EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Karin hatte sich mit ihrem Leben als Single abgefunden. Ihre Liebschaften und Affären mit Männern waren alle nach ein paar Monaten zerbrochen, ausgelaufen, explodiert oder einfach eingeschlafen. An ihrem vierzigsten Geburtstag, den sie alleine feierte, entschied sie, es gut sein zu lassen. Sie einigte sich im Selbstgespräch auf die Sprachregelung: „Ich bin Single und will es auch bleiben.“ Der Entscheid wirkte wie der Bruch einer Staumauer. Ein unglaublicher Energiestrom erfasste sie. Sie realisierte erst jetzt, wieviel sie in die Suche nach einem Partner investiert hatte. Das ständige Abwägen, ob der oder jener aus ihrem Bekanntenkreis oder Arbeitsumfeld als potenzieller Liebhaber und Lebensgefährte in Frage käme, das heimliche Surfen auf Dating-Plattformen, die Lektüre von Liebesromanen bei der sie sich immer mit der Protagonistin verglich und die Geschichte zu ihrer eigenen machte, die anstrengenden Rendez-vous mit potenziellen Partnern, bei denen sie sich verbiegen musste bis zur Selbstverleugnung, um dem Bild zu entsprechen, das sie meinte, abgeben zu müssen, um ihr Gegenüber zu beeindrucken. All das hatte soviel Kraft und Zeit gekostet, die ihr nun für andere Aktivitäten zur Verfügung stand. Nicht zu reden von den bitteren Enttäuschungen, wenn sie sitzen gelassen wurde oder der Verehrte sich nach kurzer Zeit als langweiliger Schwätzer oder arroganter Selbstdarsteller entpuppte! Auch die Eifersucht auf andere Frauen, die scheinbar in glücklichen und bereichernden Beziehungen lebten, fiel von einem Tag auf den andern weg und setzte eine Energie und Lebenslust frei, wie sie sie seit Kindheitstagen nicht mehr erlebt hatte.

An einem Mittwoch, den sie sich frei genommen hatte, sass sie im Erstklassabteil des Zugs von Zürich nach Genf, wo sie im Musée des Arts modernes et contemporains Mamco eine Ausstellung von Tony Conrad anschauen wollte. Sie hatte sich mit ein paar Zeitschriften und einem Kaffee eingerichtet, als eine Männerstimme fragte, ob der Platz ihr gegenüber noch frei sei. Leicht verärgert schaute sie auf, begutachtete die teure Tweedjacke, die beige Baumwollhose und die auf Hochglanz polierten, italienischen Lederschuhe und nickte. Eine innere Stimme meldete Interesse an, wurde jedoch von der anderen, stärkeren Stimme in die Schranken gewiesen: „Der ist schon vergeben! Und überhaupt bist du nicht mehr auf der Suche nach einem Mann!“ Karin schenkte dem braungebrannten Gesicht hinter der Schutzmaske mit den Lachfalten neben den Augen ein kurzes Lächeln und vertiefte sich wieder in den Ausstellungsprospekt.
„Tony Conrad!“ meldete sich die warme Bassstimme.
Karin schreckte auf und stammelte: „Ehm, Karin Isler.“ Ungewöhnlich, dass man sich im Zug vorstellt, schoss ihr durch den Kopf.
„Ich meine den Künstler!“ Er zeigte auf den Prospekt.
„Ah, natürlich!“ Karin errötete.
„Aber ich heisse Stefan Burkart.“ Sein herzhaftes Lachen steckte Karin an. Sie streckte ihm die Hand entgegen, zog sie im letzten Moment zurück. „Man tut das ja nicht mehr in diesen Zeiten.“ Sie rutschte verlegen auf ihrem Sitz zurecht.
„Ich kannte den Künstler und würde gerne die Ausstellung in Genf besuchen, aber im Moment fehlt mir die Zeit. Ich habe die Ausstellung im Whitney Museum of American Art in New York gesehen. Da habe ich ihn persönlich kennen gelernt.“ Er zog seine Maske vom Gesicht und schaute sie mit einem gewinnenden Lächeln an.
„Ich bin geimpft und nehme mir diese Freiheit.“
Karin griff zu ihrer Maske und schob sie hinunter zum Hals.
„Ich weiss wenig über ihn, aber ich interessiere mich für Video-Kunst.“
Stefan begann zu erzählen, wie er den Künstler in seinem Atelier besuchen konnte und dass er so die Filme und die Musik von Conrad entdeckte. Karin fragte nach. Es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch über Minimal Art, Joseph Beuys, Pipi Lotti Rist und zeitgenössische Musik. Zwischen durch ertappte sie sich, wie ihr Blick auf seine Hände abschweifte.
„Kein Ehering,“ stellte sie fest, schalt sich aber sofort für den Gedanken.
„Ich habe mich vor zwei Jahren von meiner Frau getrennt,“ sagte er, als ob er ihre Gedanken hätte lesen können.
„Ich bin Single,“ platzte sie heraus und biss sich auf die Lippen.
„Was soll das?“ schimpfte ihre innere Stimme.

Im Lautsprecher ertönte die Ansage: „Wir treffen in Bern ein.“
Stefan setzte die Maske auf, griff nach seinem Mantel und nach seiner Aktentasche aus weichem Leder.
„Ich muss hier leider aussteigen. Es war sehr schön, sie kennen zu lernen, Karin.“
Ein Schwall von heissem Blut schoss ihr in den Kopf. So zärtlich hatte sie ihren Namen schon lange nicht mehr gehört.
„Ja, ganz meinerseits,“ stotterte sie. „Eh, ich schreibe ihnen meine Telefonnummer auf. Wenn sie mal in Zürich sind…“ Sie riss eine Seite aus ihrem Notizbuch, schrieb mit zitternden Fingern die Handynummer auf und streckte ihm den Zettel entgegen.
„Was machst du da?“ donnerte es in ihrem Innern.
Er bedankte sich und versprach, sich zu melden. Der Zug verlangsamte die Fahrt. Mit einem kollegialen Winken verabschiedete sich der elegante Herr. Karin drückte die Nase fast an die Fensterscheibe, um noch einen letzten Blick von ihm zu erhaschen, aber sie konnte nur noch sehen wie der kamelfarbene Mantel mit der Menschenmenge in der Unterführung verschwand.

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Karin starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Häuser von Bern. Sie hörte seine Stimme, wiederholte Sätze, die er gesagt hatte, ärgerte sich über ihre unbeholfenen Antworten, träumte von einem Wiedersehen in Zürich. Er wird sich melden. Plötzlich traf sie ein Gedanke wie ein Blitz.
„Verdammt! Ich habe ihm meine alte Handynummer aufgeschrieben!“
Sie brauchte die ganze Reise bis nach Genf, um sich von dem Schock zu erholen und wieder trotzig zu ihrer inneren Überzeugung zu finden: „Ich bin Single und werde es bleiben!“

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