EINE GESCHICHTE VON ISABELLE LEUTENEGGER

 

Noch vor wenigen Jahren hätte ich geschworen, dass ich nie in eine so blöde Situation kommen würde — ich nicht! Da steh ich nun und möchte mit meinem mir zugewiesenen PIN die Türe öffnen. AKKU LEER sagt die Anzeige auf dem Display. Verflixt, bis hierher zu kommen war schon beschwerlich genug. Das ganze Leben habe ich mich darum bemüht und nun das! Na wartet, wenn ich da drin sein werde wird eure IT-Abteilung gehörig aufgeräumt. Moment mal rauscht es durch meinen Kopf, hier oben sollte ich mich doch nicht mehr aufregen. Ach Quatsch, auch die Manager dieser Teppichetage sind nicht fähig die Akkus geladen zu halten.

Bruno war ein schlanker Mann von gut dreissig Jahren. Jeden Tag trug er ein anderes Cap was ihn sein schütteres Haar vergessen liess. Sein bleiches Äusseres fiel ihm erst durch die gefühlt tausend Zoom-Meetings auf. Deshalb war Bruno nicht wirklich unglücklich, dass er seit ein paar Wochen an zwei Arbeitstagen ins Büro musste. Die Luft der Grossstadt brachte wenigstens eine andere Farbe in sein Gesicht. Wenn da nur nicht wieder die Kleiderfrage gewesen wäre. Zu Homeoffice-Zeiten wechselte er zwar täglich das T-Shirt, jedoch nicht die Trainerhose. Für die Sitzungen vor Ort in der schicken Softwarefirma musste er zwangsläufig seine bald angestaubten Jeans wieder hervorholen. Was ihn allerdings viel mehr störte, war die Tatsache, dass er vor Ort nicht mehr Toon Blast spielen konnte, wenn sich die anderen Sitzungsteilnehmer mit ihrer aus seiner Sicht trotteligen Weise über simple IT-Themen unterhielten.

Vor drei Jahren kaufte er sich dank seinem guten Gehalt eine schicke Eigentumswohnung. Seine Freizeit nutzte er, um sein Zuhause auf den neuesten technischen Stand zu bringen. Obwohl er nicht gerne kochte, bestückte er seine oft verwaiste Küche mit den neuesten Geräten. Diese ermöglichten ihm von unterwegs den Kochvorgang seiner Fertigprodukte zu starten. Selbstverständlich galt dies auch für den Kochherd und den Geschirrspüler. Für den Kühlschrank entwickelte er eine einfache Lagersoftware, die ihm mitteilte, wenn der Bestand an Fertigprodukten, Milch oder Käse sich zu Ende neigte.
Die Fenster-Jalousien oder die Elektrofussbodenheizung konnte er bequem vom Sofa zu Hause oder von extern steuern. Seine Wohnung war mit allen erdenklichen technischen Raffinessen ausgestattet, eben eine Hightech-Wohnung. Was es noch nicht auf dem Markt gab, entwickelte Bruno selbst. Nächtelang tüftelte er an seinen Ideen. Äusserst stolz war er auf ein selbst entwickeltes App, welches jeden beliebigen Schrank oder jede Schublade sowie jede Tür in seiner Wohnung per Klick öffnete. Pingelig war er darauf bedacht, dass seine Entwicklungen stets tipp top funktionierten.

Seine Bekannten nannten ihn den Daniel Düsentrieb der Neuzeit.
«Du hast ja nicht mal Zeit eine Frau zu finden. Wenn du so weiter machst, wirst du dein Leben mit einem Avatar verbringen müssen!», gab sein Freund Ralf unlängst nach dem dritten Bier zu bedenken.
«Sobald meine Wohnung fertig ist, werde ich mich auf Brautschau machen, versprochen! Bis dann jedoch unterhalte ich mich eben mit Siri.», konterte er lachend.

Nach einem produktiven Jahr verliessen Bruno die Ideen. Von einem Tag auf den anderen gab es nichts mehr zu recherchieren, zeichnen, konstruieren, und schliesslich zu verbessern. Da war plötzlich viel freie Zeit die es zu nutzen galt — aber wie? Siri konnte ihm da nicht helfen also erinnerte er sich an sein Versprechen bezüglich dem Thema Brautschau.
Als Macher-Typ ging er gleich ans Werk. Tinder wurde installiert und auf dem Weg in seine Firma gleich ausprobiert. Ganz in sein Smartphone und dem Bild einer Alexandra vertieft, übersah der das von links kommende Auto. Plötzlich war alles schwarz, dann sah er ein helles warmes Licht.

«Bruno, hallo Bruno wie geht es dir? Da bist du ja wieder.», höre ich wie durch Watte meinen Kumpel Ralf sagen. «Da hast du noch mal richtig Glück gehabt. Du Blödmann, ohne zu schauen bist du über die Strasse gelaufen!»

Mühsam versuche ich die Augen offen zu halten. «Ist die Tür jetzt doch noch aufgegangen?» stammle ich leise. «Auf dem Display an der Himmelstür stand doch Akku leer.»

«Das sind Phantasien, Folgen deiner Hirnerschütterung.», erklärt Ralf nachsichtig.

Erleichtert nicke ich und ergebe mich Morpheus.

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