EINE GESCHICHTE VON KÜMMEL

 

Ein total normaler Morgen. Aufstehen, Dusche und Morgentoilette, Kaffee und ein Ingwershot. Im Kopf schon bereit für die Sitzungen und die kniffligen Entscheidungen, welche an diesem Dienstag auf ihn warteten. Nur noch in die Kleider steigen und … und … und dann das unerwartete Unheil. Nein, die Katastrophe! Benno hatte eben die Schublade mit seinen geliebten und unverzichtbaren Doppelrippunterhemden aufgezogen und mit Entsetzen festgestellt, dass er bereits gestern das letzte gebraucht hatte. Er wollte gestern Abend in seinem bevorzugten Unterwäschegeschäft bei Rosa noch welche kaufen und hatte es komplett vergessen. Und nun gähnte ihn die Schublade in voller Leere an. Welch grausiger Anblick! Benno dachte grad noch: «Politiker sind halt auch nur Menschen» und dann sanken ihm die Knie weg.

Nach ein paar Sekunden kam er wieder zu sich und konnte mit Ach und Krach aufstehen. Er wusste ganz genau, dass an einen Arbeitstag nicht zu denken war. Sie hatte ihn – nach vielen Jahren wieder einmal – kalt erwischt, seine Doppelrippdestabilisierungsstörung, seine DRD Störung. Ohne sein Doppelrippunterhemd konnte er kaum gerade gehen, sich nicht konzentrieren und hatte stets das Gefühl, dass die anderen Menschen in sein Inneres sehen konnten. Der Gedanke, dass da ja nur Magen, Darm, Leber, Herz oder der Bauchnabel zu sehen waren, half nicht. War mal ein netter Versuch eines Psychologen. Und überhaupt, wenn man dann sehen würde, dass er gestern wieder einmal zu viel seiner Lieblingsbratkartoffeln gegessen hatte!
Was nun? Er hatte im Amt einen einzigen wirklichen Freund, also eigentlich eine Freundin. Elvira war seine Stellvertreterin und wusste als Einzige um sein Problem. Er whatsappte sie an und schrieb nur: «Es ist wieder einmal soweit.» «Alles klar, ich übernehme», war die knappe Antwort. Soweit so gut, aber was jetzt? Benno musste zu neuen Doppelrippunterhemden kommen, wusste aber, dass er es bei Tageslicht keinesfalls bis zu «seinem» Laden schaffen würde. Waschen wäre eine Option gewesen, aber ausgerechnet am Dienstag war Waschtag von Frau Obermüller nebenan und mit der legte er sich lieber nicht an.

Er ärgerte sich sehr darüber, dass er seine DRD Störung nicht im Griff hatte und noch viel mehr, dass er es versäumt hatte, vorzusorgen. Es beruhigte ihn auch nicht, dass er nicht der Einzige mit solch einer abstrusen Störung war. Aus seiner Selbsthilfegruppe kannte er all die weit verbreiteten Phobien vor Spinnen, Staub und Briefträgern oder «struberes» Zeugs, wie zum Beispiel Verena, die niemals aus dem Haus ging, ohne vorher ihre Schuhe zu zählen, einzeln. Wenn sie dann auf eine ungrade Zahl kam, konnte sie nicht weg und zählte und zählte bis sie mindestens zehnmal hintereinander auf eine grade Zahl kam. Oder Hanspeter mit seiner Sockensortierstörung (eine SoSo Störung). Hanspeter konnte nicht schlafen, wenn er vor dem Zubettgehen nicht alle seine Socken im Wohnzimmer auf einen Haufen warf und dann auf dem Boden ausgelegt wieder sortiert hatte … eigentlich so wie sie vorher waren. Benno vergass über diesen Gedanken beinahe sein eigenes akutes Problem und dachte so für sich, dass Verena und Hanspeter irgendwie ganz gut zusammenpassen würden.

Aber das half ihm jetzt nicht. Er musste sich eine Strategie überlegen, wie er heute zu neuen Doppelrippunterhemden kam, so dass er morgen wieder ins Regierungsgebäude und zu seiner Arbeit gehen konnte. Er machte einen Plan. Als erstes würde er Rosa Maglietta anrufen – das würde er grad noch schaffen – und ihr sagen, dass sie fünf Doppelrippunterhemden für ihn auf die Seite legen sollte. Sie wusste zum Glück ganz genau, was er brauchte. Farbe (weiss natürlich!), Grösse und Marke, alles hinterlegt. Erleichterung machte sich breit. Gott sei Dank war es Winter und so würde er um halb sechs am Abend im Dunkeln mit seinem anthrazitgrauen Kapuzenpullover, der alten Jeans und – Corona sei Dank – einer schwarzen Hygienemaske auf den Weg machen. So erkannte ihn sicher niemand und sein desolater Zustand würde nicht auffallen.

Es war noch eine ganze Weile bis um halb sechs. Er hatte Rosa erreicht und sie hatte ausreichend Ware vor Ort – uff. Auf seinem Sofa sitzend, nicht wirklich arbeitsfähig und vor sich hin sinnierend, kamen ihm 1000 Störungen von anderen Menschen in den Sinn. Ich gehe niemals ohne Föhn in die Ferien. Ich muss immer eine Büroklammer in der Handtasche haben. Ich bekomme hohes Fieber, wenn es kein Glacé im Tiefkühler hat. Ich bekomme einen Lachkrampf, wenn ich Gartenzwerge sehe. Benno fand das alles gar nicht so schlimm, denn bei all diesen Störungen konnte man vorbeugen. Das Problem entstand erst, wenn man genau das nicht tat. So wie er gestern. Das war kein Trost, aber eine gewisse Sicherheit, dass er es wieder unter Kontrolle bekam.

Ja, Kontrolle ging nur mit Doppelrippunterhemd. Definitiv. Dabei kam ihm die alte Geschichte mit Onkel Alfonso in den Sinn. Onkel Alfonso hatte eine krasse «Ohne-sauberen-Bauchnabel-bewegungsunfähig» Störung (OsBb). Jeden Morgen putzte er mit Akribie und einem Wattestäbchen seinen Bauchnabel und ging dann stolz erhobenen Hauptes aus dem Haus. Einmal, als sie in den Ferien in Italien waren – tutta la famiglia – hatte Onkel Alfonso seine Wattestäbchen zuhause vergessen. Er bemerkte es, als er am Morgen seinen Bauchnabel säubern wollte und konnte sich grad noch setzen. Wie im Schock sass er in Unterhose und Socken auf seinem Bett, bewegte sich nicht mehr und starrte auf seinen inzwischen etwas gewölbten Bauch. Dieses Bild vor dem inneren Auge wurde Benno urplötzlich klar, was Unterhemden für ihn bedeuteten! Schutz des Bauchnabels. Ja, das musste es sein. Obwohl, das mit dem Doppelripp blieb ein Rätsel.

Am nächsten Tag stand Benno Bünzli stabil und aufrecht wieder an seinem Politikerrednerpult als wäre nichts gewesen. Er hielt eine brillante und flammende Rede darüber, dass Politiker auch nur Menschen sind. Elvira sass in der ersten Reihe und zwinkerte ihm zu.

Übrigens wurde Onkel Alfonso damals von der Familie mit einer Schachtel Wattestäbchen wieder aus seiner Schockstarre befreit. Zum Dank kochte er für alle die weltbesten Bratkartoffeln.

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