EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

„Hesch mer ä Stutz?“ Ich schüttle die Hand des Bettlers ab, der mich beim Eingang zum Kiosk am Bahnhof Stadelhofen packt. Er schaut mir mit einem hämischen Grinsen nach, wie ich zum Zeitungsstand gehe, um den Tagesanzeiger zu kaufen. Die Blick-Schlagzeile schreit: „Habemus Papam!“ Eben wurde der neue Papst gewählt, ein Argentinier, der Hoffnungen weckt. Der Mann in den schmutzigen Hosen und dem schwarzen Kapuzenpullover wartet auf mich beim Ausgang. Er schaut mich aus wässrigen Augen an, in denen Schalk aufblitzt. Irgendwie kann ich nicht an ihm vorbeigehen, ohne das Retourgeld in seine Hand zu drücken. Der neue Papst auf der Frontseite der Zeitung nickt mir lächelnd zu. Ich bleibe stehen und frage den ausgemergelten Mann, der vermutlich dreissig Jahre alt ist, wozu er das Geld brauche. „Für Drogen, natürlich!“ antwortet er, dreht sich ab und schüttelt sich vor Lachen. „He!“ rufe ich. „Wie heisst du?“
Er kommt zurück. Ein kurzes Strahlen huscht über sein Gesicht als er mir seine Hand entgegenstreckt. „Gody!“ Mit leichtem Widerwillen packe ich seine Hand, die sich weicher und gepflegter anfühlt als ich erwartet hatte.
„Tony,“ höre ich mich sagen und frage mich, was ich da tue.
„Hast du Hunger?“ Er nickt. „Komm, ich kaufe dir etwas zu essen.“
Gody schaut mich prüfend an, dann nickt er und geht neben mir her in die Stadelhofer Passage. Bei einem Italiener steht eine Menütafel auf der Strasse mit der Überschrift „Habemus Pasta!“ Ich muss spontan lachen.
„Das könnte von meinem Vater sein!“ knurrt Gody.
„Wie meinst du das?“ frage ich.
„Ach, der macht immer so Sprüche. Ich kann es nicht mehr hören!“
Langsam beginne ich mich für diesen Gody zu interessieren. Ich ziehe ihn ins Lokal und wir setzen uns an einen Tisch. Gody legt seine Kapuze nach hinten. Ein verfilzter Haarschopf erscheint über seinem unrasierten Gesicht, das von Falten durchzogen ist. Aber hinter der Maske des Obdachlosen blitzt immer wieder eine freche Wachheit auf.

Als der Kellner uns die Speisekarte bringt, mit dem gleichen Spruch wie auf dem Plakat vor der Türe, fragt Gody: „Von wem ist das?“
Der Kellner lacht: „Ein Stammgast kommt jeden Morgen, um die Zeitung zu lesen. Dann schreibt er für uns die Speisekarte mit einem aktuellen Slogan. Ich glaube, er ist ein Werber. Wir spendieren ihm jeweils den Kaffee für seine originellen Sprüche.“
„Das ist mein Vater!“ Gody legt die Speisekarte angewidert weg und bestellt die Spaghetti al Aglio e Peperoncini. Während wir auf das Essen warten, beginnt Gody zu erzählen. Er sei in gutem Haus aufgewachsen, habe die Matura mit Ach und Krach gemacht, dann ein Studium begonnen.
„Theologie, natürlich!“ Ich schaue ihn erstaunt an. „Mein Vater wollte das. Er war mal katholischer Pfarrer bis er sich in meine Mutter verliebt hat. Das ging dann nicht mehr mit den Katholen!“ Er lacht herzhaft. Nach sechs Semestern mit vielen Unterbrüchen habe er dann zur Psychologie gewechselt.
„Da habe ich realisiert, dass ich an einem Vaterkomplex leide.“ Sein heiseres Lachen bricht plötzlich ab.
„Zuhause war alles perfekt organisiert. Mein Vater kochte, waschte, putzte, kaufte ein, machte mein Bett, versorgte mich grosszügig mit Geld, wollte ständig wissen, wie es mit meinem Studium laufe. Hotel Papa eben. Ich hielt es nicht mehr aus. Dann kam der Alkohol, die Drogen.“ Er schweigt und starrt vor sich auf den Tisch. „Aber das Schlimmste waren seine Sprüche.“
„Seine Sprüche?“ frage ich.
„Ja, immer diese Witze, die ich nicht verstand. Zum Beispiel machten wir mal eine Reise durch die USA. Als wir auf eine Grossstadt zufuhren, fragte er mich: „Glaubst du die Leute in dieser Stadt sind wirklich so nett?“ Ich wusste nicht, was er meinte. „Da steht doch: Sind sie nätti?“ Und lachte schallend. Es ging eine Weile bis ich merkte, dass er „Cincinnati“ meinte. Oder wenn wir auf die Firma meiner Mutter zu sprechen kamen, die ihren Hauptsitz in der Nähe von Mainz hat, erzählte er immer wieder den Witz von der Reiseführerin, der mit der Pointe endet: „Ich zeige dir Mainz, wenn du mir Deins zeigst.“ Er konnte sich nicht halten vor Lachen. Mutter und ich schauten uns kopfschüttelnd an. „Er heisst übrigens Gottfried und mich haben sie dann Gottlieb getauft.“ Gody grinst sauer. „Irgendwann zog ich aus und landete auf der Strasse.“
„Und deine Mutter?“ frage ich.
„Die ist die grosse Managerin in einer Firma, die Heilkräuter und so Zeug produziert, immer unterwegs, verdient einen Haufen Kohle. Ab und zu schickt sie mir ein Whatsapp.“
In dem Moment läutet sein Handy.
„Hallo Gottfried!“ Er nickt mir augenzwinkernd zu und stellt auf Lautsprecher um.
„Hallo Gottlieb. Wo bist du?“ Der Vater wartet die Antwort gar nicht ab.
„Ich habe soeben eine Nachricht von Hildegard erhalten. Was denkst du, wie das Hotel heisst, in dem sie wohnt?“ Er wartet einen Moment, aber Gody antwortet nicht.
„Hotel Papa Rhein in Bingen!“ Schallendes Gelächter dröhnt aus dem Handy. „Und weißt du wie der Slogan heisst, mit dem das Hotel wirbt? Wenn raus, dann Rhein!“ Wieder bricht er in schallendes Gelächter aus. Dann drückt Gody auf die Aus-Taste. „Verstehst du jetzt?“ fragt er mich.

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