EINE GESCHICHTE VON ISABELLE LEUTENEGGER

 

Lothar schnürte seine Laufschuhe, um eine Runde zu joggen. Samstags um sieben Uhr war es noch ruhig im Quartier. Vor seinem Wohnblock lief er die Strasse hinunter und überquerte nach hundert Metern die Fahrbahn. Vor ihm lag der Vorstadtfussballplatz. Der Zustand des Rasens genügt mal eben für ein Grümpelturnier, dachte er. Ein paar Mal hatte er hier schon mit den Zwillingen Aisha und Hamid Fussball gespielt. Halb joggend, halb gehend lief er weiter zum Park. Die blaue Farbe der Bank, die ihm für seine Aufwärmübungen diente, war abgeblättert. Das Gestänge einer Schaukel und einer Wippe glitzerte in der Morgensonne. Vor sich hin lächelnd dachte Lothar daran, dass in drei Stunden hier Kinder spielen würden, während die Erwachsenen sich unterhalten. Angrenzend an den Park war ein Waldstück. Auf vier einatmen, auf sechs ausatmen. Diesem Rhythmus folgend, joggte er durch den Wald hinauf zur kleinen Anhöhe und schliesslich wieder zurück zu seiner Wohnung.

Nach der Dusche setzte er die Kaffeemaschine in Gang und machte sich ein Müesli. Zum Essen setzte er sich auf seinen kleinen Balkon mit Blick auf den Innenhof. Um diese Zeit herrschte bereits munteres Treiben im Hof. Die Überbauung war erfüllt mit Leben. Es war das Durcheinander der verschiedenen Sprachen, das Lothar das Gefühl gab, in den Ferien zu sein.

Seit seiner Scheidung vor fünf Jahren kannte Lothar Urlaub nur noch vom Hörensagen. Seine Frau Denise hatte damals das Haus behalten, seine Teenagerkinder Sabrina und Thomas blieben bei ihrer Mutter. Kurz nach der Scheidung war Lothar in ein tiefes Loch gefallen und hatte seine Anstellung als Aussendienstleiter sowie seine neue schicke Wohnung mit Blick auf die Aare verloren. Wochen in einer billigen Absteige folgten.

Auf dem RAV hatte er Ümit kennengelernt, einen gebürtigen Türken. Dieser Mann hatte für eine vierköpfige Familie zu sorgen und wirkte stets zuversichtlich. Unbegreiflich für Lothar. Nach ein paar netten Gesprächen hatte Lothar zögerlich die Essenseinladung von Ümit angenommen. Mit einer Herzlichkeit, die Lothar so nicht kannte, wurde er in Ümits Familie aufgenommen. Aus dieser ersten Einladung wurden regelmässige Treffen. Fatima, Ümits Frau, hatte ihm erklärt, Ümit sei Persisch und bedeute Hoffnung. Das sei ein sicheres Zeichen Allahs, dass ihrer beider Situation bald besser werden würde. Und tatsächlich, wenige Wochen später fanden Lothar und Ümit Arbeit als Lageristen bei einem grossen Versandhaus. Der Lohn war klein, die Freude gross. Als Lothar dank Ümits Überzeugungskünsten dann auch noch eine kleine Zweizimmerwohnung in Ümits Quartier bekam, war sein Glück vollkommen. Seit er in dieser multikulturellen Oase wohnte, war seine Zufriedenheit zurück. Lothar empfand sein Leben als perfekt – bis ihm dieses Leben einer Prüfung unterzog.

Er würde dieses Wochenende nie vergessen. Es war der dritte Samstag im Monat. Lothar schnappte sich seine Lederjacke, überprüfte, ob er genügend Geld im Portemonnaie hatte, und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Hinter dem Treppenaufgang stand sein altes Militärvelo bereit. Gemächlich pedalte er in die Innenstadt zum Café Adrianos. Dort versammle sich ‹tout Berne›, hatte ihm seine Tochter am Telefon erklärt. Diesen Monat wollten seine beiden Kinder ihn da treffen. Die Tatsache, dass er seine Ex-Frau vor zwei Jahren das letzte Mal gesehen hatte, fiel ihm wieder ein, aber damit konnte er inzwischen gut leben.

