EINE GESCHICHTE VON TONYETTLIN

 

Mario war völlig von den Socken, verblüfft, ja erschüttert darob, was ihm eben widerfahren war. Etwas, was er noch vor Stunden für völlig unmöglich gehalten hätte. Geschweige denn, dass er sich selber als Hauptperson darin finden würde. Immer wieder schüttelte er den Kopf, murmelte leise vor sich hin. Dann hörte er die Haustüre aufgehen und wie sie wieder ins Schloss fiel. Monika legte Schlüssel und Tasche auf die Kommode, hängte ihre Jacke an die Garderobe. Sie ging ein zwei Schritte Richtung Küche, blieb dann, in die Stille horchend kurz stehen. Seltsam, dachte sie, normalerweise ist er doch längst bei ihr, um sie mit einer Umarmung zu begrüssen. Mario aber steht wie angewurzelt in der Küche. Monika geht auf ihn zu, mustert ihn und meint: „Mensch Mario, was ist denn mit dir los?“

„Hallo, Schatz. Alles bestens.“ Er schüttelt sich, als würde er gerade aus einem Traum aufwachen, geht auf sie zu, umarmt sie, küsst sie ins Haar und drängt sie sanft rückwärts aus der Küche. „Könntest du noch einen Moment in dein Zimmer gehen? Ich brauche noch ungefähr eine Stunde. Ich bin gerade mit etwas Wichtigem beschäftigt. Ich erzähle dir alles nachher.“ Irritiert schaut sie ihn an. Sein Blick flackert als sehe er hinter ihr ein Gespenst. Instinktiv dreht sie sich um. Da ist nichts. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer steht offen. Der Vorhang bewegt sich in einem Luftzug, der durch das halb geöffnete Fenster hereindringt. Marios Jacke liegt auf dem Bett, offensichtlich in aller Eile ausgezogen. Ohne gross Widerstand zu leisten lässt sie sich ins Schlafzimmer drängen und setzt sich aufs gemachte Bett, während er die Türe zuzieht und ihr noch kurz verlegen zuwinkt. Was hat das alles zu bedeuten? Verheimlicht er ihr etwas? Hat sie ihn am Telefon mit einer Geliebten erwischt? Oder hat er etwas Geschäftliches zu erledigen, das streng vertraulich ist? Bei seiner Arbeit als Anwalt gibt es oft Themen, die er nicht mit ihr besprechen kann. Aber warum steht er in der Küche? Sie atmet tief durch, zieht ihre Jacke und die Schuhe aus und legt sich aufs Bett. Sie hat einen strengen Arbeitstag hinter sich und ein kurzes Nickerchen kommt ihr gerade recht. Im Halbschlaf hört sie Musik, dazwischen scheppert es metallisch, etwas schleift über den Boden, als würden Stühle gerückt. Dann schläft sie ein und träumt, sie würde das Käsesoufflée zubereiten, für das sie in ihrem Freundeskreis so berühmt ist.

Mario hat sich gefasst. Auf der Heimfahrt vom Büro war es ihm plötzlich eingefallen: Heute war ihr zehnter Hochzeitstag! Es traf ihn wie ein Blitz aus dem heiteren Himmel. Er bog in den nächsten Parkplatz ein, um durchzuatmen. Nicht die Tatsache, dass er den Termin fast vergessen hatte, erschütterte ihn. Nein! Das wäre das Normale und Monika hatte sich daran gewöhnt. Es verblüffte ihn, dass er sich jetzt an den Hochzeitstag erinnerte und dass Monika nicht schon am Morgen eine Andeutung gemacht hatte. Sie, die doch alle Termine gespeichert hatte! Er war völlig von sich selbst überrascht. Im Geschäft war er bekannt dafür, dass er keinen Termin verpasste, aber privat war Monika für die Geburtstage, Hochzeitstage, Jubiläen zuständig. Das war die Gelegenheit, das Muster zu brechen! Wenn er sich beeilte, würde es noch reichen, die Einkäufe zu machen und vor Monika zuhause zu sein.

Jetzt steht er in der Küche und staunt noch immer über das Unglaubliche, das sich gerade ereignet hat, als die Haustüre aufgeht. Schnell Monika ins Schlafzimmer drängen, Zeit gewinnen, sich nichts anmerken lassen, so tun als hätte er noch etwas Dringendes zu erledigen.

Nach einer Stunde weckt er Monika mit einem Kuss und führt sie ins Wohnzimmer.
„Was ist denn das?“ ruft sie erstaunt aus, als sie den weiss gedeckten Tisch sieht. „Gibt es etwas zu feiern?“
„Alles Gute zum zehnten Hochzeitstag, meine Liebe!“ Er umarmt sie und kostet seinen Triumph aus.
„Was! Du hast daran gedacht! Es wird schwarzen Schnee geben!“ Sie küsst ihn stürmisch.
„Ich freue mich riesig! Und hast du etwa selber gekocht?“
„Nimm Platz, das Essen wird gleich serviert!“ Er schiebt ihr den Stuhl zurecht, schenkt den Brunello ein und verschwindet in der Küche.
Triumphierend trägt er das wunderbar aufgegangene Käsesoufflée und den Salat auf.
„Die Spezialität des Hauses!“
Sie kann ihre Freudentränen nicht zurückhalten.

Als sie nach dem Essen mit einem Kognak auf dem Sofa sitzen, sagt Monika: „Das ist ja unglaublich lieb von dir. Nur eines muss ich doch erwähnen: unser Hochzeitstag ist erst in einem Monat.“

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