EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

„So langsam geht mir dieser Job auf den Wecker! Ja, ich weiss: ich habe vor fast siebzig Jahren mal gesagt, dies sei eine lebenslängliche Aufgabe, aber damals war ich ja noch so jung und konnte nicht wissen, was mich erwartete und wer hätte gedacht, dass ich mal über neunzig Jahre alt werde? Hatte ich denn wirklich eine Wahl, welchen Beruf ich ausüben wollte? Meine Vorfahren haben das mit der Thronfolge so eingerichtet. Wenn man von der guten alten Sophie von der Pfalz abstammt, muss man sich dem Schicksal fügen, ausser ich hätte einen Bruder gehabt. Und wenn mein Sohn mehr royale Qualität zeigen würde, hätte ich ihm schon lange das Feld überlassen.“

Die alte Dame erhebt sich aus ihrem Lesesessel und macht ein paar Schritte auf dem hochflorigen Teppich zum Gemälde, das ihre Ururgrossmutter Victoria zeigt. Sie begegnet ihrem strengen Blick mit einem Lächeln.
„Dich habe ich auf jeden Fall schon mal um sieben Berufsjahre geschlagen!“

Sie setzt sich an ihren Schreibtisch und nimmt das gerahmte Foto von Prinz Philip zur Hand.
„Seit du nicht mehr lebst, macht es keinen Spass mehr. Ich vermisse deine Schritte hinter mir und deine Ironie. Was haben wir gelacht, wenn wir allein waren und über das ganze Hofpersonal herzogen! Am liebsten spielten wir Königin und Diener, wobei es am Lustigsten war, wenn du die Rolle der Königin übernahmst und ich einen der Hofangestellten spielte. Ganz amüsant war auch das Premierministerspiel, bei dem wir alle fünfzehn Premiers durchnahmen, die ich erlebt und überlebt habe. Du imitiertest pantomimisch Churchill, Tony Blair oder einen anderen Ex-Premier und ich musste erraten, wer du bist. Eine deiner Paraderollen war Margaret Thatcher. Ich erkannte sie natürlich sofort, riet aber absichtlich daneben, um deinen Auftritt nicht abzukürzen. Nun bist du halt vor mir gegangen, während ich weiter regieren muss, jeden Tag Hände schütteln, Lächeln, viel Small Talk. Du lachst dir im Jenseits sicher den Buckel voll.“

Die Queen überfliegt ein paar Dokumente, die auf ihrem Schreibtisch liegen.
„Nun soll also im nächsten Jahr mein siebzigstes Thronjubiläum gefeiert werden, mit Trooping the Coulor und dem ganzen Tamtam. Ich war schon froh, dass dieser Aufmarsch aller Einheiten der Armee und das endlose Hin und Her auf dem Horse Guards Parade-Platz wegen der Pandemie nicht durchgeführt werden konnte. Aber das nächste Jahr kann ich nicht kneifen, ausser…“
Sie überlegt einen Moment, als habe sie sich bei einem unerlaubten Gedanken ertappt. Sie nimmt das Bild ihres ältesten Sohns auf.
„Ja, ausser ich sterbe vorher und erfülle dir doch noch deinen Lebenstraum. Du würdest dich bestimmt freuen, wenn du noch ein paar Jahre König spielen könntest, solange es das Vereinigte Königreich noch gibt. Die Schotten werden ja nicht so schnell Ruhe geben und wer weiss, was dann die Waliser machen. Von den Nordiren gar nicht zu reden! Indien, Kanada, Australien und all die afrikanischen Länder, die früher mal uns gehörten, mussten wir ja auch ziehen lassen. Ganz zu schweigen von Hongkong!“
Sie hält einen Moment inne und wiegt ihren Kopf hin und her.
„Aber Camilla als Königin?“, murmelt sie. „Nein, das geht nicht. Da lebe ich lieber noch zehn Jahre länger, damit ich auch bei meinem achtzigsten Thronjubiläum noch ein paar Stunden an der Sonne sitzen und den Offizieren in ihren roten Uniformen mit den Bärenmützen zuschauen kann. Ich werde schon den passenden Hut finden, der mir Schatten spendet.“
Die antike Pendeluhr schlägt viermal.
„Oh, es ist Zeit, dass ich den Premierminister zur wöchentlichen Audienz empfange. Was hat er sich wohl wieder ausgeheckt, dieser Lausbube?“
Sie holt ihren Spiegel und die Schminkdose aus der Tasche, streicht sich über die silbrigen Haare und meldet ihrem Sekretär, dass sie bereit sei.

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