EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Andy stand stirnrunzelnd vor dem Kasten. Was sollte er sich heute anziehen? Er fand sich ja selber schon umwerfend gut, aber heute wollte er noch einen draufsetzen. Er war sich sicher, er brauchte nur einmal die Strasse hinunter zu spazieren, dann über die Kreuzung und weiter zur Promenade. Spätestens dort hätte er sich eine Verabredung für heute Abend eingehandelt.

Er entschied sich für ein knappes T-Shirt, eine lange Hose und seinen neuen weissen Sneakers. Er trug eigentlich immer T-Shirts auch zur Arbeit, aber was soll’s. Vor dem Spiegel übte er noch rasch ein paar Gesichtsausdrücke, drückte sich etwas Gel ins Haar und dann ab auf den Weg.

Im Treppenhaus kreuzte er – ob zufällig oder nicht bleibe dahingestellt – Hugo, seinen Kumpel aus dem ersten Stock. Der musterte ihn kurz von oben bis unten, grinste über das ganze Gesicht und meinte lediglich leicht spöttisch: „Affenscharf“. Andy grinste nur frech zurück.

Es war nicht viel Betrieb und der Abschnitt „die Strasse runter“ war nicht gerade sehr erfolgreich. Andy hatte versucht, die Aufmerksamkeit der einen oder anderen Dame zu erhaschen, doch Fehlanzeige. Auch sein viel geprobtes Zahnpasta-Lächeln hatte nichts gebracht.

Etwas missmutig wartete er an der Kreuzung und spähte durch den dichten Feierabendverkehr auf die andere Seite. Da, tatsächlich, gegenüber auf der anderen Strassenseite wartete eine ausgesprochen hübsche  Dame in etwa seinem Alter und schaute geradewegs auf ihn. Fast leicht erschrocken setzte Andy sein übliches „Hallo du da drüben“-Lächeln auf und schaute zurück. Ungläubig sah er, wie die Frau ihre Hand hob und winkte. Instinktiv winkte er zurück. Und sie wieder.

Andy konnte es kaum glauben. Das lief ja wie geschmiert. Sicherheitshalber blickte er kurz um sich. Neben ihm stand ein älterer Herr mit schütterem grauen Haar und einer dicken Brille auf der Nase. Daneben wartete eine Frau mit einem Kinderwagen und plapperte aufgeregt in ein Mobiltelefon. Und weiter hinten waren zwei kichernde Touristen mit ihren Kameras zu sehen. Nichts, was wie Konkurrenz aussah. Er winkte nochmals. Die Frau winkte mit beiden Armen und deutete an, dass sie über den Fussgängerstreifen kommen werde. Andy nickte. Sein Herz klopfte vor Aufregung. Sowas war ihm noch nie passiert. In Sekundenbruchteilen versuchte er sich auszumalen, was der heutige Abend noch alles zu bieten hatte.

Dann wechselte die Ampel auf grün und die Fussgänger setzten sich in Bewegung. Andy rührte sich nicht und schaute gebannt, wie die Frau auf ihn zukam. Sie lief immer schneller und hob beide Arme. Nun fast völlig perplex hob auch Andy seine Arme, bereit, sie noch unbekannterweise einfach mal kräftig zu umarmen.

Sie war noch drei Schritte von ihm entfernt, als der Mann neben Andy einen Schritt nach vorne machte. Mit einem kleinen Schlenzer dreht sich die Frau ab und warf sich dem älteren Mann,  der mit dem schütteren grauen Haar und der dicken Brille, mit Inbrunst um den Hals. „Onkel Herbert – es ist so schön, dich hier zu treffen.“