EINE GESCHICHTE VON MANUSCH

 

Sie blickte prüfend in den alten Spiegel, der in diesem Winterlicht zahlreiche Altersflecken aufwies. Hm, leider genauso wie meine Haut, dachte sie leicht genervt und fuhr sich behutsam über Wange und Stirn. Eigentlich hatte sie sich ja wirklich gut gehalten über die Jahre, besser gesagt die Jahrzehnte, die hinter ihr lagen. Ja ja, Voll das Leben, pflegte sie auf vorsichtig gestellte Fragen zu antworten. Da hat nichts gefehlt in all der Zeit, wurde kaum etwas ausgelassen, tja, auch an Irrtümern, lächelte sie leise in sich hinein. Obwohl, eines war immer zu wenig – Zeit. Als junge Frau war es die schwere Arbeit in der Keksfabrik die sie in Beschlag nahm, dann die überraschend heftige Liebe, der viel zu schnell schon bald das erste von vier Kindern folgte, und dann der eine Mann, der sie bis vor einem Jahr durchs Leben begleitet hatte. Treu und standhaft an ihrer Seite, manchmal zu nah, aber immer eine Rückendeckung in den Wirren des Alltags, in all den Tagen der Herausforderungen, von welchen es manchmal fast zu viele gegeben hatte. Verena war meistens daran gewachsen, zumindest innerlich, denn äußerlich schien sie mindestens zwei cm geschrumpft zu sein, was sie sogleich mit einem eitlen Blick überprüfte.
Sie zuckte die Schultern, ach was soll´s, laufen kann ich und ein bisschen hüpfen und mich drehen. Letzteres war ihr sehr wichtig, denn was ist schon ein Tanz ohne sich zu drehen. Was gibt es Aufregenderes als sich im Kreis um die eigene Achse zu bewegen, schneller und schneller, wie ein Kreisel, solange bis die Welt sich in Farben und wabernden Formen auflöst, bis alles Denken ausgeschaltet ist. Das war und blieb ihre geheime Leidenschaft. Nein, sie sah sich niemals als Partnerin von Nurejew, den sie natürlich aufrichtig bewunderte, auch hatte sie nie den Wunsch eine neue Isadora Duncan zu werden, aber tanzen war Teil ihrer Seele, gut verborgen aber lebenswichtig. Sie liebte es nach innen zu lauschen und dann mit einer kleinen Bewegung zu starten, den Impulsen zu folgen und wenn sie sich drehte, war der Zauber lebendig. Mal war sie dann ein kleines Mädchen, das in den blauen Himmel lacht, dann wieder eine junge wilde Schönheit, die den ewigen Tanz der Liebe spielt und immer ein freies Wesen, das durch die Luft schwebt, sie war dann eine Andere, aber irgendwie auch ganz sich selbst. All die Erdenhaftung, die Schwere des Alltags fiel von ihr ab, wenn sie spätabends im Trockenabteil der großen Waschküche des Mehrfamilienhauses ihre Runden drehte. Ganz leise, nur mit Kerzen, denn Licht hätte sie verraten können und ohne Musik, denn die kam aus ihrem Inneren. Niemand wusste von ihrer geheimen Leidenschaft, sie hatte das vor allen ein Leben lang sorgsam verheimlicht, als Kind schon vor den strengen Eltern, die sie viel rügten, später vor ihrem Gatten, der tanzen und Kunst für verzichtbare Gewohnheiten einer anderen Klasse von Menschen hielt und schließlich vor ihren Kindern, die sie lange Zeit nur in Hausschürze und mit Schlapfen kannten. So war sie alt und grau geworden, unscheinbar und angepasst, aber immer aufmerksam für alle Menschen ringsum, nie aufgefallen, nie ausgebüchst, nie viel gejammert. Auf dem Sterbebett hatte ihr Mann ganz fest ihre Hand gedrückt und ins Ohr geflüstert: In der Vitrine liegt ganz unten ein Brief für dich, und dann war es wochenlang nur noch still und eintönig in der Wohnung geworden. Die Kinder schauten nach abwechselnd nach ihr, kochten ab und zu mal oder führten sie in ein Café, sie legte einfach nur die müden Hände in den Schoss und blickte aus dem Fenster in den Hof, beobachtete die Raben und die Spatzen und wartete auf nichts.
Nach einer langen Trauerphase begann sie eines morgens ohne zu überlegen endlich mit dem großen Hausputz und rubbelte und schrubbte, was das Zeug hielt, endlich spürte sie wieder ihren Körper, spannte Muskeln und Knochen, hörte ihre Gelenke knacken und fiel abends erschöpft aber durchaus belebt ins Bett. Dann fand sie am dritten Tag der Großreinigung im Wohnzimmer den Brief ihres Gatten, den sie zwischenzeitlich über die Beerdigung, das Testament und all den Abschiedsschmerz total vergessen hatte.

Da stand in seiner schönsten Handschrift zu lesen: Mein Liebling, dreh´ dich solange du lebst, du bist dann wie eine duftende Sommerblume. Tanze mein Herz, denn dann steht die ganze Welt still.
Schwebe und träume und mein Herz wird aus dem Jenseits mit dir singen. Ich habe dich beobachtet, heimlich über all unsere gemeinsamen Jahre, denn diesen Zauber zu brechen, hätte ich niemals gewagt. Ich bin und bleibe auf ewig dein größter Fan, dein Bewunderer und werfe dir in Gedanken tausend rote Rosen auf die Bühne. Tanze, solange du atmen kannst. In Liebe, dein Mann G.
P.S. Der Trockenraum ist ganz ok, aber im Kuvert findest du einen Scheck, der dir ermöglicht in einem richtigen Tanzstudio (mit Holzboden und Musik und Heizung) deiner Leidenschaft nachzugehen. Du bist ja nicht mehr die Jüngste mit 78 Jahren. Und denk daran, egal was die Leute sagen oder denken werden, du wirst aus dem Rahmen fallen! Genieße es, lass dich fallen und rolle dich ab wie eine Frühlingskatze.
Verena weinte und schluchzte bis der Brief ganz zerfleddert war und am nächsten Tag kaufte sie schwarze Tanzkleidung, ein buntes Stirnband und meldete sich schnurstracks in der Ballettschule ums Eck an. Die neugierigen und teils ungläubigen Blicke der jungen Menschen, die die leicht gebeugte Großmutter mit den weißen Haaren und wachen Augen erstaunt beobachteten, beantwortete sie mit einem feinen Lächeln und Ja, ja – Voll das Leben!

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