EINE GESCHICHTE VON ISABELLE LEUTENEGGER

 

Gestern noch hätte ich mich als lebenslustige, intelligente, ordentlich attraktive Genussfrau Ende fünfzig bezeichnet. Heute Morgen wollte der Badezimmerspiegel meine gestrigen Attribute nicht unterstützen. So viel zum Thema Spieglein, Spieglein an der Wand, der hätte mich glatt zehn Jahre älter geschätzt. Ich mich leider auch. Klar, gestern ist es noch ein bisschen feuchtfröhlich geworden, aber heute beginnt eh mein neues Leben!

Die Ferientage sind rum und ich gehe guter Hoffnung, aber wie ein zu Strafaufgaben verdonnertes Kind in meine erste Pilates-Lektion. Schön langsam die gutgenährten Bauch- und Pomuskeln anspannen, höre ich die durchtrainierte Instruktorin sagen, die wohl kein einziges Stückchen Kuchen gegessen hat. Ich bin mir sicher, die Tante bewundert ihren Waschbrettbauch jeden Morgen. Da erblicke ich im überdimensionierten Spiegel des Pilates-Studios diese nicht mehr ganz taufrische Frau im altmodischen Gymnastikoutfit, die wie eine Gurke auf dem Boden liegt. Herrgott noch mal, das bin ja ich! Auch ohne Brille registriere ich das. Okay, okay, das wird ab heute anders, ich schwöre es, ich gehe ab sofort einmal die Woche ins Pilates. Nicole Kidman tut das schliesslich auch! Ja, ja, selber schuld, Frau Kidman, Ruhm verpflichtet! Eigentlich gut, dass ich nicht so berühmt bin. Trotzdem, einmal die Woche muss sein. Nach gefühlten hundert Jahren ist die Stunde um. Keuchend wie nach einer Bergbesteigung schleppe ich mich in die Garderobe. Puh – ich hab’s überlebt.

Als Belohnung gehe ich ins Café Speck. Ich gönne mir einen Cappuccino, der dem Kaloriengehalt einer Zwischenmahlzeit entspricht, und eine Butterbrezel. Beim zweiten Biss sehe ich mich im Spiegel hinter der Theke. Verdammt! Erkenne ich da etwa ein kleines Doppelkinn? Gut, ab morgen wird auch die Brezel vom Speisezettel gestrichen. Frisch gestärkt möchte ich vor meiner Einkaufstour noch schnell auf Toilette. Gerade, als ich mir die Lippen nachziehen will, bemerke ich im Toilettenspiegel die Fältchen um meinen Mund. Auch das noch, seit wann habe ich die denn? Das muss ich mir genauer ansehen. Als ich mich zum Spiegel vorbeuge, sehe ich die Fältchen in den Mundwinkeln und die für meinen Geschmack verdammt ausgeprägten Labialfalten. Ui, meine Zornesfalte ist auch nicht ohne. Genau das ist genetisch bedingt, meine geliebte Oma hatte das auch. Aber das macht’s nicht besser. Also ich muss dringend mal wieder zur Kosmetikerin. Die soll sich gefälligst was einfallen lassen, die Fältchen müssen weg, vielleicht mit Botox, nein, dann habe ich ja eine Stirn wie Arnold Schwarzenegger, besser wäre Hyaluron unterspritzen. Quatsch, das soll die Fachfrau entscheiden! Nächste Woche gehe ich hin, beruhige ich mich.

Soll ich nun zuerst noch schnell in der Boutique vorbeischauen oder wäre es sinnvoller, damit bis nach meiner ultimativ bevorstehenden Diät zu warten? Ach was, schliesslich war ich heute schon in diesem Pilates-Kurs, da darf man sich doch belohnen und unverbindlich in der Boutique vorbeischauen. Ich gehorche meinem inneren Sparfuchs. Ist ja klar, jetzt, nach den Sommerferien wird es wohl ein paar Schnäppchen geben. Und tatsächlich, sehe ich diese tolle rote Hose mit der bunten Bluse, das sind absolute ‹Must-haves›. Euphorisch schnappe ich mir Grösse 40 und hechte in die erste freie Umkleidekabine. Kaum ausgezogen, fällt mein Blick auf mein Spiegelbild. Trotz Pilates-Stunde ist die schlaffe Haut an meinem Bauch noch da. Blöde Wechseljahre, da verschiebt sich das ganze Fett in die Körpermitte. Das Michelin-Männchen könnte glatt mein Bruder sein. Ich bewege meine Hüften wie ein Hampelmann, doch ich krieg den blöden Reissverschluss einfach nicht zu – grossartig! Er klemmt — leider nicht unverhofft! Nach ein paar verlorenen Kilos wird die wohl passen, höre ich meinen inneren Optimisten! Raus aus der Hose, probiere ich die Bluse an. Wie blöd bist du denn? Nimmst eine taillierte Bluse! Da wird jedes Speckröllchen sichtbar! Ich könnte heulen. Weder Hose noch Bluse passen in Grösse 40. Zu allem Übel kommt noch die Verkäuferin, Modell Twiggy, und meint, (höre ich da einen sarkastischen Unterton?) diese Kombination gebe es leider nicht grösser.

