ja, ich bin immer noch wichtig in Andreas Leben.

Obwohl ich schon einigen Menschen begegnet bin, war ich anfänglich erstaunt, später besorgt dieser Situation beizuwohnen. Dieser Mann, — er gab sich als Markus zu erkennen, war ganz offensichtlich von Amors Pfeil getroffen worden. Wie er sie anschaute? Vor kurzer Zeit rang er wie ein Ertrinkender nach Luft. Ich würde meinen, er war sogar dem Tode nahe. Und nun dieses Leuchten in seinen Augen — natürlich auch dank mir! Sie, also Andrea, meine Besitzerin, hält ihn in den Armen, starrt ihn an und bringt kein Wort heraus.

«Danke, vielen Dank, also wie schon gesagt, ich bin Markus. Und du?»

Unglaublich der macht echt keine Anstalten sich aus ihren Armen zu bewegen!

«Ähm, ich bin Andrea, die Pfahlbäuerin.»

«Die was?»

«Pfahlbäuerin! Ich bewirtschafte den Hof dort.» Andrea zeigt auf unseren vielleicht 100 Meter höher gelegenen Bauernhof. «Ich betreibe Mutterkuh-Haltung und fabriziere Zaunpfähle für die Bauern in unserem Tal.»

«Wow, klingt interessant!», meint er süssholzraspelnd.

Endlich setzt er sich auf, und sie entlässt ihn aus ihren Armen. Wurde ja auch Zeit! Unglaublich die schauen einander an als ob die noch nie einen anderen Homo sapiens gesehen hätten. Wie eigenartig Menschen doch sein können.

«Meinst du, du schaffst die paar Schritte zu mir hoch. Wasser und vielleicht etwas Käse täten dir jetzt bestimmt gut», höre ich die wohlwollende Stimme von Andrea. Fehlt wohl nur noch, dass sie ihm über den Kopf streichelt! Streicheleinheiten sind ausschliesslich für mich bestimmt! Die bekomme ich nämlich jeden Abend bevor Andrea einschläft.

Etwas ungelenk steht er auf, und trottet hinter ihr her. Endlich hält Andrea mich wieder in den Armen und gemeinsam gehen wir hoch. So soll es sein lieber Markus — mein Heimvorteil!

Vor unserem Hof steht ein Tisch mit einer Bank von wo aus man einen herrlichen Blick ins Tal hat. Ein frischer Blumenstrauss komplettiert die Idylle.
Sie bittet ihren Gast sich neben mich zu setzen und verschwindet im Haus. Wohl damit dieser Markus nicht alleine ist, muss ich ihm Gesellschaft leisten. Doch er ignoriert mich, zückt dafür sein Handy und fotografiert unsere schöne Landschaft.

Wenig später kommt Andrea mit Wasser und einem Vesper-Plättli aus dem Haus.

«Hast du das öfters? Ich meine das Hyperventilieren?»

«Nein, das erste Mal. Vielleicht kommt es von der Bergluft», meint er und himmelt meine Andrea an.

Dieser Markus greift herzhaft zu. Andrea scheint’s zu freuen. Ihre Wangen glühen unnatürlich. Ihr Blick wirkt verzaubert. Komisch, so schaut sie normalerweise mich vor dem Einschlafen an.

Dieser Kerl macht keine Anstalten endlich zu gehen. Nein, nun offeriert sie auch noch Kaffee!

Wie sie wieder ins Haus geht diesen zu holen wird mir ganz eng. Er greift nach mir —etwas zerreisst mich – ein letztes Rascheln!

Als ob sie mein Ende gespürt hätte, stürmt Andrea zur Tür und kreischt hysterisch: «Wo ist eigentlich die Papiertüte, die ich für dich brauchte? Diese Walgreens-Tüte hat mir mein Vater 2002 aus Chicago mitgebracht. Normalerweise bewahre ich darin meine Bettmümpfeli auf. Es ist das letzte Andenken an meinen Vater!»

Markus zeigt auf meine braunen Überreste und gibt gelangweilt zurück: «Ach die, die habe ich soeben zerrissen.»

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