EINE GESCHICHTE VON THIERRYB

 

Das Mobiltelefon legte er zurück auf die Kommode neben der Eingangstüre. Der Akku war leer und so brachte es nichts, das Gerät mitzunehmen. Aber das machte ihm sowieso nichts aus, denn er nahm nicht teil an dem Kreis der Kurznachrichteler und dem banalen «wo bist Du und was machst Du gerade». Er wusste nicht, dass sein Kumpel Thom heute Spaghetti mit Tomatensauce kocht und dass Chris gestern ein neues Spiel heruntergeladen hat und gleich im ersten Durchgang 880 Punkte machte. Und das war ihm egal. Er veranstaltete lieber mal ein Nachtessen unter Freunden, bei dem man zusammen kochte und sich im richtigen Leben begegnete, so «richtig analog» wie er immer wieder genüsslich sagte.
In zwei Wochen hat er wieder Geburtstag und der Geschenk-Gutschein für die Bergbahn läuft dann ab. Es ist wohl der richtige Tag und die letzte Chance, dem Nebel zu entfliehen. Er sollte sich bei Thom und Chris bedanken, aber sicher nicht mit einer Kurznachricht am Handy. Er wird ihnen eine Postkarte senden zu seinem eigenen Geburtstag, schön altmodisch.

Die Bergstation ist nicht direkt am Gipfel und man muss noch einige hundert Meter hinaufsteigen, bis man den Panorama Blick geniessen kann. Die Stufen auf dem Weg waren zum Teil riesig und er war froh, dass da und dort ein altes verrostetes Geländer etwas Halt bot. Er war als Kind zuletzt hier gewesen und er fragte sich, wie er diese grossen Tritte gemeistert hatte, als er damals von den Eltern auf die eher verhassten Wanderausflüge getrieben wurde. Das verwitterte Blechschild und der Fahnenmast auf dem Gipfel waren wie eine Erlösung. Er war völlig geschafft. Bevor er sich aber auf die Bank setzte, wollte er kurz den Rundum-Blick geniessen. Die hübsche Frau mit den braunen Locken fiel ihm sofort auf und er murmelte ein schüchternes «Hallo».

Sie nickte nur kurz und wandte sich wieder ab. Wie gerne hätte sie jetzt ein schönes Foto von der Sicht über das Nebelmeer an Ihre Freundinnen gesendet. Vielleicht hätte sie doch nicht alleine losziehen sollen. Eigentlich war ein derart schöner Moment nur wertvoll, wenn er mit jemandem geteilt werden kann. Sie hatte das Mobiltelefon in der Nacht vergessen aufzuladen und in der Gondelbahn gab es nur Nebel zu sehen. Die letzte Folge der Netflix-Serie hatte ihrem Akku den Rest gegeben. Sie hatte einen kurzen Moment einen Anflug von Einsamkeit und fühlte sich mit niemandem verbunden. Sie fühlte sich leer, total leer.

Er war immer noch völlig geschafft und sass ganz am Ende der Bank. Er drehte sich zu ihr und meinte mit etwas Schalk: «Mein Akku ist leer, total leer …». Wie fängt man denn so ein Gespräch an, fragte sie sich. Sie überlegte lange, bevor sie antwortete.

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