EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

„Was machst du“, rief Sandra vom oberen Stockwerk herab.

„Ich bringe nur noch schnell den Kehricht raus!“ antwortete Marcel. Er stand in der Küche und mühte sich mit dem Kehrichtsack-Auszug ab. Irgendwie klemmte er. Mit einem Ruck liess sich das schon lösen. Gesagt, getan. Ups, die ganze Schublade rutschte heraus. Kein Problem, dachte Marcel, ich fädle die gleich anschliessend wieder ein. Er schaute nach. Da war die eine Führungsschiene verbogen. Werde ich gleich richten, doch erst der Kehrichtsack.

„Mist“, sagte er halblaut. Eine Ecke des Sackes war leicht eingeklemmt gewesen und nun riss der Sack auf und eine Bananenschale und ein Papiertaschentuch rutschten bereits heraus. Er stellte den Sack sorgfältig auf den Boden. Also erst mal Klebeband holen und den Sack flicken.

Er ging die Treppe hinunter in den Keller. Er musste die Türe mit etwas starkem Druck öffnen. Etwa auf halber Strecke klemmte sie. Etwas WD-40 wird‘s schon richten, dachte Marcel und schaute sich um. Dort hinten war die Box mit ein paar Dosen irgendetwas drin. Da würde sie schon sein.

Vorsichtshalber betätigte er den Lichtschalter. Nichts, keinen Wank, der bewegte sich nicht. Nicht auch noch, dachte Marcel nun schon etwas ungeduldig. Der Schalter klemmt. Er haute drauf. Es funktionierte. Mache ich später, dachte sich Marcel und ging auf die Box mit den Dosen zu.

Die Türe kann ich gleich machen, dachte er. Dann den Sack und die Schublade. Er griff in die Box und unterdrückte mit aller Haltung einen Schmerzensschrei. Voll in eine umgekehrt stehende Schere gegriffen. Blut begann langsam aus dem Finger zu laufen. Hastig sah sich Marcel um. Ein Pflaster war auf jeden Fall nicht in Sicht und nun hatte er auch schon sein Hemd verschmiert.

Da oben, ein Stück Isolierband, geht zur Not auch. Mit der anderen Hand griff er nach der Schachtel mit dem Isolierband und zog. Verflixt, das ging aber hart. Irgendetwas klemmte. Also ein bisschen stärker ziehen. Schwupps. Leider nicht nur die kleine Schachtel, sondern das ganze Schachtelregal fiel um und aller Inhalt verteilte sich auf dem Boden. Marcel fluchte halblaut.

Dummerweise war auch noch ein Fläschchen Touch-Up-Farbe zerbrochen. Das Dunkelrot des Autolacks vermischte sich mit den Bluttropfen. Marcel griff nach einem Haushaltpapier und tupfte erst mal das Blut von sich und die Farbe vom Boden ab. Der Abfalleimer stand gleich gegenüber.

Nicht auch das noch, dachte Marcel. Der Deckel des Eimers klemmte und mit einer Hand kriegte er ihn nicht auf. Er warf das Papier nebendran auf den Boden. So jetzt das Isolierband. Er griff sich die Rolle und wickelte sich schon mal etwas Band um den Schnitt im Finger. So hörte mal das Bluten auf. Aber reissen konnte er das Band nicht, also doch eine Schere. Vorsichtig griff er sich die Schere aus der Box. Etwas rostig war sie schon, aber was soll’s. Nur ging sie nicht auf – sie klemmte. Marcel warf sie diesmal lauter fluchend auf den Boden und riss das Band mit den Zähnen auseinander. Es pochte wie wild im Finger. Er würde die Wunde desinfizieren und verpflastern müssen. Doch erst noch die Schublade, den Kehricht, die Türe, der Lichtschalter, die Box, die Schere und der Abfalleimer.

Er nahm das Isolierband und ging zurück in die Küche. Zufällig streifte sein Blick den Spiegel. Er erstarrte. Das Hemd blutverschmiert, schwarzer Staub auf dem Gesicht, schwarzes Isolierband um den Finger und hinter sich eine Fussspur von dunkelroter Farbe.

„Schatz, wenn du den Kehricht draussen hast, kannst du rasch hinaufkommen? Die Duschkabinentüre klemmt!“

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