EINE GESCHICHTE VON EMANUELFLEUTI

 

Ich kam nach einem ganz gewöhnlichen Tag nach Hause. Schon als ich durch die Haustür ging, merkte ich, dass irgendwas los war. In der Küche sass dann auch meine ganze Familie und hatte grosse Fragezeichen in den Augen. Was ist denn? Fragte ich. «Haustier ist blau», kam es wie aus einem Munde. Erst glaubte ich, mich verhört zu haben und konnte mir das nicht wirklich vorstellen, aber offenbar entsprach es der Wahrheit. Bei den meisten Familien haben Haustiere ja einen «richtigen» Namen. Aber bei uns hiess es eben «Haustier». Das kam daher, dass wir uns nicht auf einen Namen einigen konnten. Seit Monaten nicht, und inzwischen diskutierten wir es gar nicht mehr, und mit Haustier wussten ja auch alle, wer gemeint war. Nun war es blau.

Ich schluckte. Das war es also. Nicht, dass das ja vollständig überraschend kam. Eigentlich, in aller Offenheit, ich hatte so was durchaus kommen sehen. Man geht ja schliesslich mit offenen Augen durch das Leben. A propos Leben. Aber nein, lassen wir das, ich schweife ab. Ich hatte mich glücklicherweise schon länger auf diesen Moment vorbereitet. Überlegt, was ich sagen werde, wie ich mich verhalten, bewegen werde. Und nun galt es ernst.

Als erstes setzte ich die bekannte “Was??, unglaublich!!, unfassbar!!, um Himmels Willen!!”-Mimik auf. In anderen Sprachen geht das kürzer zum Beschreiben: “OMG!” genügt für genau dasselbe. Braucht allerdings viel mehr Ausrufezeichen.

Als nächstes galt es, die Sachlage zu verifizieren. Ich hielt also hörbar die Luft an. Allerdings durch-zuckte mich in dem Moment die Frage, was man denn hören kann, wenn jemand die Luft anhält. In der Regel ist umgekehrt. Sonst funktioniert das ja nicht im Leben. A propos Leben. Aber nein, da war ich glaub schon.

“Haustier ist blau?” fragte ich mit erstauntem Unglauben und zog die Augenbraue hoch. Das hatte ich von einem Freund von mir, Pepe ist sein Name, gelernt. “Wirklich? Wie blau?”

Es hätte mich ja auch gewundert, wenn dann eine einzige Antwort gekommen wäre, oder zumindest verschiedene Antworten nacheinander. Nein. Die ganze Familie, und das waren immerhin vier weitere Stimmen, rief, brüllte und krähte gleichzeitig los. “Hellblau”, “dunkelblau”, “ganz blau”, “stockblau”. “Hedugasto” war so ungefähr das Einzige, was ich heraushören konnte. Das war grundsätzlich auch nicht so wichtig. Es ging ja mehr darum, der vollständig gespannten Situation ein kleines Ventil zu bieten. Ist immer gut, hatte ich mal in einem Managementkurs gelernt. Und es verschafft auch ein bisschen Zeit im Leben. A propos Leben. Nein, davon später.

Damit war das Eis gebrochen und ich konnte mich langsam weiter vortasten. Ich wusste, der nächste Schritt war der Wichtigste. Und den galt es auch mit aller Sorgfalt zu tun. Ich hob also langsam die Hände, Handflächen nach vorne, so als Abwehrhaltung gegen das bald Kommende. Gleichzeitig hob ich langsam die Schultern. Die versteckte Botschaft, dass ich die Antwort auf die nächste Frage nicht wusste und deshalb mit grösster Aufmerksamkeit auf die Reaktionen warten würde. Ich legte gekonnt eine Kunstpause ein. Dazu schluckte ich rasch und sichtbar einmal. Es klappte. Die Augen meiner Gegenüber öffneten sich noch ein bisschen weiter. Und dann warf ich – natürlich nur in übertragenen Sinn gesprochen – die Bombe. Man kann ja schliesslich im Leben nicht alles wortwörtlich umsetzen. A propos Leben. Ach, nicht jetzt. Wo war ich? Die Bombe. “Wovon”, fragte ich also und versuchte noch einen etwas tieferen theatralischen Unterton zu finden.

