EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Leano öffnete vorsichtig die Türe, trat leise ein und schloss die Türe hinter sich. Neugierig schaute er sich um. Er wusste nicht so genau, was wo war. Er war nach seiner Erinnerung noch nie in der Schauspielerlounge eines Theaters gewesen. Allerdings kannte er sich mit Inneneinrichtungen von Gebäuden aus. Das war eben gerade wichtig. Es war ein langer Tag gewesen und er freute sich auf den Ausgang. Endlich wieder mit Freunden ein Bier trinken und plaudern. Dann – auf dem Weg zum eben angesagten Pub – der Schreckensmoment. Der Akku des Handys war leer. Einfach so. Am Morgen noch geladen und jetzt: leer. Er hatte kurz geflucht und sofort realisiert, dass er das Handy aufladen musste. Lieber eine halbe Stunde zu spät als ein leerer Akku. Das ging gar nicht. Erst Strom, dann WLAN, dann erst Essen und Trinken.
Also musste er eine Zwangspause machen. Da er gerade vor dem Theater stand, war es für ihn selbstverständlich, einzutreten. Irgendwo würde es schon eine Steckdose geben, die er anzapfen konnte. In der Regel knapp über dem Boden, manchmal hinter einer Säule versteckt, aber immer mit Strom versorgt. Dort hinten, bei den grossen Sesseln, da würde es sicher eine Dose haben. Leano ging forschen Schrittes in die Richtung, drehte sich zu den Sesseln hin – und fror mitten in der Bewegung ein.
Vor ihm, in einem der übergrossen Sessel, sass bewegungslos eine Frau und schaute ihn mit leeren Augen an. Er schluckte. Sie schien zu leben, atmete, aber war vollkommen ausdruckslos. Leano machte einen geistigen Doppelsalto. Damit hat er nicht gerechnet. Sollte er etwas sagen? Was sollte er sagen? Instinktiv wusste er: ein flapsiger Spruch war nicht angebracht, hier stand er vor einer Tragödie.
„Hallo“, sagt er schlussendlich leise. „Ich bin Leano. Darf ich da mein Telefon einstecken? Mein Akku ist leer.“ Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie schliesslich ebenso leise antwortete. „Ich heisse Sandra. Mein Akku ist auch leer.“ Immerhin war Leano sofort klar, dass sie nicht ihr Handy meinte. Noch wusste er nicht, was er tun sollte. Er setzte sich hin, getraute sich aber nicht, Handy und Kabel auszupacken und einzustecken. Er schaute Sandra an. Sie war sicher ein Jahrzehnt älter als er, dachte er. Ihre Augen waren gerötet, sie musste geweint haben. Warum sie wohl hier sass? Da war niemand sonst. Und heute war auch keine Vorstellung. War sie eine Schauspielerin des Ensembles?
„Warum…“ begann er, brach aber ab. Keine Ahnung, was er eigentlich genau fragen wollte. Und keine Ahnung, ob er überhaupt eine Antwort hören wollte. Sandra starrte ihn nur an. Schliesslich setzte Leano nachmals an: „Seit wann ist er leer?“ Endlich richtete sie ihre Augen auf ihn. „Seit heute Morgen“, sagte sie nach einer Weile. „Und du bist noch hier?“ fragte er erstaunt. „Hier ist Endstation“, sagte sie tonlos.
Leano musste wohl etwas sehr perplex ausgeschaut haben. Sandra versuchte ein gequältes Lächeln. Es misslang. „Ich meine, hier ist mein Akku heute Morgen geleert worden und daher bin ich noch da. Endstation“, fügte sie erklärend hinzu. Leano schluckte wieder. Der Nebel schien sich leicht zu lichten. Er blieb sitzen, unschlüssig, was er tun sollte. Nichts tun war keine Option, so tun als wäre nichts, auch nicht.
„Ich kann meinen Akku hier laden, aber du?“ fragte er schliesslich.
