EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Karlheinz sog den Duft der Nacht tief ein. Er liebte diese Mischung aus abgestandener Luft des alten Tages und der kommenden Frische des Neuen. Heute war das Wetter gut, immer noch mild für die Jahreszeit und er freute sich, während er zielstrebig in Richtung Industriequartier marschierte. Denn heute war Jubiläum.

Ja, genau vor fünf Jahren hatte er das Geschäft seines Vaters übernommen und führte es nunmehr in der dritten Generation. Doch recht erfolgreich, sinnierte er. Natürlich hatte es den einen oder anderen Dämpfer gegeben, aber in welchem Beruf gab es das schon nicht. Und es gab genügend Konkurrenz. Trotzdem, wenn er zurückblickte, konnte er sich nicht gross beklagen. Ein schmuckes Häuschen am Stadtrand, einen neuen Sportwagen in der Garage und ab und zu ein paar Tage Ferien am Strand.

Es machte ihm nichts aus, dass er meistens in der Nacht arbeiteten musste. „Man gewöhnt sich daran – und dann hat es auch seinen Reiz“, pflegte er jeweils zu sagen. Eine Frage der Einstellung, dachte er auch heute wieder. Etwas wehmütig war ihm trotzdem zu Mute. Gerne hätte er diesen Moment mit seinem Vater geteilt. Doch der war vor einem halben Jahr gestorben. Karlheinz seufzte.
Er bog um die Ecke und ging langsamen Schrittes weiter. Nur nicht ausser Atem geraten. Er war ein Ein-Mann-Unternehmen und musste auch auf seine Gesundheit achten. Er hatte ab und zu mit dem Gedanken gespielt, zu erweitern, Personal anzustellen. Aber sein Vater hatte ihm immer abgeraten: „Arbeite, was du selber verkraften kannst, nicht mehr. Du weisst nie wirklich, mit wem du dann zusammenarbeitest.“ Wie wahr. Karlheinz hatte sich daher immer daran gehalten.

Vor dem braunen Backsteingebäude blieb Karlheinz stehen. ‚Eisen und andere Metalle‘ stand in grossen Lettern über dem Eingang. Karlheinz schmunzelte. Das also war sein Jubiläumswerk. Er hatte es sich extra so ausgesucht. Zu Ehren meines Vaters, dachte er kurz. Er war schon zweimal erfolgreich hier gewesen und mit dem dritten Mal wollte er sozusagen ein Jubiläum im Jubiläum geniessen.

Schliesslich war er professioneller Eigentums-Umverteilungsagent und er kannte sich da gut aus. Andere Leute würden schnöde von Einbrecher reden, aber er regte sich schon lange nicht mehr auf. Er hatte Stil. Maximaler Ertrag bei minimalem Risiko und Kollateralschaden. Er nickt sich selber bestätigend zu.

Die Seitentüre hatte er in wenigen Sekunden offen und er trat in den dunklen Gang. Er schloss die Türe hinter sich und ging zügigen Schrittes weiter. Ein Licht brauchte er nicht. Acht Schritte gerade-aus, dann fünf Schritte nach rechts und er stand direkt vor der Bürotüre. Dahinter war der altertümliche Safe, an diesem Wochentag in der Regel gut gefüllt mit Bargeld. Viele Handwerker, die noch mit Bargeld bezahlen. Er zuckte die Schultern. Ihm konnte es nur recht sein.

Auch diese Türe bot nicht wirklich viel Widerstand. Karlheinz trat ein, schloss die Türe geräuschlos hinter sich – und erstarrte.

Auf einen Schlag war es taghell im Büro und Lärm brandete auf. „Hurra“, „Gratulation“, „Happy Jubilar“ riefen unzählige Stimmen durcheinander und Applaus toste. Karlheinz war wie vom Blitz getroffen und Donner gerührt und blieb gelähmt stehen. Das gesamte Polizeikorps der Stadt war versammelt.

Aus der Mitte löste sich eine Person. Die Polizeikommandantin trat hervor, ein Lachen auf dem Gesicht. „Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum“, rief sie durch den Lärm hindurch. Sie streckte ihm etwas entgegen. Mit letzter Kraft erkannte Karlheinz: das waren ein Paar blitzblank polierte, funkelnde, nigelnagelneue Handschellen. Sie schlossen sich mit einem fast geräuschlosen ‚Klick‘.

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