EINE GESCHICHTE VON ISABELLE LEUTENEGGER

 

Karl mochte die Dinge geordnet. Dementsprechend sah sein Leben aus. Frühstück zwischen 06:00 und 06:30 Uhr, Mittagessen um 12:00 Uhr, Abendessen um 18:00, Bettzeit nach 10 vor 10. Seine Frau Barbara war da ganz anders. Was sie als gepflegte Unordnung liebte, empfand er als Nachlässigkeit. Sie mochte bunte Kleidung, die oftmals unorthodox zusammengewürfelt war. Er bevorzugte alles Ton in Ton. Babsi war der Ansicht, dass ihre Lockerheit sie zu einer begnadeten Köchin machte, schliesslich generiere Chaos, Kreativität. Karl kochte auch ganz gerne, aber bitte genau nach Rezept und mit einer sauberen Mise en Place. Sie war sehr temperamentvoll, er eher bedächtig. Seit bald zehn Jahren waren sie verheiratet. Klar, manchmal nervte sich Babsi über die penible Ordentlichkeit ihres Karls. Um ihn zu ärgern, verstaute sie die Gabeln und Messer legere in die Besteckschublade. Karl räumte sie dann wieder so ein, dass alles schön eingereiht da lag. Im Gegenzug nannte er sie immer noch Barbara, doch sie mochte das lockere Babsi. Er meinte, man solle den Namen eines Menschen korrekt aussprechen.
In einem Punkt waren sich jedoch beide einig. Sie verband eine tiefe Liebe. Nie würde er ohne seine Chaoten-Babsi leben wollen. Babsi war der Ansicht, dass Gegensätze sich anzögen. Das sei eben ein Naturgesetz.

Karls Eigenschaften machten ihn zum geschätzten Sigrist der reformierten Kirche von Cham. Alles war jeweils Tipp Topp in Ordnung, ansprechend und sauber in seiner Kirche. Babsi unterstützte ihn bei grösseren Reinigungsarbeiten. Wirklich glücklich darüber war er nicht. Bei seinen Nachkontrollen fand er stets etwas, was nicht sauber genug war oder ein Blumenarrangement, welches nicht akkurat ausgerichtet war. Wenn er Babsi damit konfrontierte, meinte sie nur:

«Sei nicht so stur mein Büffelchen!», und küsste ihn innig.

An diesem Morgen lag Babsi noch im Bett, während er seinen Kaffee genoss. Sein Blick schweifte aus dem Fenster zu ihrem Kräutergarten.

Aha, meine hochbegnadete Köchin hat den Kräutergarten schon wieder verwildern lassen, unglaublich. Oh Gott, der Schnittlauch blüht schon. Nein, ich bring das nicht in Ordnung, nein, diesmal nicht. Hätte Barbara nur etwas mehr Struktur Herrgott noch mal!

Ohne sich zu verabschieden, ging Karl eiligen Schrittes in seine Kirche. Er tat, was er immer tat, um wieder ruhig zu werden. Langsam befreite er die Orgelpfeifen, zuerst die Labial-, dann die Lingualpfeifen von Staub. Danach setzte er sich an und begann zu spielen. Gregorianische Orgelimprovisationen liebte er über alles. Genau dieses Ritual, wie Babsi es nannte, löste seine Angespanntheit und beruhigte ihn.

Es dauerte eine Weile, bis der Applaus zu ihm drang. Augenblicklich beendete er sein Spiel und spähte hinunter zu den Bänken.

«Bravo, das klang himmlisch», sagte eine Frauenstimme. «Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten. Würden Sie sich bitte kurz zu mir hinunter bemühen?»

Karl wollte keinen Gast seiner Kirche enttäuschen. Er verliess den Spieltisch, um der Bitte Folge zu leisten.

«Um, was geht es?», fragte Karl.

Vor ihm stand eine umwerfend gutaussehende Dame, äusserst adrett gekleidet, farblich perfekt aufeinander abgestimmt. Er registrierte sofort, dass alle Fingernägel gleich lang und lackiert waren. Das dezent geschminkte Gesicht war von einem absolut gleichmässigen Pagenschnitt umrahmt.

«Ich habe Sie spielen gehört. Ich bin der Ansicht, Sie haben Talent. Wir suchen Nachwuchsspieler für Orgelkonzerte in der Hofkirche Luzern. Nächsten Donnerstag gibt es ein Casting. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie teilnehmen würden. Ach ja, ich bin Claudette Miller, die Frau des musikalischen Leiters. Melden Sie sich bitte um 14:00 Uhr am Eingang.»

