EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Vorgabe: Bettmümpfeli, Pfahlbäuerin, hyperventilieren

Ihr Hof hiess „Pfahl“ und lag auf dem Pfahlenstiel. So war sie überall als Pfahlbäuerin bekannt. Mit den Pfahlbauern, die in der Steinzeit vor viertausend Jahren ihre Häuser in den Bodensee stellten, verband sie nur wenig. Sie war konsequente Nichtschwimmerin. „Wenn der Mensch zum Schwimmen bestimmt wäre, dann hätte er Flossen,“ pflegte sie zu sagen. Auch die Vorstellung, dass ihr Haus auf dem Wasser gebaut wäre, konnte sie nicht begeistern. „Das ist nicht gut für die Gesundheit!“ war ihre kurze Begründung. Sie brauchte dazu kein Medizinbuch oder keinen Gesundheitsratgeber. Schliesslich wurde sie immer wieder von Nachbarn gerufen, wenn sie nicht schlafen konnten oder unter Rheumaschüben litten. „Verena,“ sagten sie. „Könntest du mal unser Schlafzimmer auspendeln?“ Verena nickte, packte ihre Wünschelrute ein, die sie aus einem alten Kleiderbügel zurechtgebogen hatte und machte sich auf, um dem Übel abzuhelfen. Wenn sie schon vor Ort war und ihre Pendlerausrüstung nicht dabei hatte, zog sie sich den Ehering vom Finger, band ihn an einen meterlangen Faden, den sie zwischen Daumen und Zeigefinger hielt während sie nach einem bestimmten Muster durch das Schlafzimmer schritt. Im Unterschied zur Wünschelrute, die auf- und abwärts ausschlug, wenn sie die Strahlung einer Wasserader erfasste, begann der Ring am Faden zu kreisen oder schlug seitwärts aus. Kreisen deutete auf eine gutmütige Strahlung hin, seitwärts pendeln auf eine schädliche.

Verena hatte ihren Berufsstolz. Sobald jemand im Raum eine abschätzige Bemerkung machte oder nur schon heimlich schmunzelte, packte sie ihre Sachen zusammen. Sie war mit Gut-zureden oder Entschuldigungen nicht mehr zu halten. Sie verabschiedete sich mit einer Bemerkung wie: „Dann bleibt doch weiter auf eurer Wasserader hocken und klagt ja nicht mehr über Gicht oder Kopfweh!“ Und fort war sie. Das wussten die, die sie riefen und glaubten auch mehr oder weniger an ihre speziellen Fähigkeiten, sonst hätten sie sie ja nicht geholt. So hielten sie ihre kritischen Bemerkungen oder Fragen zurück und beobachteten, wie Verena ihre Augen schloss, die Lippen bewegte, als würde sie Beschwörungsformeln sprechen und wie ferngesteuert durch den Raum schritt. Plötzlich hielt sie inne und das Pendel begann auszuschlagen oder der Ring zu kreisen. Verena griff nach einem Wasserglas auf dem Nachttisch oder einem Schuh unter dem Bett und markierte damit die Stelle, bevor sie ihren Rundgang fortsetzte. Nach zehn Minuten entspannte sich ihr Gesicht, als würde sie aus einer Trance aufwachen.
„Die Wasserader läuft quer unter dem Bett durch. Ihr könnt das Bett an die andere Wand schieben oder das Zimmer wechseln,“ lautete ihre Diagnose. Nach längerem, bedeutungsschwerem Schweigen schob sie nach: „Oder ich blockiere die negative Strahlung.“ Meistens entschied man sich für die Blockade. „Ich brauche ein Holzkistchen mit Sand gefüllt, eine Glühlampe, ein Stück Draht und einen Fünfliber.“

Verena bettete die Glühbirne in den Sand in der Holzkiste, in der früher eine Magnum-Flasche Barbera gelegen hatte, vergrub den Fünfliber am andern Ende und verband die beiden Gegenstände mit dem Kupferdraht. Dann platzierte sie das Kistchen zwischen die markierten Orte unter dem Bett. Nach einer kurzen Prüfung durch das Pendel, nickte sie zufrieden. „So, nun könnt ihr wieder ruhig schlafen!“

Auf Fragen, wie sie das gemacht habe oder wie die Wirkung zu erklären sei, ging sie nicht ein. „Ich kann es einfach,“ war ihre Antwort. „Genauso kann ich auch unterirdische Quellen aufspüren oder einen verlorenen Gegenstand finden.“ Wollte man ihr Geld geben für die Hilfe, wies sie es kopfschüttelnd zurück. „Das ist eine Gottesgabe. Wenn ich mich bezahlen lasse, verlassen mich die Kräfte.“ Meistens steckten ihr die Auftraggeber eine Schachtel Schokolade oder einen Sack Weihnachtskonfekt zu. „Da hast du ein kleines Bettmümpfeli als Dank!“ Verena wehrte sich nicht. Zu gern steckte sie sich etwas Süsses in den Mund, wenn sie in der Tagesschau am Fernsehen mitverfolgte, wie die Welt da draussen wieder hyperventilierte.

Vielleicht verband die Pfahlbäuerin doch mehr mit den Pfahlbauern von damals, als sie wahrhaben wollte.

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