EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Es nieselte leicht und war kalt. Peter vergrub seinen Kopf noch etwas tiefer im Mantel und hastete weiter zum Bahnhof. Er beachtete die vielen Leute nicht und auch für die schöne Weihnachtsbeleuchtung entlang der Strasse hatte er keinen Blick übrig. Er hatte es nicht mehr so mit Weihnachten und festlicher Stimmung, seit er alleine war. Etwas missmutig hing er seinen Gedanken nach. Er übersah dabei den alten Mann vor ihm und prallte in ihn. Er konnte ihn gerade noch halten, bevor er zu Boden stürzte.

“Entschuldigung, tut mir leid”, stammelte Peter, “ist alles in Ordnung?” Der alte Mann blickte auf und nuschelte nur leicht vorwurfsvoll: “Ja, ja, keine Bange. Ich verkaufe hier ja auch nur meine Adventskalender. Und auch nur noch den Letzten, dann kann auch ich nach Hause gehen.” Peter nickte schuldbewusst. “Okay, ich kaufe Ihnen den ab”, erwiderte er und gab ihm eine Zehnernote. “Behalten Sie den Rest und einen schönen Feierabend”. Er erwischte gerade noch seinen Zug.

Zu Hause legte der den Adventskalender einfach auf den Tisch. Er machte sich auch nichts mehr aus Adventskalender. Am nächsten Tag war der erste Dezember. Zwischen zwei Schlucken Kaffee stellte Peter den Kalender auf und schaute nur kurz darauf. Er war etwa so gross wie ein Blatt A3, aus Karton mit einem Tannenbaum, der sich selbst auffaltete. Sonst nichts. Er stutzte. Er sah keine Türchen oder Nummern, nur einen grossen Tannenbaum im Kartonrahmen. Nichts mehr. Er ärgerte sich. Wurde er hinters Licht geführt? Das war doch kein Adventskalender. Er liess ihn stehen und ging zur Arbeit.

Er war gerade im Tram, als eine Gruppe Kleinkinder mit Betreuerinnen einstieg. Die Kinder waren zwar ruhig, aber Peter war nicht richtig entspannt. Eines der Kinder kam auf ihn zu und streckte ihm einen Schleckstengel hin. “Da da”, sagte das kleine Mädchen nur. Peter wollte abwinken, aber das Mädchen war hartnäckig und hielt ihm weiter den Lillipop hin. “Danke”, sagte Peter schliesslich und versuchte ein Lächeln. Das Mädchen quietschte freudig und ging zur Gruppe zurück.

Zu Hause holte Peter den Schleckstengel aus der Tasche. Eine grosse “1” war auf der Verpackung. Er legte ihn zum Adventskalender und da bemerkte eine kleine Lasche im Baum. Instinktiv fädelte Peter den Schleckstengel ein – er passte. Komisch, dachte Peter für sich, diese Lasche hatte er am Vortag gar nicht bemerkt.

Am nächsten Tag war der Zug etwas verspätet und so verpasst er das Tram. Er schlenderte etwas herum. Weiter vorne waren zwei junge Männer am Verteilen von Süssigkeiten. Einer kam auf Peter zu, streckte ihm ein Mailänderli hin, sagte freundlich durch die Maske hindurch: “Einen schönen Tag heute” und verschwand wieder. Peter schaute auf das Guetzli, es hatte die Form einer “2”.

Zu Hause schaute als erstes auf den Adventskalender. Tatsächlich, da war noch eine Lasche mit einem kleinen Haken und er hängte das Mailänderli daran. Er wunderte sich und schaute sich den Adventskalender genauer an. Aber er sah nichts Aussergewöhnliches, keine weiteren Haken, Ösen oder Laschen. Er schüttelte den Kopf. Das kam ihm sonderbar vor.

Er passte gut auf am nächsten Tag. Doch nichts geschah. Immerhin nahm Peter die Lichter wahr und den Duft eines Glühweinstandes. Er war aber fast etwas enttäuscht, als er im Zug nach Hause sass. Die junge Frau, die ihm gegenüber sass, kannte er nicht. Sie stand an der Station vorher auf und gerade als sie ausstieg, bemerkte Peter, dass sie auf dem Sitz etwas schien verloren zu haben. Er hob es auf, aber die Frau war schon weg und der Zug fuhr ab. Es war ein kunstvoll gefaltetes Stück Papier in der Form einer “3” und einem Schriftzug “Frohe Adventszeit”. Zu Hause hängte Peter nicht erst den Mantel auf, sondern schaute stracks nach dem Adventskalender. Und genau: da war schon wieder eine Lasche entstanden.

Peter schlief unruhig. Die Sache mit dem Adventskalender beschäftigte ihn. Das ist doch nur ein leerer Adventskalender, dachte er, als er kurz aufwachte. Eigentlich sollte der doch voll und bis Weihnachten geleert sein. Und da geschah irgendwie etwas Umgekehrtes. “Das ist eben Weihnachten”, hörte er eine innere Stimme sagen. “Ach quatsch”, sagte eine andere, “das ist doch Zufall und Marketing gehört in dieser Zeit einfach dazu.”

Am Arbeitsplatz hörte er sich vorsichtig um. Nein, es schien keine geheimnisvollen Adventskalender zu geben. Die meisten Kolleginnen und Kollegen hatten einen – traditionelle, wie ihn auch Peter kannte. Er hatte sich schon lange nicht mehr so ausgiebig mit den Kollegen unterhalten. Nach der Kaffeepause lag eine kleine Schokolade neben seiner Computer-Tastatur. Auf der Verpackung prangte eine rote “4”. Peter sah sich um, niemand schien etwas zu wissen oder gesehen zu haben. Und Peter wusste schon, zu Hause würde er wieder eine Lasche vorfinden.

Peter war gespannt. Er schaute sich in der Stadt um, musterte die Leute, nahm an Gesprächen teil, äusserte seine Meinung, engagierte sich wie nie zuvor, aber es war ihm irgendwie nicht möglich, herauszufinden, wer oder was für ein Schema hinter diesem Adventskalender steckte. Aber jeden Tag tauchte irgendwo etwas auf und passte zu Hause in seinen Adventstannenbaum, der immer voller wurde.

Und plötzlich freute er sich auf den nächsten Adventstag – etwas, was ihm schon lange nicht mehr passiert war. Er wunderte sich, was am 24. Dezember sein würde. Irgendwie musste etwas geschehen, das war ihm nun klar. Und dann ertappte er sich dabei, wie er sich auf den Tag freute. Genauso, wie es früher war. Ja, sagte er schliesslich zu sich selber, Weihnachten kann dieses Jahr auch für ihn kommen.

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