EINE GESCHICHTE VON ISABELLE LEUTENEGGER

 

Das Licht suchte seinen Weg durch das Milchglas. Der Geruch von Motorenöl und Benzin waberte durch die Werkstatt. Sägemehl lag wie frischer Schnee auf dem Boden. Nur wenige Schmieröltropfen hatten den Weg ins Sägemehl gefunden. Werkzeuge, die Tausende Male gebraucht waren, hingen fein säuberlich, jedes für sich an einem kleinen schwarzen Nagel an einem ausgeblichenen Holzbrett. Schaute man genau hin, konnte man die feinen Konturen, die vermutlich vor vielen Jahren ein Bleistift gezogen hatte, sehen. Die Oberfläche der Holzwerkbank war rau. Darauf lag eine alte Bremsfederzange, deren Griff glänzte wie poliertes Gold. In der Mitte des Raumes war die Zwei-Säulen-Hebebühne aus den Siebzigern. Der Besitzer dieser Werkstatt war darauf bedacht, die Hebebühne alle drei Jahre abzuschleifen und frisch zu bemalen. Unter der Hebebühne befand sich die alte Werkstattgrube, die mit einer Metallplatte abgedeckt war. In einer Ecke ruhte das teilweise mit einem grossen blauen Tuch zugedeckte Goggomobil Coupé TS aus dem Jahr 1959 zur Restauration bereit. Es gehörte Fritz, dem Besitzer dieser Werkstatt und Eigentümer des angebauten Autohauses Huber. Unter dem Fenster stand ein Schreibtisch aus der Nachkriegszeit. Die Schubladen knarrten beim Öffnen. Fritz empfand dieses Geräusch wie das zufriedene Schnurren einer Katze. Es stimmte ihn ein auf das Durchblättern seiner alten Autocar Zeitschriften. Obwohl er fast kein Englisch beherrschte, hatte er bereits in den späten Achtzigerjahren das Magazin abonniert und jede Ausgabe fein säuberlich asserviert. Der durchgesessene Holzbürostuhl gehörte ursprünglich seinem Grossvater. Die Decke schmückte eine Funzel, deren Licht wohl besser für eine Milieu-Bar getaugt hätte.

Mehrmals die Woche zog sich Fritz in sein ‘Wohnzimmer’, wie er die Werkstatt nannte, zurück. Um dort in seinen Autocar Magazinen zu blättern, brauchte er mittlerweile eine starke Tischlampe.

Immer noch hielt er beide Blätter in seinen zitternden Händen, während er durch das Milchglas starrte. Sein Mund fühlte sich trocken an. Wer war er? Was hatten diese Ansprachen mit ihm zu tun?
In zwei Wochen würde das dreissigjährige Firmenjubiläum des Autohauses Huber stattfinden. Seine Frau Annette hatte die Idee, dass nicht er die Ansprache schreiben sollte. Vor einer Woche meinte Annette: «Frag doch Mark, Deinen Jugendfreund und Thomas, Deinen Spezi aus der Lehre, ob sie Dir eine kurze, nette Ansprache schreiben würden. Dann bist Du entlastet und müsstest nur noch auswählen.»
Er, der sich schwertat, Reden zu schreiben, geschweige diese auch zu halten, fand die Idee genial.
Hier sass er nun und hatte beide Vorschläge gelesen.

Er verliess die Werkstatt und trottete schwerfällig über den grossen Vorplatz seines Autohauses. Mithilfe seines Codes verschaffte er sich Eintritt ins Hauptgebäude. Sein Büro war bestückt mit einem grossen Schreibtisch, gekrönt von zwei Bildschirmen. Beide zeigten die Bilder der Überwachungskameras, welche auf dem ganzen Areal aufgestellt waren. Vor den beiden Monitoren lag sein kleiner Laptop. Daneben stand ein teures Mercedes Modellauto der AMG-Linie. Fritz sank in den dunklen Ledersessel, drehte sich um und entnahm dem USM Haller Sideboard eine Flasche.