Frustriert und unverrichteter Dinge verlasse ich die Boutique.

Also dann halt direkt in den Supermarkt, Gemüse, Mineralwasser, Bouillon und mageres Fleisch stehen schon morgen auf dem Speiseplan. Schnell vorbei an den Prosecco-Kartons – nein, mein Lieblingsprosecco ‹Luna› ist im Angebot. Klar nehm’ ich noch 2 Fläschchen. Man weiss ja nie? – Feste ereignen sich oft ungeplant. Einen kleinen Abstecher in die Kosmetikabteilung muss ich mir über all den Widrigkeiten des Lebens gönnen. Eine Faltencreme für die Lippen und vielleicht eine neue Mascara? Was meint die übergeschminkte Kosmetiktussi? Eine Augenfaltencreme würde sie mir auch noch empfehlen? Ich solle mal hier in den Spiegel schauen. Blöde Kuh! Geht’s noch? Widerstrebend folge ich ihren Anweisungen. Beim Teufel! Tatsächlich! Etliche Krähenfüsse zieren meine Augen. Vielleicht etwas zu barsch reisse ich der Tussi die angepriesene Augencreme aus der Hand und gehe mit wehenden Fahnen an die Kasse.

Jetzt aber nichts wie nach Hause in meine Höhle!

Moment, meine Diät beginnt erst morgen; sollte ich da nicht noch was Süsses vom Bäcker holen und mich zu Hause gemütlich bei einer Tasse Kaffee erholen? Gedacht, getan.

Als ich in meine Strasse einbiege, sehe ich im Seitenspiegel, wie sich Viola nähert. Im neuesten sexy Sportoutfit, die langen Haare zusammengebunden, die Lippen knallrot geschminkt, joggt sie leichtfüssig neben mir her. Das wäre die Gelegenheit, diese Edel-Sportfanatikerin zu überfahren. Soll ich oder soll ich nicht – oh nein. Ruinier bloss dein Karma nicht. Anstatt das Gaspedal durchzudrücken, lasse ich die Scheibe runter, setze mein bestes falsches Gesicht auf und wünsche einen wunderschönen Tag. Die hat mir echt noch gefehlt.

Zu Hause angekommen, sehe ich am Garderobenspiegel mein mit Grossbuchstaben selbst geschriebenes Motivationsmotto hängen: LISA, DEIN GESUNDES ICH FREUT SICH AUF DICH! Genau so wird es sein.

«Lisa, komm schnell ins Schlafzimmer, ich habe eine Überraschung für dich!», höre ich meinen Mann rufen. Puh, der scheint mir ja gut gelaunt. Aber was tut der um diese Zeit im Schlafzimmer?

Ich lasse die Einkaufstüten in der Küche stehen und will mit meinen neuerworbenen Faltencremes Richtung Bad marschieren. Als ich mich umdrehe, kommt mir schon mein Mann entgegen. Er nimmt mich bei der Hand und führt mich ins Schlafzimmer, hin zum begehbaren Kleiderschrank. Verdammt, mir wird schwindlig. Ich kralle mich an die Schiebetür – nein, das kann nicht wahr sein! –, da sehe ich doch tatsächlich mein Ganzkörperbild im neu montierten Wandspiegel!
«Für dich, mein Schatz.»
Er nimmt mich in den Arm. Ich höre seine sonore Stimme sagen: «Uns sieht man das Glück einfach an. Was sind wir für ein schönes Paar.»

Ich schaue uns beide im Spiegel an und spüre die mir vertraute Wärme und Zufriedenheit im Bauch, wenn mich mein Mann im Arm hält.

«Weisst Du was? Lass uns auf unser Glück mit einem Gläschen Prosecco anstossen!» Widerspruchslos lässt sich mein Mann Richtung Wohnzimmer dirigieren.

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