Im Café angekommen sah er die Haare seiner Tochter und das Michael-Jordan-Cap seines Sohnes hinter den Menükarten hervorlugen.
«Hallo, wie geht es euch beiden?»
«Gut. Wir haben Hunger!», grummelte seine Tochter Sabrina. Sein Sohn Thomas winkte kurz und wippte seinen Kopf weiter zur Musik aus dem Kopfhörer. Tolle Begrüssung, dachte Lothar und sagte mit leiser Stimme: «Na, dann lasst uns was bestellen.»
Schnell bestellten die Kinder je ein Club-Sandwich, er einen Cappuccino. Wenigstens zum Essen nimmt Thomas den Kopfhörer runter, urteilte Lothar schweigend.
Zwischen zwei Bissen beklagte sich sein Sohn: «Mein Handy ist schon wieder so veraltet!»
«So, so!», zögerte Lothar eine Antwort hinaus.
«Ja, und meine Füsse sind wieder gewachsen. Ich brauche echt dringend neue Converse-Turnschuhe!», jammerte Sabrina.
«Ist ja schon gut, ich hab’s verstanden!» Lothar kramte sein Portemonnaie hervor und schob jedem lustlos hundert Franken zu.
Blitzartig griffen Thomas und Sabrina nach dem Geld, bedankten sich und wischten hastig die letzten Krümel vom Club-Sandwich weg.
«Wir müssen los, Papa. Wir treffen Mama im Kaufhaus Loeb in einer halben Stunde.»
«Kein Problem, geht nur – bis nächsten Monat!»

Lothar gestand sich ein, dass diese monatlichen Treffen immer weniger Zeit beanspruchten. Gerade heute, wo sein Fussballklub einen entscheidenden Matsch spielte, war er aber froh, zeitig zu Hause zu sein. Manchmal leistete ihm Ümit Gesellschaft, so auch an diesem Samstag. Damit die Männer nicht verhungerten, hatte Fatima Ümit Kibbeh mitgegeben. Als dann auch noch Lothars Klub gewann, war der Abend gerettet und eine gelöste Stimmung kam auf.

Pünktlich um 21.40 Uhr kramte Ümit seinen Lottoschein hervor – vergeblich! Nur seinem Freund zuliebe und entgegen jeglicher Vernunft hatte Lothar vor einem Jahr begonnen, ebenfalls Lottoscheine auszufüllen. Heute Abend war Lothar zu faul, den Lottoschein aus seiner Jeans zu klauben. Sein Fussballclub war Leader, das genügte ihm. Was würde er überhaupt mit 37 Millionen Franken anfangen?!

Für die Sonntage hatte sich Lothar eine To-do-Liste angelegt. Er zog Gummihandschuhe an und reinigte zuerst das Bad, danach die Küche. Ein Wedel mit weissen Federn half ihm, das Wohnzimmer von Staub zu befreien. Den Spiegel im Flur, ein Erbstück seiner Oma, reinigte er liebevoll mit Ajax. Dann flitzte er mit dem Dyson-Sauger durch seine kleine Wohnung. Staubgesaugt hatte er schon während seiner Ehe regelmässig. Denise war der Ansicht, dass sie ja genug mit der Hausarbeit unter der Woche zu tun hätte. Der nächste Punkt auf seiner Liste war Wäsche waschen. Mit seiner beigen Wäschezaine ging er in die Waschküche. Er leerte die Taschen der Jeans von gestern und fand seinen Lottoschein. Zurück in seiner Wohnung legte er den Schein neben die Kaffeemaschine. Noch schnell Schuhe putzen und danach gibt es Kaffee, dachte er.

Während seines wohlverdienten späten Frühstückes fiel ihm der Lottoschein ein. In der Sonntagszeitung, ein kleiner Luxus, den er sich seit einem Jahr wieder gönnte, fand er die Zahlen: 7, 14, 17, 23, 25, 38, Zusatzzahl 5. Lothars Herz klopfte, seine Hände waren kalt, als er auf seinen Schein starrte. Er, der Lagerist, hatte soeben 37 025 973.45 Franken gewonnen. Ihm wurde schwindlig, seine Wangen glühten. Auf vier einatmen, auf sechs ausatmen, sagte er zu sich. Mit zittrigen Händen legte er den Schein zurück neben die Kaffeemaschine.