„Ich nicht mehr“, seufzte Sandra nach einer kurzen Pause.
„Und warum bist dann noch da?“ fragte Leano zurück. Er schien sie endlich etwas aus ihrer Reserve herauszulocken. Sie schaute ihn nachdenklich an. Dann zuckte sie mit den Schultern und sank wieder etwas zusammen.
Ein paar Gedanken flogen Leano durch den Kopf. Was sollte er bloss machen? Sein Handy war noch immer leer, die Zeit tickte, die Freunde warteten schon bald und hier war er in einer depressiven Situation gefangen. Er schaute Sandra nachdrücklich an. Sie schaute zurück und fing dann leise an zu sprechen. „Seit sechzehn Jahren spiele ich hier. Alle Rollen, nichts war mir zu schade. Keine Klagen, immer perfekt vorbereitet, viel Applaus. Bis heute Morgen. Die Direktorin rief mich an, ich solle doch rasch vorbeikommen. Eine neue Rolle, dachte ich. Sie wohl auch. Ich sei per sofort freigestellt, jemand anderes würde meine Rollen übernehmen. Die Kündigung sei unterwegs.“
Sie wischte sich über die Augen. „Endstation“, wiederholte sie.
Leano schaute sich um. Die schweren stoffbezogenen Sessel, ein paar spärliche Lampen an den Wänden. Dunkle Möbel. Er stand auf.
„Komm“, sagte er zu Sandra und streckte ihr seine Hand hin. „Wir müssen gehen. Ich sehe hier keine Akkulademöglichkeiten. Weder für dich, noch für mich.“ Aus dem Reflex heraus hatte sie seine Hand ergriffen, wollte sie aber sofort zurückziehen. Leano hielt fest und zog sie Richtung Ausgang.
Es war fast dunkel, die ersten Lichter gingen an. Ein Tram fuhr vorbei. „Hast du ein Abo“ fragte Leano. Sie nickte, überrascht von der Frage. Bevor sie wusste was geschah, sass sie mit Leano im Tram, zuhinterst im Abteil. Mit einer geübten Handbewegung zog Leano sein Handy und das Ladekabel aus der Tasche, beugte sich unter den Sitz und steckte es ein. Dann deutete er auf die Leute, die über die Strasse rannten und noch das Tram erwischen wollten. „Jetzt laden wir beide mal“, erklärte er lakonisch. Sandra schaute ihn überrascht an.
„Die dort haben heute Abend Pizza“, sagte er und zeigte auf eine feste Frau mit einer grossen Tasche. „Diese Jungs werden am See trinken gehen“ meinte er in Richtung der vorderen Türe. Das Tram klingelte und bremste Stark ab. Sandra musste sich an Leano festhalten. „Ein Smombie“, lachte Leano. Sandra lächelte zurück.
Sie fuhren bis zur Endstation. Während das Tram eine kurze Fahrplanpause hatte, ging Leano zum Kiosk und kam mit zwei Sandwichs und Getränken zurück. „Hattest du denn keine anderen Pläne?“ fragte Sandra. „Jetzt nicht,“ antwortete Leano, „ich muss Akkus laden.“ Das Tram fuhr wieder ab.
Sie fuhren die ganze Linie entlang, bis zur anderen Endstation. Sie kommentierten die Passagiere, den Verkehr draussen, die Lichter der Reklamen und der Gebäude. Irgendwann kamen sie beim Hauptbahnhof an. Leano zog das Ladekabel ab und ignorierte geflissentlich die vielen Whatsapps und SMS auf dem Display.
Er warf nur einen kurzen Blick auf das Handy, schaute dann Sandra an und meinte mit Nachdruck: „So, der Akku hat wieder genügend Saft für die nächste Zeit.“ Sie schaute ihn an, nickte verstehend und sagte wieder etwas leiser: „Meiner auch. Danke.“

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