EINE GESCHICHTE VON THIERRYB

 

Ich wusste, dass es am Abend wieder sehr hektisch wird. Ich werde keine Zeit haben, noch zu kochen. Zielstrebig steuerte ich auf die Kühl-Theke mit dem japanischen Zeichen hin und schnappte mir ein grosses Sushi. An der Ecke zwischen Metzgerei-Abteilung und Milchprodukten stand eine junge Mutter, die ihren Einkaufswagen und den Kinderwagen so geschickt aufgestellt hatte, dass niemand mehr vorbei konnte, ohne sie anzurempeln während dem sie auf Ihrem Handy irgendetwas tippte. Ich entschied mich, die Abkürzung durch die engen Gänge zu nehmen, an der Damenwäsche und der Kosmetik vorbei Richtung Kassen. Irgendwo stand ein älterer Herr mitten im Weg und starrte, vermutlich bereits eine Stunde, in ein Gestell. Wo haben die bloss immer diese Leute her, gibt es dafür eine Agentur bei der man Statisten ausleihen kann, damit der Laden nicht so leer wirkt. Es ist nachmittags um halbvier, warum müssen nicht mehr Leute um diese Zeit arbeiten. Warum konnte der Supermarkt nicht nur ein einziges Gestell haben, in dem genau das alles bereitsteht, was ich haben muss und dann ist man bereits bei den Terminals.

Nur drei Kassen waren offen und ich prüfte mit geübtem Blick die Menge an Waren in den Einkaufswagen. Ich entschied mich für die mittlere Kasse. Die Wasserstoffperoxid-Blondine vor mir legte Ihre Einkäufe behutsam auf das Band. Selbstverständlich hatte sie keinen Warentrenner hingelegt, also legte ich mein Sushi mit etwas Abstand hin.
Die Dame hatte hohe Lederstiefel und ein hübsches jugendliches Kleid, das ihre Figur betonte, aber die hochtupierte Frisur und Ihre Hände passten nicht zum Rest. Sie versuchte aufzuschliessen, aber das Rentnerpaar war noch am Einpacken und versuchte, mehrere Säcke und ein riesengrosses Pack Toilettenpapier im Einkaufswagen so zu platzieren, dass alles passt. Sie erinnerten mich an einen Neandertaler und seine Pfahlbäuerin und in Zeitlupe gingen sie endlich Richtung Rolltreppe. Bereits der dritte Artikel beim Scannen war ein Blumenkohl, den die Kassiererin mehrmals drehte und wendete. Nein, meinte sie, das ist nicht pro Stück, den muss man wägen. Sie schloss die Kassenschublade ab, windete sich aus der Kassenkoje und verschwand mit dem Gemüse in Richtung Artikel-Waage. Nach einem kurzen Schwatz mit der Kollegin, die mit einem drei Meter hohen Stapel an Einkaufskörben unterwegs war, hatte sie das Preisschild auf die Hand geklebt und konnte weiter die Artikel erfassen.

Die Dame vor mir wühlte in ihrer Tasche und irgendwann zog sie einen Einkaufsbeutel hervor, der sich auffalten liess. Dass sie das mit diesen aufgeklebten und knallbunt angemalten Fingernägeln schaffte, erstaunte mich irgendwie. Sie hatte nach weiterem Wühlen in der Tasche einen sehr grossen Geldbeutel mit einem goldenen Verschluss in der Hand, als die Kassiererin nach der Super-Dooper-Mega-Kundenkarte fragte. Aha ja, meinte sie kurz und durchpflügte ihre Tasche wiederum. Ein zweites Portemonnaie kam zum Vorschein und sie klappte es auf und gleich wieder zu. Eine weitere Suche begann und nach einiger Zeit, hatte sie ein Brillenetui in der Hand. Nun hatte sie nicht mehr genug Hände und fing an einzelne Gegenstände auf die Theke zu legen, während sie umständlich die Lesebrille aufklappte. Ich überlegte, ob ich mir einen Einkaufswagen schnappe und ihr mit Anlauf in von hinten in die Beine rammen soll. Aber das würde die Sache vermutlich nicht wirklich beschleunigen.

Bei der Eingabe des PIN Codes vertippte sie sich zwei Mal und suchte die Lesebrille, die sie bereits wieder weggepackt hatte. Ich sah sie kurz im Profil und … nein ich glaube nicht, dass ich sie kenne. Die Kassiererin unterbrach den Vorgang mit der Frage, ob sie denn nicht einen Teil mit 23 Super-Dooper-Mega-Punkten bezahlen möchte, dann bekommt sie für den Rest doppelte Punkte. Weiter fragte die Kassierin, ob sie diese kleinen Plastic-Figuren für die Kinder möchte, sie müsste diese allerdings kurz bei der Kollegin an der anderen Kasse holen, weil die Kartonschachtel zu ihren Füssen leer ist. Oder ob sie mit der Familie am Wochenende auf das Matterhorn wandern möchte, denn da gibt es eben eine Aktion, oder … eine Reduktion auf den Eintritt im Modelleisenbahnmuseum im Jura. Und es gibt noch die Märkli und die Super-Märkli mit dem separaten Heft zum Einkleben. Die Dame überlegte lange und fragte dann, was man mit den Super-Märkli dann machen kann. Ich war soweit, dass ich mir überlegte, sie mit kurzen kräftigen Hieben in den Rücken zu erdolchen. Allerdings würde die Kassiererin dann vermutlich sagen, dass ich an der anderen Kasse nochmals anstehen soll, da sie zuerst das ganze Blut wegwischen muss. Ich verwarf den Plan, auch weil ich keinen Dolch zur Hand hatte, und erinnerte mich an das Buch, das zuhause als Bettmümpfeli auf dem Nachttisch liegt: Achtsamkeit und Meditation … und so atmete ich dreimal intensiv und sehr bewusst durch, versuchte nicht zu hyperventilieren, während dem ich alles um mich herum verfluchte.

Die Dame fing endlich an, Ihre Einkäufe in die Falttasche zu stopfen und ich wusste sofort, dass das nicht alles hineinpasst. Die Kassiererin meinte mit ernstem Blick, dass die zusätzliche Papiertasche nochmals 20 Rappen kostet, und ich betete zu Gott, dass sie den Papiersack nicht mit der Karte bezahlen wird, die bereits wieder versorgt war. Gibt es eigentlich auch Super-Dooper-Mega-Punkte, wenn man nur für 20 Rappen einkauft. Ich murmelte vor mich hin: So eine blöde Kuh. Dies in einer sehr gedämpften Laustärke, aber doch so, dass sie es sicher mitbekommt.

Die Dame wendete sich mir zu und lächelte mich an, um zu fragen, ob ich ihr eine Papiertasche von da hinten geben könnte. Etwas kleinlaut meinte ich, mit einem sehr, sehr kurzen Augenkontakt: «Ja, gerne – Frau Langenegger – so eine Überraschung! Schönen Abend dann … und liebe Grüsse an Ihren Mann. Unser ganzes Team ist so froh, so einen tollen Chef zu haben.»

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