EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Pepe stand schweigend vor der Glasscheibe und starrte gebannt in den Verhörraum der Polizei. Man konnte ihn von innen nicht sehen, es war ein Spiegelglas. Ein junger Mann mit kurzen blonden Haaren sass an einem Tisch, ihm gegenüber Ap Fel, der Inspektor. Das Gespräch könnte er zwar mithören wenn er wollte, aber Ap würde ihm später eine Kurzfassung geben.

Tatsächlich, nach einer viertel Stunde stand Ap auf und verliess das Zimmer. Nur eine Minute später stand er neben Pepe. Dieser blickte auf.

„Also“, begann der Inspektor bedächtig. „Der junge Mann, Ran Den ist sein Name, wurde unter dem Verdacht des Diebstahls eines Juwels von einer Polizeistreife verhaftet. Erst kurz vorher wurde bei einem Trickdiebstahl dieser weisse Riesendiamant gestohlen. Er ist mehrere Millionen wert. Die Beschreibung des Täters trifft halbwegs auf ihn zu, aber obwohl ihn einige Zeugen gesehen haben, konnte das Diebesgut nicht sichergestellt werden. Er muss es unbemerkt weggeworfen haben, aber wir wissen nicht wo. Er behauptet natürlich unschuldig zu sein und wenn wir nicht bald etwas finden, werden wir ihn laufen lassen müssen.“
„Hat er in der Zwischenzeit telefoniert?“ fragte Pepe.
„Ja“, antwortete Ap Fel. „Zwei Gespräche. Eines mit einer Tauchsportschule, wo er sich für das Abendtauchen heute am Fluss entschuldigt hat und eines mit einem Anwalt. Dieser sollte bald hier eintreffen.“ Pepe horchte auf.

Pepe traf sich mit seinem Freund Tom Ate im ‚Au Bergine‘, seinem Lieblingsrestaurant. Sie bestellten sich einen kühlen Ananassaft mit Minze, geschüttelt, nicht gerührt und besprachen den Fall.
„Dieser Diamant ist ein Staatsgeschenk und gehört der Regierung. Es wurde lediglich für eine Woche dort ausgestellt. Keine Ahnung, wie die das geschafft haben, ihn zu stehlen. Aber wir müssen ihn raschmöglichst zurückbringen.“
„Lässt sich der Weg des Verdächtigen rückverfolgen?“ fragte Tom. Pepe überlegte kurz. „Ja, teilweise. Er ging aus dem Juwelierladen hinaus nach links. Dort wurde er noch gesehen. Er schien in eine Seitengasse eingebogen zu sein, welche ist unklar. Offenbar wurde er dann kurz bei der Brücke über den Fluss gesehen. Erst beim Eingang des Stadtparks wurde er erneut gesehen und kurz darauf im Park selber von der Polizei angehalten. Niemand erinnert sich, ob er eine Tasche dabei hatte oder nicht.“

Es war klar, sie mussten sich beeilen. Tom würde die Brüder One, Zitr und Mel aufbieten. Sie sollten den ganzen Stadtpark umkrempeln und alles Verdächtige notieren. Tom selber würde nochmals den Juwelier befragen, während sich Pepe den Weg zwischen dem Laden und dem Park ansehen ging.

Es begann schon zu dämmern. Pepe spazierte langsam den Fluss entlang in Richtung der Brücke. Er schaute sich um, konnte aber nichts Verdächtiges bemerken. Er wurde auch nicht verfolgt. Vor ihm spazierte eine Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschob. Pepe wollte eben überholen, als eine Trinkflasche aus dem Kinderwagen fiel. Instinktiv bückte sich Pepe, hob ihn auf und streckte ihn dem kleinen Mädchen hin. Sie gluckste vor Freude und rief laut: „Asse heit“.

Pepe kannte sich in Babysprachen nicht so gut aus, also schaute er die Frau fragend an. Diese lachte und meinte dann: „Sie muss das heute Nachmittag neu gelernt haben. Ich glaube es heisst so etwas wie ‚ins Wasser gefallen‘. Wir gingen dem Fluss entlang, plötzlich hat sie es gesagt und etwas aus dem Wagen auf den Boden geschmissen.“
Pepe lachte zurück und zuckte die Schultern. „Irgendwann muss sie damit ja anfangen“, meinte er lapidar und ging rasch weiter.