Ich meine, man kann mit Fug und Recht fragen, was die Frage soll. Auch wenn die Antwort vielleicht schon klar ist, könnte es ja theoretisch mehrere geben. Nehmen wir doch zum Beispiel “blau”. Blau ist von sich auch so ziemlich nichtssagend. Es kann eine Farbe sein. Und schon da gibt es unzählige Farbtöne, helle, dunkle, matte, glänzende. Und dann schon die Farbe an sich: Acrylfarbe, oder doch Dispersion? Aquarell oder Öl? Ich meine Fragen über Fragen.

Oder eine Stimmung. Blau, die Farbe, die kalt wirkt. Die Farbe des Himmels, der Sehnsucht, der Klarheit. Und dem gegenüber die Farbe für eine niedergeschlagene Stimmung. Ein Widerspruch in sich. So wie das Leben an sich. A propos Leben – nein, später.

Ein kurzer Gedanke streifte mich noch. Blau als Folge eines Sauerstoffmangels? Der Körper, der reagiert, wenn man ihm den Lebensschlauch zudrückt. Aber nein: eher weniger.

Und dann natürlich blau als Zustand. Nicht, dass ich da allzu viele einschlägige Erfahrungen hätte. Beileibe nicht. Aber man macht sich so seine Gedanken im Leben. Und diese Gedanken hatte ich mir auch schon in Bezug auf Haustier gemacht. Schon vor einiger Zeit war mir aufgefallen, dass in der Garage die leeren Wein- oder Bierflaschen immer umgekippt am Boden lagen. Ich dachte zuerst immer, dass jemand in der Familie ein bisschen schusselig unterwegs war und daher die Flaschen umstiess. Bis ich eines Tages Haustier in der Garage überraschte. Es sass am Boden und leckte eine kleine Pfütze auf, die sich um eine umgestossene Flasche gebildet hatte. Nicht, dass jetzt jede denkt, ich spioniere Haustier nach. Nein, wirklich nicht. Es war Zufall. Doch ich hielt meine Augen offen. Tatsächlich sollte es nicht das letzte Mal gewesen sein.

Ich kehrte mit meinen Gedanken zurück in die harte Realität, in der meine Familie in der Küche vor mir sass und unisono kommunizierte, dass Haustier blau sei. Nun, es galt, diese Herausforderung anzunehmen und zu meistern. Die Million-Dollar-Frage war platziert und ich harrte der Dinge, die da kommen würden. Wie meistens im Leben.

A propos Leben. Nicht, dass ich vom echten Problem des heutigen Alltags abweichen will, aber es muss doch auch einmal erläutert werden. Ich war kürzlich auf einem Bauernhof und sah mir das Hühnergehege an. Da schlug es mir die Erkenntnis wie eine kanadische Dachlatte um die Ohren. Und die ist immerhin im Format zwei mal vier Zoll und aus solidem Massivholz. Die Hühnerleiter! Das Sinnbild des Lebens. Kurz, steil und noch was Drittes. Ihr wisst schon – und ich bin gut erzogen.

Das brachte mich zurück zur Familie und die offene Frage: Wovon ist Haustier blau? Noch bevor meine Familie wieder alle miteinander je nach Gesichtspunkt die Frage zu beantworten versuchte, legte ich mir ein paar weitere zurecht. Man kann ja nie wissen. Vorbereitung ist alles. “Seit wann ist Haustier blau?” “Tut blau sein weh?” “Hat Haustier eine Erklärung, warum es blau ist?” “Wie lange wird Haustier blau sein?” Fragen über Fragen.

Ich war langsam erschöpft. Und wusste doch genau: es gibt keine Antworten, nur Querverweise.

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