Verflixt, jetzt brauch ich dringend einen Obstler! Der noble Macallan Single Malt Whisky kann mir gestohlen bleiben. Den soll die Schickeria nach einem teuren Autokauf bei uns saufen!

Nach dem ersten Schluck Obstler las er sich beide Reden laut vor.

Jubiläumsrede von Mark, seinem Jugendfreund:
Fritz Huber war schon immer ein Glückskind. Von jung auf hatte er ein ausgeprägtes Flair für Motoren. Nach seiner Ausbildung zum Kfz-Mechaniker konnte er vor dreissig Jahren den Betrieb seines Lehrmeisters übernehmen. Die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts brummten. Autos wurden Fritz einfach so aus der Hand gerissen. Annette half, wo sie konnte, entlastete ihn vom Bürokram und ermöglichte Fritz, sich auf seiner Spielwiese, dem Autogeschäft, brillant zu entfalten. Heute feiert das Autohaus Huber sein dreissigjähriges Bestehen. Herzliche Gratulation, lasst uns anstossen!

Jubiläumsrede von Thomas, einem Kollegen aus der Kfz-Ausbildung:
Vom Handwerker zum Unternehmer, – das ist die Erfolgsgeschichte, auf die wir heute hier anstossen. Er hat Motorenöl im Blut und doch wechselte er vom Blaumann in einen adretten Anzug. Fritz Huber hat es geschafft, aus einer popeligen Werkstatt ein schickes Autohaus mit zehn Angestellten zu machen. Seine Frau Annette hat ihn dabei immer unterstützt. Herzliche Gratulation. Lasst uns den heutigen Tag feiern!

Fritz fuhr sich durch die bereits zerzausten Haare und sagte laut: «Das bin doch nicht ich!»

Er schenkte sich einen zweiten Obstler ein und wartete vergebens auf die beruhigende Wirkung.

Plötzlich sprang er empor und verliess sein schickes Büro. Die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Mit grossen Schritten überquerte er den Vorplatz, vorbei an Mercedes Modellen der oberen Preisklasse.

Die Tür der alten Werkstatt krächzte leise bei seinem Eintreten.
Gemütlich nistete sich Fritz auf dem knarrenden Bürostuhl ein. Er drehte den Stuhl weg vom Fenster und betrachtete sein ‘Wohnzimmer’. Seine Augen wurden wässerig. Der Geruch von Schmieröl stieg in seine Nase. Wie ein Stoss aus seinem Asthmaspray zog er diesen ein. Mit jedem Atemzug wurde ihm klarer, was zu machen war.
Gemächlichen Schrittes ging er zum Goggomobil und streichelte über das halb zugedeckte Dach.
«Bald bist du dran», flüsterte er leise.

Fritz atmete ruhig, er spürte, wie sein inneres Zittern schwand und eine wohlige Wärme sich breitmachte. Leichtfüssig geht Fritz, der Kfz-Mechaniker zur Werkstatttür, schliesst sie sanft hinter sich, passiert sein nobles Autohaus mit dem Wissen, dass keine dieser Ansprachen dort je gehalten werden wird.

3 Comments

  • tonyettlin sagt:

    Was für eine Überraschung! Ich erinnere mich an dich. Schick mir doch bitte eine e-Mail. meine Adresse ist tony@ettlin.info.
    Liebe Grüsse
    Tony

  • tonyettlin sagt:

    Sehr schöne Geschichte! Ich rieche das Motorenöl in der sauber aufgeräumten Werkstatt. Wunderbar, wie der Schluss offen bleibt: Danke, Isabelle.

    • Isabelle Leutenegger sagt:

      Lieber Tony,
      ganz herzlichen Dank für dein Feedback. Das freut mich sehr. Es war mir wichtig, dass der Leser die Werkstatt riechen und seinen eigenen Schluss kreieren kann.
      Übrigens wir kennen uns aus meiner LVL-Zeit 1978-80. Damals hiess ich Isabelle Hufschmid :).
      Schönes Wochenende
      Isabelle

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