EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Pepe klopfte und trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten. Er leistete der Bitte Folge, sich im Präsidiumssekretariat um halb Zehn zu melden. Und nun war er hier. Die Frau am Schreitisch erhob sich.

“Mein Name ist Mara Cuja”, sagte sie, “schön, dass Sie gekommen sind.”

“Mein Name ist Roni, Pepe Roni”, erwiderte Pepe und nahm am Besprechungstisch Platz. “Nun erzählen Sie mal”, forderte er Mara auf.

“Seit dem ersten Dezember haben wir jeden Tag einen gelben Umschlag mit einem Puzzleteil und einer Nummer erhalten – wie ein Adventskalender. Keine Ahnung vom wem. Aufgegeben immer in der Nähe einer anderen Postfiliale in der Stadt. So weit, so lustig. Gestern erkannten wir aber, dass auf dem Puzzle ein Gebäude und eine Bombe erscheinen. Allerdings ist uns das Gebäude noch völlig unbekannt. Heute ist der dreizehnte Dezember und wir befürchten, dass an Weihnachten ein Gebäude gesprengt werden soll. Ab hier nicht mehr lustig. Deshalb haben wir den Geheimdienst eingeschaltet.”

Pepe nickte, nahm die Puzzleteile und verabschiedete sich. Er rief seinen Freund Tom Ate an und traf sich mit ihm im ‘Au Bergine’, seinem Lieblingsrestaurant. Er bestellte einen Ananassaft mit Minze, geschüttelt, nicht gerührt.

“Wie ernsthaft ist dieser Adventskalender?” fragte Tom. “Nun”, antwortete Pepe mit einem Schulterzucken, “das wissen wir noch nicht. Erst müssen wir Zeit, Ort und Inhalt des Ereignisses herausfinden. Und natürlich, wer dahintersteckt.”

Tom machte sich auf den Weg, um die Absendeorte anzuschauen. Vielleicht ergab sich daraus ein Muster. Pepe besuchte Ban-A-Ne, seinen Freund aus Costa Rica. Er war etwas gelb im Gesicht und ging leicht gekrümmt, aber er nahm sich Zeit. Er setzte das Puzzle soweit als möglich zusammen und betrachtete es eine Weile angestrengt.
“Hm”, meinte er schliesslich. Pepe zog die Augenbraue hoch. “Das Gebäude sieht derzeit nach einem Industriekomplex aus – allerdings etwas abstrakt gezeichnet, damit man es nicht sofort erkennt”, fuhr Ban-A-Ne fort. “Und etwas anderes fällt mir auf. So wie das Puzzle gezeichnet ist, werden wohl nicht alle Teile benötigt, um den Inhalt erkennen zu können.” Pepe horchte auf. “Du meinst, die Bombe könnte auch schon ein oder zwei Tage früher hochgehen?” folgerte er. Ban-A-Ne nickte nur wortlos.

Pepe’s Telefon klingelte. Es war Tom. “Ich habe eine Spur”, berichtete er etwas atemlos. “Ich konnte die bisherigen Absendorte etwas genauer eingrenzen. Wenn ich die auf dem Stadtplan einzeichne, erhalte ich eine Figur. Und diese sieht derzeit nach einer Kerze aus.” Pepe legte auf. Sie hatten wohl noch maximal sieben Tage Zeit, dann musste das Rätsel um den Adventskalender gelöst sein.

Zusammen mit Tom legte Pepe die erwarteten kommenden Absendorte für die Figur einer Kerze auf einem Tannenzweig fest. Dann boten sie die Brüder One auf. Zitr und Mel One hatten nicht viel zu tun und zusammen mit ihrem Cousin Lim würden sie die nächsten Tage alles beobachten, was sich bei den möglichen Briefkästen tun wird.

Pepe traf sich wieder mit Mara Cuja. “Warum hat das Präsidiumssekretariat diese Puzzleteile erhalten? Hat sich die Stadt mit irgendetwas in der Adventszeit unbeliebt gemacht? Womit könnte der Stadt geschadet werden?” überschüttete er Mara mit Fragen.

“Ich weiss nicht”, antwortete sie etwas gedehnt. “Wir hatten sicher eine intensive Diskussion um die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt. Es gibt Leute, die hassen sie und wollen sie insbesondere an Weihnachten abgestellt sehen.” Pepe zog schon wieder die Augenbraue hoch. Das musste er sich genauer ansehen.