Nach nur hundert Metern stand er still. Gerade vor ihm bog ein Lieferwagen in ein freies Parkfeld entlang der Strasse ein. ‚Tauchsport Unterwasser‘ stand in grossen Buchstaben auf dem Wagen. Pepe erinnerte sich an den Kommentar von Ap Fel über die Telefonate des Verdächtigen. Das musste wohl diese Schule sein. Er ging näher. Drei Männer stiegen aus und luden Tauchflaschen und Markierungsbojen aus.

„Mein Name ist Roni, Pepe Roni“, sprach Pepe einen der Männer an. Dieser schaute ihn argwöhnisch an. „Mein Name ist Kohl Rabi. Was wollen Sie?“
„Ich interessiere mich für das Tauchen, dies wäre noch ein Sport für mich“, antwortete Pepe. „Darf ich etwas zuschauen?“ Kohl Rabi schüttelte den Kopf. „Uns ist es lieber, wenn Sie weitergehen. Zuschauer machen uns nervös und wir wollen nicht, dass unser Tauchgang ins Wasser fällt.“

Pepe zog beide Augenbrauen hoch, doch dann zuckte er die Schultern und ging langsam weiter. Das war es, durchfuhr es ihn plötzlich. Der junge Mann, das Telefon, die Tauchgruppe. Und das kleine Mädchen war der Schlüssel zum Rätsel.

Hastig tippte er Tom eine Nachricht, er solle zur Tauchgruppe kommen. Dann rannte er den Weg zurück und suchte fieberhaft nach der Frau mit dem Kinderwagen. Dort vorne, sie steuerte eben auf die Tramhaltestelle zu. Und ein Tram nahte. Er blieb etwas ausser Atem vor ihr stehen.

„Hallo“, quetschte er heraus. „Bitte, wo genau hat das Mädchen zum ersten Mal etwas aus dem Wagen geworfen und vom Wasser gesprochen?“ Sie schaute ihn an, als ob er von einem anderen Planeten wäre.
„Also wenn es Sie interessiert“, sagte sie schliesslich wieder mit einem Lachen. „Das war etwa zwischen der Obergasse und dem Kiosk.“ Dann stieg sie ins Tram ein.

Pepe rief Ap Fel an. „Ich brauche Unterstützung. Polizeitaucher und eine Streife für die Tauchsportschule. Sofort.“ Dann rannte er zurück zur Tauchergruppe. Tom stand schon etwas abseits dort und wartete. Pepe und zwei Streifenwagen der Polizei trafen gleichzeitig ein. Zwei der Taucher sprangen sofort ins Wasser und schwammen davon. Pepe blickte sich um.

„Die kommen nicht weit“, bemerkte Ap Fel, der eben aus einem weiteren Streifenwagen stieg. „Die Seepolizei ist schon unterwegs“. Er deutete auf das Polizeiboot, das eben mit Blaulicht unter der Brücke auftauchte und auf die beiden Schwimmer zuhielt.

Pepe führte Ap Fel und die Polizei zum Flussabschnitt zwischen der Obergasse und dem Kiosk. Die Polizeitaucher machten sich bereit. Nach dem dritten Abtauchen fanden sie die Tasche. Ap Fel öffnete sie. Darin waren ein Bleigurt, ein paar Handschuhe und ein Badetuch. Sorgfältig wickelte es der Inspektor aus. Der grosse Diamant lag unversehrt darin und schimmerte im Restlicht des Tages.

Ap Fel blickte Pepe fragend an. „Tja“, erwiderte dieser. „Das Telefon an die Tauchschule passte nicht ins Schema. Wieso war dieser Anruf so wichtig? Es war der Hinweis von Ran Den an den Rest der Bande, dass die Beute im Fluss lag und er selber verhaftet wurde. Aber es galt herauszufinden, wo im Fluss die Beute lag. Da kommt das kleine Mädchen ins Spiel. Sie muss den Täter zufällig dabei beobachtet haben, wie er die Tasche in den Fluss warf. Das hat sie ab dem Moment dann einfach immer wieder nachgemacht.“
„Dieser Diebstahl ist gründlich ins Wasser gefallen“, lachte er abschliessend. Dann gingen sie ins ‚Au Bergine‘ auf einen Ananassaft. Und der fiel nicht ins Wasser, sondern stand auf dem Tisch.

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