EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Klaus freute sich, aber er war auch ein bisschen angespannt. Er war unterwegs zu seinem ersten Bewerbungsgespräch. Vor drei Monaten hatte er seine Ausbildung abgeschlossen. Er durfte sich jetzt diplomierter Buchhalter nennen.

Nach einer Reihe von Absagen hatte er jetzt direkt eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch erhalten. Natürlich hatte er sich vorbereitet. Die Webseite der Firma studiert. Nichts grosses, aber immerhin. International tätig. Wer weiss, vielleicht konnte er bald schon ins Ausland reisen? Klaus träumte noch ein bisschen vor sich hin. Das Tram hielt an.

Klaus schaute sich das Bürogebäude von aussen an? Könnte er da arbeiten? Es sah schon etwas in die Jahre gekommen aus, hier und da sah er doch abgeplatzte Farbe an der Fassade. Na ja, dachte er, auf das Innere kommt es an. Etwas nervös zupfte er sich nochmals die Krawatte zurecht, strich sich über sein etwas widerspenstiges Haar, holte tief Luft und trat ein.

Mit einem tiefen Seufzer legte die junge Dame am Schreibtisch links die Nagelfeile auf die Seite, drückte sich den Kaugummi in die linke Backe und schaute ihn von oben bis unten an und fragte schliesslich: “Herr Arnold?” Klaus schluckte und nickte. Sie deutete auf ein Sitzungszimmer hinter ihr. “Herr Kreiser wird gleich hier sein”.

Klaus setzte sich hin und schaute sich um. Nicht viel zu sehen, dachte er sich. Ein Tisch, vier Stühle, ein Bild mit irgendeiner modernen, schwarz-weissen Collage. Sieht aus wie ein Fisch auf dem Trockenen, dachte sich Klaus. Er wurde unterbrochen. “Herr Arnold?”, fragte der Mittfünfziger, der eben eintrat, “Kreiser mein Name. Nehmen Sie Platz – ach ja, Sie sitzen ja schon. Gut gemacht.” Klaus schluckte.

“Sie suchen also einen neuen Buchhalter?” fragte er, um ein bisschen ins Gespräch zu kommen. “Ja”, antwortete ihm Kreiser ungerührt, “und den Alten übrigens auch noch. Zusammen mit der Hauptkasse.” Klaus schaute erschrocken drein. “Keine Aufregung”, winkte Kreiser lakonisch ab, “letztes Jahr waren wir wirklich ganz dicht vor dem Abgrund, doch inzwischen haben wir einen grossen Schritt vorwärts gemacht.”

Wieviele Leute arbeiten denn im ganzen Betrieb?” erkundigte sich Klaus vorsichtig. “Nun, wir haben zweiundfünfzig Angestellte, aber wie viele wirklich arbeiten hängt auch davon ab, ob der Chef da ist oder nicht”, sagte Kreiser ohne mit der Wimper zu zucken. Klaus war verwirrt.

“Doch nun zu Ihnen”, meinte sein Gegenüber, “beschreiben Sie sich doch kurz.” Da war Klaus wieder auf stabilerem Grund, aber immer noch völlig verwirrt. “Nun”, schoss es aus ihm heraus, “ich beschreibe mich als jung, dynamisch und völlig erfolglos – äh, Verzeihung, ich meine natürlich völlig erfolgsorientiert. Ich setze mich ein, übernehme Verantwortung und kann mich gut einbringen.”

Herr Kreiser nickte. “Dann schauen wir doch mal. Wieviel gibt Ihrer Ansicht nach zwei und zwei?” Klaus glaubte sich verhört zu haben. Da wurde er als diplomierter Buchhalter tatsächlich gefragt, was zwei und zwei gäbe. Er öffnete schon den Mund, doch dann stutzte er. War das eine Fangfrage? Ging es um mehr als nur die Antwort ‘vier’? Er überlegte fieberhaft. Das hatte er nicht erwartet. In seinen Vorbereitungen zum Bewerbungsgespräch gab es das nicht. Was könnte Herr Kreiser gemeint haben? Es sollte vielleicht nicht einfach mit einem entrüsteten “vier natürlich” herausprusten, sondern – ja was denn sonst?

“Eigentlich vier”, antwortete er schliesslich mit gedehnter Stimme und schaute Kreiser fragend an. “Wieso eigentlich?” fragte Kreiser, “gibt es denn auch andere Lösungen?” Klaus schluckte erschrocken und fühlte sich zurückversetzt in die ersten Schulwochen der Ausbildung. Da hatten sie viel über Brutto, Netto, vor und nach Abzug, Auf- und Abrunden diskutiert. Und auch darüber, dass nicht jede genaue Antwort auch die erwartete sein musste.

Schliesslich nahm er all seinen Mut zusammen und antwortete: “Nun, es kommt auch auf den Blickwinkel an. Aus Sicht des Mathematikers ist es wohl vier, aus Sicht eines Verwaltungsrats sollte es vielleicht eher fünf sein, aber mit Sicht auf das Steueramt wohl besser drei. Wenn ich mir das so im Gesamtkonzept zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vorstelle, dann kann ich mir hier gut vorstellen, dass zwei und zwei manchmal drei gibt.”

Herr Kreiser stand auf. “Vielen Dank für Ihren Besuch”, antwortete er mit einem angedeuteten Lächeln. “Sie kriegen den Job”.

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