EINE GESCHICHTE VON ISABELLEHEROLD

 

Es gehörte zu Leila’s liebsten Geschwister-Ritualen: Seit Jahren schenkten sie und ihre Zwillingsschwester Louisa sich gegenseitig einen Adventskalender. Leila hielt das ganze Jahr über Ausschau nach kleinen Geschenken: Sie brachte von jeder Reise und Konzerttournee Souvenirs mit, suchte sämtliche neuen Pop-up Stores der Stadt auf und durchstöberte samstagmorgenlang die Flohmärkte. Ihre Trouvaillen sammelte sie in einer Kiste, führte eine säuberliche Liste und hatte meist schon kurz nach den Sommerferien ihre 24 Präsente bereit.
Ganz anders Louisa. Als Onlinejournalistin und Gemeinderätin war sie pausenlos beschäftigt und besorgte die kleinen Geschenke immer erst auf den letzten Drücker. Die meisten kaufte sie im Supermarkt, hier ein Schoggistängeli, da ein Kaugummipack – wenig originell und viel liebloser als ihre Schwester, das war ihr schon bewusst. Aber von ihr aus wäre es auch nicht nötig gewesen, diese Päckli-Kalender-Tradition ins Erwachsenenalter mitzuziehen. Doch sie wusste, wie viel es Leila bedeutete und wollte keine Spassbremse sein. Jahr für Jahr nahm sie sich vor, das nächste Mal früher anzufangen und etwas mehr Herzblut in die Sache zu stecken. Doch Jahr für Jahr blieb es beim guten Vorsatz.
Dann kam das Jahr 2020 – und brachte das gewohnte Leben nicht nur der zwei Zwillingsschwestern, sondern der ganzen Welt durcheinander. Als Leila realisierte, dass es diesmal nix werden würde mit Auslandreisen und ihr auch beim Gedanken an ausgiebiges «Lädele» mulmig zumute wurde, fing sie an, das Internet nach Bastelideen zu durchforsten. So füllte sich ihre Kalender-Kiste bald mit gestrickten Pulswärmern, Christbaumschmuck aus Salzteig und vielen weiteren, liebevoll gefertigten Handarbeiten. Besonders stolz war sie auf die vier selbst genähten Masken, jede mit einem anders gemusterten Stoff mit antiviraler Wirkung. Diese datierte sie auf die vier Adventssonntage, denn die Sonntagsgeschenke sollten gemäss Leila immer etwas Besonderes sein.
Und Louisa? Sie hatte den Kalender ob der ganzen ausserordentlichen, besonderen und sowieso turbulenten Lage komplett vergessen. Als Leila sie am Morgen des 30. November anrief um zu fragen, ob sie sich ihre Kalender gegenseitig per Velokurier schicken sollten oder vielleicht doch eine persönliche Übergabe mit der nötigen physischen Distanz wagen könnten, gefror ihr das Blut in den Adern. «Eeeehem, ich komme heute Abend so gegen sieben bei dir vorbei, okay?», sagte sie kurz angebunden und verabschiedete sich. Angestrengt dachte sie nach, wie sie es schaffen könnte, bis am Abend 24 halbwegs sinnvolle Geschenke aufzutreiben. Zumal sie bis 18 Uhr zwei Artikel abgeben musste, von denen der eine erst im Grundzügen stand und der andere noch nicht ansatzweise. Ihrer Schwester reinen Wein einzuschenken oder sie um Aufschub zu bitten, kam nicht in Frage. Leila hatte dieses Jahr ohnehin schon genug einstecken müssen – als Cellistin waren fast all ihre Auftritte abgesagt worden, und ihre Dating-Aktivitäten schienen auch erfolglos verlaufen zu sein. Eine weitere Enttäuschung, noch dazu von der eigenen Schwester, wollte sie ihr wirklich ersparen.
Nervös fingerte Louisa auf ihrem Telefon herum, in der diffusen Hoffnung, es liefere ihr eine smarte Lösung für ihr Problem. Aber die Suchresultate liessen sie erst recht ratlos zurück. Sie scrollte durch ihre Kontakte und überlegte, ob ihr allenfalls jemand mit einem guten Tipp helfen könnte. Viele nette Gesichter schauten ihr aus den Profilbildern entgegen – und Louisa wurde bewusst, wie lange sie zu den meisten keinen Kontakt mehr gehabt hatte. Plötzlich durchfuhr sie eine Idee. Sie holte einen Notizblock und schrieb die Namen all der Personen heraus, die sie und Leila beide kannten. 56 Namen kamen zusammen. Freundinnen und Freunde aus der Schulzeit, zwei sogar aus dem Kindergarten, Kollegen vom Sport, ehemalige Nachbarn und natürlich eine ganze Reihe Verwandter – vom Onkel im Altersheim bis zu den Cousinen in Kanada. Louisa setzte Kreuze neben einige Namen, andere strich sie durch. Mehrmals ging sie die Liste durch, bis sie schliesslich 24 Kreuze zählte und zufrieden nickte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Louisa richtig stolz auf ihren Kalender. Sie würde ihrer Schwester keinen Krimskrams, sondern 24 Gespräche mit wunderbaren Menschen schenken.
Während sie die jeweiligen Telefonnummern – ohne die Namen, schliesslich wollte sie es geheimnisvoll machen – auf schöne Karten schrieb und diese einzeln in nummerierte Couverts steckte, kam ihr ein weiterer Einfall. Warum sollte ihre Schwester denn nur Leute anrufen, die sie bereits kennt? Zumal Louisa ein paar sehr nette Männer in ihrem Bekanntenkreis hat, die sie Leila ohnehin schon lange einmal vorstellen wollte? Kurzerhand entfernte sie vier Verwandte aus der Liste und fügte schmunzelnd vier neue Kontakte hinzu – einen für jeden Adventssonntag. Denn die Sonntage sollen ja schliesslich etwas ganz Besonderes sein.

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