EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Wer Johannes beschreiben wollte, kam nicht um zwei Eigenschaften herum, die ihn von anderen unterschieden. Die Erste war seine Frömmigkeit. Schon als Schüler fiel er durch sein ausgeprägtes Interesse an biblischer Geschichte und Religion auf. Er ging regelmässig in die Kirche, am Sonntag zur Messe, und während der Woche sah man ihn oft allein in der Kirchenbank sitzen, mit geschlossenen Augen, tief in Gedanken versunken. Den Spott seiner Klassenkameraden ertrug er mit einem Lächeln. Woher diese Frömmigkeit kam, konnte niemand sagen. Die Eltern waren katholisch, gingen aber nur an Ostern und Weihnachten oder bei einer Hochzeit, Taufe oder Beerdigung in die Kirche. Johannes blieb auch nach seiner Schulzeit ein treuer Gläubiger und es war klar, dass er Theologie studieren und Pfarrer werden würde. Bis Klara auftauchte und das hatte mit seiner zweiten Eigenschaft zu tun: Johannes war wasserscheu.

Schon als Kind hatte er sich gegen das Waschen gesträubt und sich irgendwo im Haus verkrochen, wenn seine Geschwister im Garten mit dem Wasserschlauch einander nassspritzten oder im grossen Holzzuber planschten. Der obligatorische Schwimmunterricht in der Schule war für ihn ein traumatisches Erlebnis. Die Schwimmlehrerin zwang ihn ins Wasser, nachdem sie mit allen möglichen Motivationsversuchen gescheitert war. Mit Ach und Krach schaffte er ein paar Schwimmzüge bis zum Bassinrand, floh in Panik aus dem Wasser und rieb sich sofort mit dem Badetuch das ungeliebte Nass von der Haut. Wenn später seine Kollegen an heissen Sommernachmittagen an den See pilgerten und stundenlang im Wasser herumtollten, war er nicht dabei. Er verbrachte seine Freizeit auf langen Wanderungen in den Bergen und trat mit siebzehn dem Schweizer Alpenklub SAC bei. Dort begegnete er Klara. Sie fühlten sich sofort zu einander hingezogen. Etwas Geheimnisvolles schien sie zu verbinden. Auf einer gemeinsamen Bergtour führte der Weg an einem Wasserfall vorbei. Links fiel die Felswand fast senkrecht ab und rechts verhinderte der Berg ein Ausweichen. Die Wasserfontänen spritzten vor ihnen über den schmalen Pfad. Es gab kein Entkommen. Sie mussten durch diesen Sprühregen hindurch, wenn sie den Gipfel erreichen wollten. Die Kollegen waren schon jauchzend und johlend durchmarschiert, hatten sich sogar genussvoll duschen lassen und warteten auf Klara und Johannes. Erstaunt und freudig stellte Johannes fest, dass auch Klara, die sonst keine Furcht vor Höhe oder ausgesetzten Passagen zeigte, wie angewurzelt stehen blieb.
„Bist du auch wasserscheu?“ fragte er sie.
„Ich könnte sterben!“ hauchte sie.
Johannes fasste sie an der Hand, überwand seine eigene Angst und zog Klara durch den Wasserstrahl hindurch. Mit einem gemeinsamen, grellen Schrei machten sich Angst und Freude gleichzeitig Luft, als sie einander auf dem ausgesetzten Weg in die Arme fielen. Klaras Lippen streiften seine nasse Wange. Da war es um ihn geschehen. Auf der ganzen Wanderung wich er nicht mehr von ihrer Seite, kümmerte sich liebevoll um sie und half ihr über jedes kleine Rinnsal, das ihren Weg kreuzte.

Ein paar Jahre später heirateten sie. Ihre drei Kinder entwickelten sich zu begeisterten Wasserratten, die keine Gelegenheit ausliessen, im See oder Fluss zu planschen. Klara zog Johannes ab und zu liebevoll auf, wenn er sich davor drückte, mit den Kindern ins Wasser zu steigen. Er revanchierte sich, in dem er ihr den Schirm wegzog, wenn sie durch den Regen gingen. Beide hatten ihre Wasserscheu überwunden. Nur wenn Johannes in der Kirche den Finger in das Weihwasserbecken tauchte, um sich zu bekreuzigen, durchfuhr ihn ein merkwürdiger Schauer.

An Johannes fünfzigstem Geburtstag klopfte sein Vater an sein Weinglas, erhob sich und hielt eine Geburtstagsrede. Er erzählte Anekdoten aus der Kindheit und kam auch auf die Frömmigkeit und die Wasserscheu zu sprechen. Unter anderem erwähnte er, dass bei der Taufe ein kleines Malheur passiert sei. Die Mutter sei kurz abgelenkt worden, als sie das Kind über das Taufbecken gehalten habe. Da sei es ihr aus der Hand gerutscht und ins Weihwasser gefallen. Sofort habe sie das schreiende Baby herausgefischt, aber es sei nicht mehr zu beruhigen gewesen. Auf jeden Fall hätte Johannes damals einen gehörigen Schreck erlebt und einen tüchtigen Schluck Weihwasser mitbekommen.

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