Pepe, Tom und die One Familie tauschten sich aus und glichen ihre Beobachtungen ab. “Hier!”, rief Mel One und deutete auf eines der Fotos, “dieser Typ kommt seit vier Tagen zu einem der erwarteten Briefkästen. Er schaut sich kurz um, dann wirft er einen gelben Umschlag in den Kasten – genau wie diese, die wir schon haben.”

“Sehr gut!” lobte Pepe anerkennend, “morgen folgt ihr ihm. Nehmt einen Elektroroller und wechselt euch im Beschatten ab. Meldet mir dauernd den Standort.” Er selber würde in der Nähe eines Hauses am Hafen warten. Er hatte herausgefunden, dass es eine Gruppe von Radikalen gab, die gegen nächtliche Beleuchtungen war und früher mal gedroht hatte, diese zu sabotieren. Sie trafen sich öfters in diesem Haus, eine verlassene Garage. Und vielleicht passte dies ja zusammen.

Pepe wartete in seinem Dienstwagen, den er in einer Seitengasse parkiert hatte. Er fröstelte etwas und blickte auf die Uhr. Kurz nach Mittag. Da, sein Telefon klingelte. “Wir haben ihn”, meldete sich Lim, “blaue Jeans, grüne Jacke und grüne Wollmütze. Er kommt zum Hafen.”
Es klingelte wieder. Es war Tom. “Schlechte Nachrichten. Der Abhördienst hat ein Signal dieses Typen empfangen. Er scheint einen Fernauslöser mit sich herumzutragen.” Pepe fluchte innerlich. Er stieg aus, schnappte sich einen Betäubungsspray und eine Krücke aus dem Kofferraum seines Wagens und humpelte in Richtung des Hauses als wäre er ein invalider Bettler.

Nach nur kurzer Zeit bog ein Mann um die Ecke. Er passte genau auf die Beschreibung. Pepe humpelte auf ihn zu. “Bitte”, krächzte er und hob die Hand. Der Mann zögerte ganz kurz und drehte sich zu ihm hin. Das genügte für Pepe. Er drückte den Auslöser des Sprays und der Mann sackte zu Boden. Blitzartig fing ihn Pepe auf und suchte nach dem Auslöser. Er fand ihn in der Innentasche und schaltete ihn aus. Dann fesselte er den Mann mit Handschellen an das Geländer und rannte zum Haus. Zitr One, der den Mann zuletzt verfolgt hatte, folgte ihm dicht dahinter.

Pepe zog seine Pistole und stürmte ins Haus. “Hände über den Kopf und keine weitere Bewegung!” schrie er. Die vier Personen im Raum waren völlig überrumpelt. Noch bevor sich Pepe gross Gedanken machen konnte wie weiter, tauchte hinter ihm ein Sonderkommando der Polizei auf und liess die Handschellen klicken.

Tom und Inspektor Ap Fel tauchten auf. “Was ist hier den los?” fragte Ap Fel wieder einmal mit grossen Augen. “Keine Zeit”, antwortete Pepe, “muss erst ein Puzzle fertigmachen.” Während Ap Fel völlig verdutzt da stand, gingen Pepe und Tom zum Tisch, wo die restlichen Puzzleteile lagen. Mit dem zweiundzwanzigsten Teil war es dann klar: Es war das Elektrizitätswerk der Stadt. Sofort sandte Pepe das Bombenkommando los.

Pepe mochte nicht wieder ins Präsidiumssekretariat gehen, also traf er sich mit Mara im ‘Au Bergine’. “Advent und Weihnachten sind gerettet”, begann er fröhlich. “Und nun zum Rest. Es war diese radikale Gruppe mit dem Namen “hohle Kerze”, die gegen alle künstliche Beleuchtung ist und deshalb kurz vor Weihnachten durch eine Explosion des Elektrizitätswerks die ganze Beleuchtung – und natürlich auch alles andere in der Stadt – stilllegen wollte. Und das geht natürlich nicht.”

Mara nickte zustimmend. Pepe überlegte kurz, dass sie womöglich an die vielen Weihnachtsessen dachte, die gerettet waren. Er ging da noch etwas weiter und schloss darin auch seinen Ananassaft mit Minze ein. Denn diesen liebte er schön gekühlt.

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