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verliess die Kirche.

Wie vom Donner gerührt stand er da. Was war geschehen? Er fühlte sich schwindlig und setzte sich an den Platz, wo Claudette gesessen hatte. Da fiel sein Blick auf etwas Glitzerndes am Boden. Mechanisch hob er den einzelnen Ohrring auf und steckte ihn in seine Hosentasche.

Beim Mittagessen erzählte er Babsi von der sonderbaren Begegnung und der Einladung zum Casting. Claudette erwähnte er nicht.

«Aber natürlich gehst Du da hin. Das ist Deine Chance.»

«Ich werde es mir überlegen.»

Am nächsten Tag hatte Babsi Lust, Wäsche zu waschen. Als sie Karls Hose in die Waschmaschine stopfen wollte, stutze sie. Normalerweise leerte er seine Hosentaschen. Diesmal nicht, da war noch was drin. Babsi stockte der Atem, als sie den vornehmen Ohrring fand. Sie vernahm einen Hauch von dem Parfum J’adore. Ein eigenartiges Ziehen machte sich in ihrer Herzgegend breit.

Oh Gott, gestern war Karl ohne Abschiedskuss zur Kirche gegangen. Verhält er sich nicht schon seit ein paar Tagen komisch, – du siehst Gespenster, Babsi, – nein, eine Frau spürt das. Was soll ich nur tun? Ihn zur Rede stellen? Nein, besser nicht. Er hat doch noch dieses Casting. Aber danach nehme ich ihn mir vor. Ich will wissen, was da los ist.

Die nächsten zwei Tage ist Babsi ungewöhnlich schweigsam. Ganz mit sich selbst beschäftigt fiel dies Karl kaum auf. Bestimmt will sie mir vor dem Casting Ruhe gönnen, dachte er.

Beide fieberten aus ganz unterschiedlichen Gründen auf Donnerstag hin.

Kurz vor 14:00 Uhr stehen sie am Eingang der Hofkirche. Babsi trägt ihre lila Lieblingsbluse, dazu grüne Hosen und einen roten Hut. Karl hatte sich für ein blaues Hemd und eine elegante Jeans entschieden. Plötzlich nimmt Babsi eine Gestalt aus den Augenwinkeln wahr. Eine todschicke Frau, gut frisiert, Karl zuwinkend, geht leichtfüssig an ihnen vorbei. Babsi meinte, einen Hauch von J’adore gewittert zu haben. Aha, nun kommt also die Geliebte von Karl auch noch zum Casting, rauscht es durch ihren Kopf. Für wen wird er wohl spielen, für sie oder mich?

In ungute Gedanken vertieft realisierte Babsi nicht, wie Karl sie sanft ins Innere der Kirche zieht und ihr einen Sitzplatz zuweist. Mit einem flüchtigen Kuss auf die Stirn lässt er Babsi zurück und geht zum Leiter des Castings. Drei Herren waren zum Casting eingeladen. Alle spielten herrlich. Babsi nahm dies nur aus der Ferne wahr. Sie war derart aufgewühlt, dass sie am liebsten heulend aus der Kirche geflohen wäre. Nach dem Casting unterhielt sich Karl kurz mit dem Leiter und kam dann sofort zu ihr.

«Barbara, wie hat es Dir gefallen? Ich habe die letzten Tage hart geprobt und Dich wohl etwas vernachlässigt, entschuldige».

Noch bevor Babsi etwas entgegnen konnte, kamen der Leiter und die noble Dame auf sie zu.

«Herr Keller, das war bravourös. Ich wusste es, als ich Sie in der Chamer Kirche spielen hörte. Gratulation, mein Mann hat sie aus den drei Herren ausgewählt. Wir würden Sie gerne in unserem Hofkirchenorgelteam aufnehmen. Ach übrigens haben Sie zufällig in Ihrer Kirche einen Ohrring gefunden? Seit unserer Begegnung fehlt mir einer.»

«Ja, ich habe mich gefragt wem dieser Ohrring wohl gehören würde. Darf ich Ihnen meine Frau Barbara vorstellen. Nur dank ihrem charmanten Chaotismus bin ich zum Orgelspielen gekommen. Dafür bin ich ihr heute so dankbar.»

«Es freut mich Sie kennenzulernen, ich bin Claudette Miller, die Frau des musikalischen Leiters. Nur aus Chaos entsteht Kreativität, das wissen wir Frauen eben.»

Einen schelmischen Blick Karl zuwerfend, entgegnet Babsi: «Meine Worte!» Lachend streckt sie Claudette die Hand entgegen.

Leave a Reply