EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Am Morgen des 28. Juni erwachte Yann Sommer in seinem Hotelbett in Bukarest. Er hatte schlecht geschlafen. Das bevorstehende Spiel gegen die Franzosen liess ihm keine Ruhe. Sie hatten es bis in die Achtelfinals geschafft. Das Minimalziel war erreicht, aber er wollte mehr. Er und seine Teamkollegen träumten vom Europameistertitel. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ hatte er in der letzten Teambesprechung zu seinen Mitspielern gesagt, als etwas viel Respekt vor den Weltmeistern und Europameistern aufkam. Er war bekannt für seinen unerschütterlichen Optimismus, mit dem er die Zweifler und Skeptiker im Team mitzureissen versuchte. Es gelang ihm einmal mehr. Die Mannschaft war beim Abendessen in einer fast euphorischen Stimmung, machte Witze über „les bleus“, die bald ihr blaues Wunder erleben würden und lachten sich krumm über die Französischkenntnisse von Shaqiri. Sie versuchten ihm ein paar Sätze beizubringen, die er im Gespräch mit Antoine Griezmann verwenden könnte.
„Du könntest ihn fragen, ob er Französisch spreche: „Tu peux français?“ Dann antwortest du: „Je peux aussi un peu!“ Dann fragst du ihn:
„Est-ce-que tu es nerveux?“ Und wenn Griezmann sage „Non!“ könne er antworten: „Moi aussi pas!“

Aber am Abend im Bett bröckelte sein Selbstbewusstsein. Er wälzte sich im Bett und quälte sich mit Vorstellungen, was alles schief gehen könnte. „Was, wenn die Franzosen schon früh in Führung gehen? Wenn mir ein läppischer Rückpass zwischen den Händen und den Beinen durchrutscht? Wenn ich zu weit draussen stehe und von einem weiten Bogenschuss überrascht werde?“ Im Halbschlaf hechtete er nach einem Ball ins Lattenkreuz und fiel dabei aus dem Bett. Am meisten beschäftigte ihn aber die Aussicht, sie könnten bis nach der Verlängerung mit den Franzosen mithalten und es käme zum Penaltyschiessen. Dann würde er fünf Mal im Rampenlicht stehen. Die ganze Nation würde zuhause vor dem Bildschirm auf ihn starren und er würde über Sieg oder Niederlage entscheiden. Natürlich hatte er die Penalty-Routine der Franzosen in unzähligen Videoausschnitten studiert. Er wusste, dass Benzema immer in die rechte Ecke schiesst, dass Pogba einen Moment zögert, um zu schauen in welche Richtung der Torwart reagiert, dass Mbappe nach links zielt, wenn er von rechts anläuft. Aber was, wenn sie bewusst alles anders machen, weil sie wissen, dass er es weiss? Er schwitzte beim Gedanken, wie er sich blamieren könnte. Schliesslich schlief aber doch ein.

Kaum war er wach, kehrten die zermürbenden Gedanken zurück. Er musste ein Rezept finden, um ruhig zu werden. Er schleppte sich ins Badezimmer, presste die Odol-med-Zahnpasta auf seine elektrische Zahnbürste und erschrak.
„Gopf!“ fluchte er. „Wieder diese Franzosen!“ Er starrte auf die rot-weiss-blauen Streifen. „Die Trikolore!“ Etwas widerwillig putzte er die Zähne.
„Vielleicht ist das ein Zeichen!“ Langsam reifte in ihm ein Plan. Er kehrte ins Zimmer zurück, zog seinen roten Trainingsanzug und die weissen Sneakers an und machte sich mit einem Schmunzeln auf zum Frühstück.

Wir wissen, wie der Abend verlief. Seferovic erzielte das frühe Führungstor, die Franzosen glichen aus, gingen 3:1 in Führung und in den letzten Minuten der regulären Spielzeit schafften die Schweizer den Ausgleich. Es kam zur Verlängerung und dann zum Elfmeterschiessen. Es stand fünf zu vier als Mbappe zum fünften Elfmeter für die Franzosen antrat. Sommer reagierte mit einem Sprung nach rechts, riss den linken Arm hoch und lenkte den Ball über das Tor. Die Schweizer jubelten, die Franzosen schlichen zerknirscht vom Feld.

Nach dem Nachtessen fragte Michael Schär den Torhüter. „Wie hast du gewusst, dass Mbappe in diese Ecke schiessen wird?“ Yann Sommer lächelte.
„Trikolore!“ sagte er verschmitzt.
„Trikolore?“ fragte Schär.
„Ich habe mir einen Kinderreim ausgedacht,“ erklärte Sommer dem verdutzten Kollegen. „Innerlich habe ich pausenlos wiederholt „Rot – weiss – blau, rot – weiss – blau“. Ich habe überhaupt nicht darauf geachtet, wie der Spieler anläuft oder schiesst. Wenn ich beim Schuss bei Rot war, hechtete ich nach links, bei Weiss wäre ich stehen geblieben, bei Blau sprang ich nach rechts. Bei Mbappe war es Blau. Es hat funktioniert!“
Er zwinkerte seinem Kollegen zu, der ihn ungläubig anstarrte.
„Und übrigens: der Schuss von Mbappe war affenscharf, das kann ich dir sagen.“

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