EINE GESCHICHTE VON ISABELLE LEUTENEGGER

 

Verena schaute sich um. Das Grossraumbüro war mit sechs übergrossen, gerahmten Bildern von ihr geschmückt. Stolz sass sie auf einer blauen Ledercouch. Obwohl es erst kurz vor 09:00 Uhr war, nippte sie an einem Glas Prosecco. Den hatte sie sich verdient. Heute war ihr 26ster Geburtstag. Bald würde es hier wie in einem Bienenhaus zu und her gehen. Die Agenturleiterin, Madame Fleur hatte sie ins Büro bestellt. Schön, dass sie mir persönlich zum Geburtstag gratulieren will, dachte Verena. Geburtstage bringen Gedanken an die Vergangenheit mit sich. Bilder von einem kleinen Mädchen, das so anders als die anderen war tauchten bei Verena auf. Als kleines Mädchen liebte sie Herrenhemden, während ihre Freundinnen Blümchenkleider trugen. Sie spielte Fussball, ihre Freudinnen gingen ins Ballett. Ihre Freundinnen schminkten sich, sie weigerte sich. Während der Pubertät konnte Verena selten ihre Klappe halten, hatte sie doch zu vielen Themen eine klare Meinung. Die Berufswahl setzte ihrer Andersartigkeit die Krone auf. Verena lernte Maurer. Ihr gefiel es mit ihren Händen zu arbeiten, an der frischen Luft zu sein und dem Zickengetue ihrer Altersgenossinnen zu entfliehen. Von ihren Eltern wurde sie immer unterstützt. Einmal meinte ihr Vater: «Verena, du wirst dein ganzes Leben aus dem Rahmen fallen, aber wie ich dich kenne, immer auf die Füsse.»

Kurz nach Abschluss der Ausbildung kam die grosse Wende. Ein Agenturscout hatte sie auf einer Baustelle angesprochen. Sie hätte ein verwandelbares Gesicht, sei gut gewachsen, ob sie Interesse an einem Fotoshooting hätte. Zuerst wollte sie den Scout mit der Maurerkelle davonjagen. Aber irgendetwas hielt sie davon ab. Sie ging zu dem Shooting. Aus der Maurerin Verena wurde das international erfolgreiche Modell Verena.

Das Büro füllte sich mit Leben, das Prosecco Glas war leer. Verena schreckte aus ihren Tagträumen hoch, als Madame Fleur sie mit fester Stimme in ihr Büro bat.
«Nun Verena, ich bedaure dir mitteilen zu müssen, dass unsere Agentur den Vertrag mit dir nicht verlängern wird.», kam Madame Fleur gleich auf den Punkt.
Ungläubig antwortete Verena: «Aber warum?»
«Sorry, du hast schon wieder mindestens fünf Pfund zugenommen und fällst somit aus dem Rahmen!», stellt Madame Fleur schonungslos klar.

Die Zunge wieder mal nicht im Zaume haltend entgegnet Verena spitz: «Ich geniesse meine fünf Pfunde mehr, die ich dank der wunderbaren Kochkünste meines Freundes Jens zugelegt habe. Für Sie bin ich vielleicht aus dem Rahmen gefallen, für Jens passe ich genau in den Rahmen. Adieu Madame Fleur!»

Ohne sich umzudrehen verliess Verena die Agentur. Freude kam auf als sie vor dem Baumarkt stand. Wie in einer Modeboutique schlenderte sie durch die Gänge, kaufte eine Maurerkelle, einen Schutzhelm und weitere Bauutensilien. Lächelnd dachte sie an ihren Vater. Wie hatte er gesagt, aus dem Rahmen ja, aber immer auf die Füsse.

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