EINE GESCHICHTE VON CLAUDIA EHLERS

 

Zum wiederholten Male ermahnte Caroline ihre 10jährigen Zwillinge Carina und Luca, nun doch endlich ins Bett zu gehen und zu schlafen, währenddem sie selbst noch schnell die Küche fertig aufräumte. Die Zwillinge hatten gemäss eines nicht enden wollenden Redeschwalls während des Abendessens einen anstrengenden Schultag hinter sich und Caroline einen nicht weniger stressigen Arbeitstag. Sie sehnte sich nach nichts anderem, als sich endlich auf der Couch bequem hinzulegen und einen Tatort schauen zu können. Ja, das war eindeutig ihre Lieblingssendung, bescherten die kriminellen Abenteuer der sich abwechselnden Kommissare und Kommissarinnen in den verschiedenen deutschen Städten ihr doch regelmässig einen wohligen Schauer über den Rücken. Endlich Action und Spannung. Etwas, das Caroline in ihrer Arbeit als Geschichtslehrerin an einem Gymnasium gerade gänzlich vermisste…Tagein, tagaus das kreischende Gezetere und widerspenstige Getue von hormongeschüttelten Teenagern mit Pubertätswirrnissen, sodass sie sich zwischendurch wie in einem Zoo wähnte. Ja wirklich, das ging ihr so langsam richtig auf den Geist und zwischendurch musste sie sich zusammenreissen, dass sie wegen der horizontreduzierten Antworten ihrer Schüler und Schülerinnen nicht in Schnappatmung geriet und anfing, zu hyperventilieren. Hatte ein Schüler heute doch tatsächlich auf ihre Frage an die Klasse, welchen Beruf Kleopatra ausgeübt habe, geantwortet, sie sei Pfahlbäuerin gewesen. Nur schon bei dem Gedanken an diese Peinlichkeit von Seiten ihres Schülers musste sie sich erneut fremdschämen und innerlich schütteln. Dass sie gleich im Anschluss an diese Lektion dann noch ihrem Ex-Mann, der für 2 Monate ein Vikariat an der gleichen Schule als Mathelehrer belegte, auf dem Flur in die Arme lief, war dann der definitive Tiefpunkt des heutigen Tages. Die sich auf dem Weg in den Geschirrspüler befindenden Suppenteller und Tassen klapperten bedenklich…
«Was ist denn mit Dir los?» riss sie ihre ansonsten eigentlich eher maulfaule Tochter Carina aus ihren wenig aufbauenden Gedanken. «Das war meine geliebte, vom Götti handgemalte Tasse, die Du beinahe zerstört hättest», doppelte ihr – wie immer um die Kundgebung seiner Gefühlslage nicht verlegene – Bruder nach. «Macht, dass Ihr endlich in die Federn kommt», war Carolines lapidare, aber nicht minder ernst gemeinte Verteidigungsantwort. Unter viel Geschepper – der Reifegrad der Grobmotorik der Zwillinge hatte noch Entwicklungspotenzial – bewegte sich das seit seiner Geburt unzertrennliche Duo e n d l i c h nach oben in Richtung Badezimmer, um dort mit seinem Feixen und Ringen unermüdlich weiterzumachen. Caroline seufzte und überlegte sich, wie sie es am besten anstellen sollte, um möglichst schnell zu ihrem wohlverdienten Feierabend zu kommen. Endlich kam ihr die gloriose Idee und entschieden stapfte sie Richtung Badezimmer.
«Wer mir genauestens erzählen kann, welches die Hauptpflichten einer Pfahlbäuerin waren, kriegt von mir als Bettmümpfeli eine Gutenacht-Geschichte geschenkt. Sollte es keinem von Euch gelingen, mir das zufriedenstellend beantworten zu können, dann müsst Ihr mir morgen eine Geschichte erzählen, die dieses Thema aufgreift.» Carina und Luca schauten sie – wie erwartet – ungläubig an und murmelten Sätze wie: «Geht’s noch?» oder «Sind wir jetzt Deine Schüler/in oder was?». Caroline lächelte innerlich, atmete achtsam – das hatte sie von ihrer Yogalehrerin gelernt – durch und wünschte ihren beiden Lieblingskindern eine gute Nacht. Sie gönnte sich einen Extra-Schuss Gin in ihr Tonic Water, flätzte sich gemütlich auf die Coach und zappte durch die vielen Tatort-Aufnahmen, um e n d l i c h eine gute Auswahl treffen zu können. Sie wählte eine mit Batic und Leitmayer, ihre beiden Topfavoriten-Kommissare, nicht nur des Humors wegen …
Der irrige Zufall nämlich wollte es, dass ihr geliebtes Wiener-Duo im Fall eines österreichischen Archäologen recherchierte, der nach einer Studienreise tot in den Pfahlbauten von Unteruhldingen aufgefunden wurde. Das passte doch gerade gut zu ihrem Thema…und diente einer optimalen Vorbereitung für das morgige Bettmümpfeli der Zwillinge, die es sich – wispernd und tuschelnd – hinter dem Sofa bequem gemacht hatten.
Caroline kriegte das nicht mehr mit, glitt sie doch bereits nach fünf Minuten erschöpft in einen unruhigen Dämmerzustand, währenddem Kater Napoleon und ihre Zwillinge gebannt dem spannenden Krimi folgten. Tja, sie hatten ihrer Mutter morgen definitiv eine interessante Pfahlbäuerinnen-Geschichte zu erzählen, dessen waren sie sich bereits nach wenigen Minuten sicher.

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