EINE GESCHICHTE VON LISA

 

Ich kam nach einem ganz gewöhnlichen Tag nach Hause. Schon als ich durch die Haustür ging, merkte ich, dass irgendwas los war. In der Küche sass dann auch meine ganze Familie und hatte grosse Fragezeichen in den Augen. Was ist denn? Fragte ich. «Haustier ist blau», kam es wie aus einem Munde. Erst glaubte ich, mich verhört zu haben und konnte mir das nicht wirklich vorstellen, aber offenbar entsprach es der Wahrheit. Bei den meisten Familien haben Haustiere ja einen «richtigen» Namen. Aber bei uns hiess es eben «Haustier». Das kam daher, dass wir uns nicht auf einen Namen einigen konnten. Seit Monaten nicht, und inzwischen diskutierten wir es gar nicht mehr, und mit Haustier wussten ja auch alle, wer gemeint war. Nun war es blau.

Sofort war mir klar, wer das gesagt haben musste. Ein Anruf von der Psychiatrie vorgestern abend: Ihre Schwester ist in der Schweiz. Sie wollte sich 10 Tage bei uns von einem burnout erholen. Sie gab uns das Einverständnis, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Am liebsten würde sie noch 2,3 Tage bei Ihnen und Ihrer Familie verbringen, bevor sie wieder nach Hause fährt nach Südfrankreich.

Es war wieder eine dieser Überraschungen, wie immer wieder in den vergangenen Jahren. Dieser Krankheit gegenüber waren wir hilflos. Dora fühlte sich schon lange verfolgt. Sie wollte uns alle retten, bis ich dann auch zu ihren Verfolgerinnen gehörte. Dem Zahnarzt erzählte sie, jemand habe ihr einen Sender im Zahn eingebaut, damit man sie verfolgen könne. Den Nachbarn erzählte, sie, jetzt sei die grosse Seuche über die Menschheit hereingebrochen, die sie schon lange vorausgesagt habe. Wir seien gesteuert von fremden Mächten. Corona passte jetzt genau in ihr Schema.

Ich bewunderte meine Schwester. Nach der Lehre holte sie die Matura nach und studierte an der Uni. Sie wurde Psychiaterin – was für eine Ironie des Schicksals. Wahrscheinlich wollte sie schon damals besser verstehen, was in ihrem Kopf ablief. Später musste sie den Beruf aufgeben. Sie war nicht fähig, sich in sozialen Strukturen des Staates oder einer Institution zu bewegen. Dann zog sie sich ins Ausland zurück.

Vor Jahren wurde sie in einem gestohlenen Auto aufgegriffen. Sie war nach Israel gereist und wusste bei der Heimkehr nicht mehr, in welchem Flughafen sie ihr Auto hatte stehen lassen. Wir holten sie in die Schweiz, organisierten ärztliche Hilfe. In der Psychiatrie riss sie aus, fuhr ohne Geld und Pass zurück nach Südfrankreich. Wir wussten nicht, wie, aber sie ist war intelligent und fand Wege.

Auch werde ich nicht vergessen, wie sie in Frankreich nachts eine ganze Tube Cortison ass, weil sie sich vergiftet fühlte. Der Notarzt rief natürlich mich an. Sie hatte ja nur mich. Unsere Eltern lebten nicht mehr. Vor Jahren, das ist lange her, glaubten wir einfach, sie hätte einen schwierigen Charakter. Bis sie von Stimmen erzählte, die sie in ihrer Wohnung höre, und sich unter der Bettdecke versteckte.

Für meine Familie war das alles sehr belastend. Die Tante Dora war fast ein Tabuthema. Wir redeten kaum mehr über sie. Nur, wenn wieder etwas passierte. Ich holte mir selber Unterstützung bei einem Berater, der sich mit dem Krankheitsbild auskannte. Distanzieren Sie sich, Sie können nichts machen, riet er mir. Ich hatte meine Schwester im Grunde genommen ja schon lange verloren.

Ich hatte Hilfe gesucht bei der KESB. Der Bescheid war abschlägig. Da Ihre Schwester nicht in der Schweiz lebt, können wir nichts machen. Die Botschaft reagierte ähnlich. Man ist sehr allein in einer solchen Situation.
Dann die Fragen der persönlichen Freiheit. Durfte man so einen Menschen in eine Klinik einweisen? Durfte sie denn nicht anders sein, anders denken? Vielleicht hatte sie ja Recht mit Covid 19? Aber was war, wenn etwas Schlimmes passierte? Immer wieder gab es Zeitungsberichte, die von Angriffen, Tötungsdelikten durch psychisch kranke Personen berichteten. Nicht auszudenken, wenn einmal etwas passierte. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, dass sie jetzt bei uns wohnte, auch nur für 2-3 Tage. Gottseitdank wollte sie selber nach Hause, fühlte sich sicherer in der Umgebung, wo sie lebte.

Aber was, wenn sie wieder monatelang die Post nicht öffnete? Keine Krankenversicherung mehr hatte? Wenn die Behörden annahmen, dass sie nicht mehr lebt, weil sie ja auf keine Briefe reagierte?

Zugegeben, ich verdrängte alles. Es war nicht lösbar. Gestern war das Haustier rot. Jetzt blau. Soll es doch alle Farben des Regenbogens haben. Und soll sie doch dorthin, wo der Regenbogen aufhört. Vielleicht war dort das Pfefferland?
Wieder einmal war ich soweit. Mit schlechtem Gewissen natürlich.

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