EINE GESCHICHTE VON LISA

 

Noch während die Lärchen im Engadin leuchten, kommen im Globus schon die Weihnachtskugeln in den Verkauf. Und wenn die Nadeln dann der Schwerkraft nicht mehr widerstehen können, werden sie durch das November-Grün der Engadiner Landschaft abgelöst. So weit das Auge reicht eine grosse Stille. Als wäre das Hochtal eine leere Kathedrale, die zum Meditieren einlädt. Noch stiller wird es im Dezember. «Überall ist es still, nur draussen schneit es», hat mal mein Schwager aus dem Engadin geschrieben. Und dann kommt ER, der Adventskalender.

Kaum jemand wird von ihm verschont. Maurus ist ein ausgebuchter junger Mann. Vor kurzem hat er sein Studium als Jurist abgeschlossen. Er arbeitet als Gerichtsschreiber. Das strapaziert seine Gehirnzellen ziemlich stark. So vieles ist neu und anders als im Studium. Dann ist da seine Klarinette. Maurus spielt in einem kleinen Orchester. Das Üben braucht Zeit. Und keinesfalls möchte er seine körperliche Fitness verlieren. Deshalb geht er so oft wie möglich in die Kletterhalle. Auf dem Heimweg ist der Italiener, bei dem er Mascarpone, Salami und Aceto Balsamico einkauft, neben dem wöchentlichen Einkauf bei Manor. Maurus kocht und isst gerne. Wahrlich kein Kostverächter. Auch im weiteren Sinne nicht. Aber für Frauen hat er einfach zu wenig Zeit. Und wenn schon, da wäre ja zuerst einmal seine Mutter, die allein in ihrem grossen Haus lebt.

Schau Mama, meint er bei einem der seltenen gemeinsamen Spaziergänge, jetzt endlich wieder einmal Ende November. Ich weiss, dass du dich gefreut hättest auf heute, wenn ich vorher telefoniert hätte. Aber jetzt ist gerade mein PC ausgestiegen, und diese Gelegenheit wollte ich packen. Du weisst gar nicht, was Vorfreude ist, mein lieber Sohn. Ein Anruf ein paar Tage voraus, und ich hätte die Stunden ausgekostet, bis du kommst. Neun Monate auf dich zu warten, das war einfach wunderbar. Ich malte mir aus, wie es sein wird, dich in den Armen zu halten. Diese Zeit vor deiner Geburt war voll von schönen Fantasien. Ich liebe Überraschungen, meint Maurus. Vorgestern läutete es an meiner Tür. Die Hausbesitzerin stand mit einem Blumenstrauss da. Sie dankte mir, dass ich nur zu den abgemachten Zeiten übe, und dann sei sie immer erfreut über die schönen Melodien. Sie freue sich sogar darauf. Die tiggt wie du, Mama.

Ich hab’s halt gerne spontan. Ich bin immer gespannt, was in meiner mailbox ist. Oder wer mir zu Weihnachten einen Brief schreibt. Übrigens, ich habe auch einen Adventskranz, stell dir vor. Aber ich werde schon am 1.Dezember alle Kerzen anzünden. Waff! Dann habe ich 4 Wochen lang ein richtiges Feuerwerk. Es wäre ja schade um die letzte Kerze, die sonst nur wenige Tage brennt.

Maurus wird nachdenklich. Ich will auch nicht wissen, wann ich sterbe, oder wann der Hexenschuss einfährt. Es ist alles früh genug, wenn es dann wirklich kommen muss. So mache ich mir auch keine Sorgen auf Vorrat.

Den Tod möchte ich auch nicht im voraus wissen, meint sie, aber bei deinem Vater war es halt schon gut, dass wir uns nach langer Krankheit verabschieden konnten. Und ich möchte nie die zwei Jahre missen, wo wir uns auf die Hochzeit gefreut haben. Ich war für eine so lange Zeit eine stolze Verlobte. Alles nur «subito» wäre nicht mein Ding. Und ob ich nun meine Pension nach meiner Prokuristinnen-Laufbahn ersehnte oder befürchtete- Hauptsache, ich hatte Zeit, mich darauf einzustellen. Maurus fragt nicht nach. Er weiss nicht einmal, ob sich die Mutter gefreut hatte auf die Zeit nach der Arbeitsphase. Tempi passati.

Maurus schaut auf die Uhr. Mama, wenn ich noch einen Kaffee mit dir trinken soll, müssen wir jetzt zurück.

Beim Haus angekommen, leert die Mutter den Briefkasten. Schau mal, ein Adventskalender.

Er liegt auf dem Tisch, neben den Kaffeetassen und dem Gugelhopf. Schau Mama, wir hatten ja auch jedes Jahr einen Adventskalender als Kinder. Es war doch auch immer wieder überraschend, was für ein Bild zum Vorschein kommt. Und die Überraschung ist eingefahren mit vollem Adrenalin, wenn ich ein tolles Weihnachtsgeschenk bekam.
Der Adventskalender ist wirklich geheimnisvoll, meint die Mutter. Er hat beides, Vorfreude und Überraschungen. Ich freute mich als Kind immer auf den nächsten Abend mit dem neuen Fenster. Und erst auf den 24.Dezember! Du meinst, der Adventskalender ist die gute Mischung zwischen uns? Zwischen denen, die auf der Sehnsuchtswarte hocken und denen, die den Nachbrenner einschalten nach der Überraschung? Maurus zwinkert mit einem Auge. Er verabschiedet sich und hütet sich, einen nächsten Termin in Aussicht zu stellen

Vor dem Haus schaut er nochmals zurück. Die Mutter steht am offenen Fenster. Ich freue mich so auf die erste Januar-Woche, meint sie, dann werde ich nach Sils Maria fahren. Und ich, meint Maurus, werde mich im neuen Jahr wohl Knall auf Fall verlieben!
Immerhin erwägt er auch schon jetzt so eine Möglichkeit, denkt sie mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht und schliesst das Fenster.

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