EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

WAO ist nicht zu verwechseln mit der WHO , wenn auch die Dimension für uns Kinder ähnlich gross und anspruchsvoll ist. WAO steht für «Weihnachts-Aktion-Opa». Unser Opa ist der Hammer und wir würden ihn für keinen anderen auf der ganzen Welt eintauschen, aber vor Weihnachten ist er echt eine Herausforderung. Und heute, wie immer am letzten Sonntag im November, ist WAO Planungssitzung. Ja, ja, so nennt er das. Es geht um die alljährliche Aktion «Unsere-Familie-muss-vor-Weihnachten-etwas-Gutes-tun». Und zwar etwas RICHTIG Gutes. Richtig gut heisst für Opa, dass es für andere Menschen sehr nützlich, eine grosse Erleichterung oder eine Riesenfreude sein muss. Immerhin dürfen wir mitbestimmen.

Letztes Jahr lag es auf der Hand. Wir machten das Weihnachtsshopping für andere, welche in Quarantäne hockten und niemanden hatten, der den Einkauf für sie erledigte. Ich erinnere mich besonders an jene ältere Dame, welche vor lauter Dankbarkeit ein Gedicht für uns schrieb. Oder an die Familie mit 6 Kindern (man stelle sich das vor in Quarantäne). Der offenbar musikfreudige Vater liess «We are the Champions» durch die Gänge dröhnen, während wir mit all den Tüten vier Mal die Treppen hoch in den fünften Stock stiegen. Bei jedem «We» sang die Familie ganz laut «You» – unvergesslich.

Früher einmal haben wir zwei Wochenenden lang Weihnachtsguetsli gebacken und sie dann am 24. Dezember am späteren Nachmittag in der Stadt an Obdachlose verteilt. Ich glaube, ich kann mich an jeden Einzelnen erinnern. Das Bedrucken von Weihnachtspapier mit Kartoffelstempel im Heim für Menschen mit einer geistigen Behinderung war eine andere WAO. Unendlich viel Spass hatten wir dort!
Ja, so in etwa lief das jedes Jahr und heute geht es nun um die diesjährige Planung.

Protokoll der WAO-Planungssitzung vom 28. November 2021 18.00 h
Ort: Wohnung von Opa Alfred
Anwesend:
Opa Alfred
Birgit 15-jährig
Viviane 13-jährig
Fabian 10-jährig
Benjamin 7-jährig
entschuldigt: Oma Cecile, Eltern Franziska und Kaspar

18.00 h
Der Sitzungsleiter Opa Alfred eröffnet die Sitzung und begrüsst alle Anwesenden.
Er erklärt, um was es geht: Die Familie soll vor Weihnachten etwas richtig Gutes tun, wie jedes Jahr. Heute werden Vorschläge gesammelt und dann abgestimmt. Der Vorschlag mit den meisten Stimmen wird ausgeführt. Alle sind mit dem Vorgehen einverstanden.

Birgit wird gegen ihren Willen als Protokollführerin bestimmt.
Viviane meldet sich zu Wort: Sie stellt den Antrag, dieses Jahr wegen der Corona-Situation auf die Aktion zu verzichten und sie auf Ostern im nächsten Jahr zu verschieben. Die Olympiade sei ja auch um ein Jahr verschoben worden. An Ostern könnte man dann Ostereier bemalen und sie als Osterhasen verkleidet bei bedürftigen Familien verstecken.
Benjamin protestiert. Er wolle nicht bis Ostern warten und überhaupt gäbe es den Osterhasen doch gar nicht.
Fabian findet Viviane eine blöde Gans und eine Spielverderberin. Viviane haut ihm unter dem Tisch ans Schienbein.
Der Sitzungsleiter greift ein und mahnt zur Ruhe.
Der Antrag von Viviane wird mit 4 zu 1 Stimmen abgelehnt. Sie akzeptiert den Entscheid murrend.
Opa Alfred fordert alle auf, Ideen zu liefern. Er schreibe alles auf ein grosses Zeichnungspapier auf. Er sagt, das sei ein Brainstorming. Dann habe jeder und jede 3 Klebpunkte zur Verfügung, um die besten Ideen zu kennzeichnen.
(Bemerkung der Protokollführerin: Es wird nun ziemlich laut. Da ich mich aktiv an der Ideensammlung beteilige, kann ich nicht aufschreiben, wer was gesagt hat.)
Schliesslich stehen 10 Vorschläge auf der Liste:
• Schneeschaufeln, wenn es dann endlich mal schneit
• eine Schlittenfahrt organisieren: Wir sammeln alle Schlitten in der Nachbarschaft ein, hängen sie mit Opas Bergseil zusammen und Opa zieht die Kolonne mit dem Auto im Schritttempo durchs Dorf oder querfeldein, alle dürfen mitfahren
• jeder überzeugt einen Ungeimpften zur Impfung
• ein Jassturnier in der Wohnung von Opa organisieren, alle bringen einen Preis mit
• Kerzen ziehen und sie in der Nachbarschaft verschenken
• Spielsachen verschenken, die wir nicht mehr brauchen
• Velo putzen bevor sie im Keller eingestellt werden
• als Familienchor Weihnachtslieder vor den Häusern singen
• wie die Heilsarmee auf den Strassen singen und Geld sammeln für einen guten Zweck
• Grittibänzen backen und verkaufen, das Geld einer gemeinnützigen Organisation spenden

Abstimmung
Nach heftigen Diskussionen werden die Klebpunkte verteilt.

Stimmen haben erhalten: Schneeschaufeln 5 Punkte, Schlittenfahrt 4 Punkte, Weihnachtslieder singen 3 Punkte, Velo putzen 2 Punkte, Ungeimpfte überzeugen 1 Punkt,

Es wird entschieden, dass man auf den grossen Schneefall wartet und dann bei allen Nachbarn die Hauseingänge und Garage-Einfahrten freischaufelt. Opa besorgt schon mal 5 Schaufeln.

Die Sitzung wird um 18.47 h geschlossen. Opa lädt zu einer Runde heisse Schoggi ein.

Die Protokollführerin: Birgit

Leave a Reply