Auf wackligen Beinen schleppte er sich unter die Dusche. Kaltes Wasser würde ihm guttun, redete er sich ein. Und so war es. Nach der Dusche beschloss er, vor dem Sonntagsnachtessen bei Ümit am Bahnhofskiosk den Lottoschein prüfen zu lassen.

Lothars Magennerven vibrierten, als er kurz vor 17.00 Uhr den Kiosk betrat. Das bekannte Gesicht hinter den Zeitschriften prüfte den Schein und meinte, er hätte wohl Glück, sein Gewinn sei über tausend Franken, und drückte ihm die Gewinneinforderungsquittung in die Hand. Beim Verlassen des Kiosks schaute Lothar nochmals die Zahlen auf der Lottotafel an. Zweifellos, es waren seine. Warum kamen keine Glücksgefühle auf?

Fatima öffnete schwungvoll die Tür und starrte in Lothars bleiches Gesicht. «Ist dir nicht gut ,Lothar?»
«Alles gut, Fatima, ich habe nur sehr schlecht geschlafen.»
Freundschaftlich umarmte Ümit ihn: «Schön, bist du hier.»

Der Tisch war wie üblich mit reichlich Essen überfrachtet. Die zwölfjährigen Zwillinge Aisha und Hamid rutschten auf ihren Stühlen hin und her. Als Fatima sie kurz aus den Augen liess, stibitzte jeder eine gefüllte Teigtasche von der Platte. Sie waren froh über die Ankunft von Onkel Lothar, so konnte das Essen endlich beginnen. Alle bedienten sich an den verschiedenen Speisen und wie immer wurde gleich heftig diskutiert. Die Themen waren vielfältig wie die Menschen am Tisch. Die Zwillinge lamentierten über die Schule, die Männer über Fussball und Fatima über ihre Aufgaben als Büroreinigungskraft. Obwohl Lothar die Familie seit bald drei Jahren kannte, war er immer wieder überwältigt vom Wohlwollen, der echten Freude an der Gemeinschaft und selbst von den lautstarken Debatten. Noch vor zehn Jahren hätte Lothar dies für unmöglich gehalten, aber genau hier in diesem Umfeld fühlte er sich lebendig.
Kurz nach dem obligaten Apfeltee verabschiedete sich Lothar mit dem Verweis auf seine Frühschicht am Montag.

Zu Hause, eine kleine Flasche Bier in Händen, lief er unzählige Male in seinem Wohnzimmer auf und ab. Plötzlich zog es ihn auf seinen kleinen Balkon – der richtige Ort, um Zwiesprache mit sich zu halten.

Mensch Lothar – dieser Lottogewinn ist eine Sensation. Aber will ich wirklich mein altes Leben zurück? Schicke Wohnung mit Blick auf die Aare, eine Ex-Frau, die bestimmt Ansprüche stellen würde, Kinder, die nur Zeit mit mir verbringen, um einen finanziellen Zustupf zu bekommen?
Dank meinen Freunden habe ich in ein einfaches, zufriedenes neues Leben gefunden. Will ich das aufgeben?

Ich könnte mit dem Geld Gutes tun. Aber was dann, Lothar? Es würde offenkundig werden, dass ich reich geworden bin. Auf die eine oder andere Art würde ich wieder mit meinen alten Problemen konfrontiert werden. Will ich das wirklich?

Das Bier machte sich in seiner Blase bemerkbar. Lothar stand auf und ging zur Toilette. Da begegnete er seinem Spiegelbild im Flur. Plötzlich lächelte er sich zu. Man könnte mich für verrückt halten. Egal!, dachte er. Er erleichterte sich, und bevor er die Toilettenspülung bediente, nahm er den Lottoschein, zerriss ihn in tausend Stücke und liess diese wie Schnee in die Toilette rieseln. Mit der Betätigung der Spülung beruhigten sich seine angespannten Magennerven. Er hatte für sich die richtige Entscheidung getroffen. Manchmal muss man etwas ins Wasser fallen lassen — nun konnte er ins Bett.

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