EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

„Du bist gewählt!“ Gustav konnte es kaum fassen. Seine Frau Dorli umarmte ihn. „Ich habe es immer gewusst. Du bist so gut und die Leute lieben dich! Mein Nationalrat!“ Gustav liess sich feiern, aber irgendwie war ihm das Ganze nicht geheuer. Er war parteilos angetreten, hatte an Wahlveranstaltungen wenig gesagt und wenn er von einer Moderatorin bei einem Podiumsgespräch direkt angesprochen wurde, zögerte er, wiederholte die Frage und wägte öffentlich ab, was dafür und was dagegen spricht. Überrascht registrierte er das Kopfnicken links und rechts von ihm und den Applaus aus dem Publikum. „Was habe ich da gesagt?“ fragte er sich, denn er hatte sich noch gar nicht festgelegt. Auffallend oft nahmen seine politischen Gegner, die er eigentlich gar nicht als Gegner sah, Bezug auf seine Fragen und Überlegungen. Er war von einem unabhängigen Komitee angefragt worden, ob er kandidieren wolle. Seine erste Reaktion war: „Nein, ich bin kein Politiker! Das können andere besser.“ „Genau so jemand brauchen wir!“ war ihre Antwort. „Einer der Fragen stellt, statt schon Antworten zu liefern. Die anderen wissen doch immer, wie es sein muss und was falsch ist.“ Sie nannten sich „Die Gruppe der Ratlosen“. Schliesslich sagte er zu. Auf den Wahlplakaten erschien er in nachdenklicher Pose mit gerunzelter Stirne, das Kinn in eine Hand gestützt. Der Slogan war: „Ich weiss nicht recht… Gustav Gloor in den Nationalrat.“

„Heute koche ich dein Lieblingsessen!“ Dorli war schon auf dem Weg in die Küche.
„Aber ich muss doch zur Wahlfeier! Da gibt es bestimmt ein Nachtessen!“
„Ach was!“ tönte es aus der Küche. „Du gehst zum Apéro, lässt dir gratulieren und dann verabschiedest du dich.“
„Und was sage ich als Entschuldigung?“ Gustav war verunsichert, wie immer.
„Sag einfach: meine Frau Dorli hat mein Lieblingsessen gekocht. Pouletgeschnetzeltes an einer Rahmsauce mit Bratkartoffeln und grüne Bohnen. Sie hat halt nicht geglaubt, dass ich gewählt werde. Und dann verschwindest du!“

Genau das tat er. Am Montag war es die grosse Schlagzeile in fast allen Zeitungen: „Pouletgeschnetzeltes mit Bratkartoffeln für den Wahlsieger!“ In allen Kommentaren wurden seine Ehrlichkeit, Bodenständigkeit und sein erfrischendes Anderssein gelobt. „Ein echter Vertreter des Volkes!“ war der allgemeine Tenor.

Einen Monat später fuhr er zur ersten Session nach Bern. Er hatte vom Parlamentsdienst viel Papier zugeschickt bekommen. Reglemente, die er lesen musste, Verhaltensanweisungen, Formulare zum Ausfüllen, Gesetzestexte und Unterlagen zu den anstehenden Geschäften. Er las alles und fragte sich zunehmend, was er in Bern verloren hatte. Sein Notizblock füllte sich mit Fragen. Von verschiedenen Parteien kamen Anfragen, ob er ihrer Fraktion beitreten wolle. Er sagte überall ab. Er passe nicht so recht zu ihrem Parteiprogramm. Sein Wahlslogan ergab immer wieder ein gutes Argument: „Ich weiss nicht recht…!“

In all den Papieren stach ihm ein Geschäft besonders in die Augen: „Entscheid zur Übernahme der EU-Normen für Unterwäsche“. Auf über fünfzig Seiten wurde beschrieben, welche Vor- und Nachteile für die Schweiz zu erwarten wären, wenn sie die EU-Normen für Unterhosen, Slips, Leibchen, Tangas oder Bodys übernehmen würde. Gustav ging interessiert die Listen der verschiedenen Textilien durch und staunte was er dabei alles lernte. Mercerierte, supergekämmte Baumwolle, nahtlos rundgestrickt, hochelastischer Single-Jersey, reduzierte Pillingbildung (Knötchenbildung), temperaturregulierend, Feinripp oder Doppelripp. Schon beim Lesen spürte er, wie seine Unterwäsche, die er seit Jahren trug, ihm zunehmend unbequem erschien. Die Nähte rieben an seinem Bauch und unter den Armen und er vermisste das Wohlgefühl, das in den Produktbeschreibungen im Internet versprochen wurde. Da er kein Mann der Theorie war, bestellte er das Modell „Naturbursche“, ein Doppelrippunterhemd bei Schiesser im Doppelpack, zusammen mit den passenden Unterhosen. Die trug er nun auf seiner Fahrt nach Bern und er würde sie auch tragen, wenn er sein Einstandsreferat im Nationalrat halten würde: ein flammendes Plädoyer für die Übernahme der EU-Normen für die Doppelrippunterhemden. Er hatte sein Thema gefunden.

 

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